Ein leicht zu kritisierender Text zu einem schweren Thema

Folgender Text hat zwar ein Thema und eine Frage, darüber hinaus aber eher Sammelsuriumscharakter… Es geht um die Frage, wie denn die Kommunikation, und nur sie, kommunizieren kann, obwohl ihr die Fähigkeit fehlt zu Prozessieren. Ich möchte darstelle, dass die Kommunikation weder über ein Gedächtnis noch über einen „Arbeitsspeicher“ verfügt. Auf beides ist sie jedoch angewiesen. Frage: Kompensiert sie diesen Mangel durch Leistungsbeziehungen zu den strukturell gekoppelten psychischen Bewußtsein(plural)?

Dieser Satz: „Der Mensch kann nicht kommunizieren, nur die Kommunikation kann kommunizieren.“ aus „Wissenschaft der Gesellschaft“ (Seite 31) wird erschreckend oft nachgeplapert, ohne dass dabei wirklich geklärt wird, werden kann, was er bedeutet.

So überraschend ist der Satz nämlich eigentlich nicht. Verwirrung stiftet er nur, wenn man unter Kommunikation die alltagsweltliche Notwendigkeit und Beliebigkeit von Gerede, Absprachen, Unterhaltung, Erzählungen usw. versteht. Von Anfang an jedoch versteht man in der Systemtheorie Kommunikation eben nicht auf diese Weise, sondern als Operation sozialer Systeme. Die, um mit einer schönen Formulierung gleich wieder damit abzuschließen, die Welt nicht mitteilt, sondern einteilt. „Die Kommunikation teilt die Welt nicht mit, sie teilt sie ein in das, was sie mitteilt, und das, was sie nicht mitteilt.“ (Wissenschaft der Gesellschaft, Seite 27)

Nur einen Schritt entfernt, gelangt man bereits zum sozialen System. Kommunikation ist die Operation, die etwas mitteilt. Über das „Etwas“ stellt sie Fremdbezüge her und über die „Mitteilung“ den notwendigen Selbstbezug. Salopp: Das „Etwas“ muss ja jemanden interessieren, dem es mitgeteilt wird.

Die Einteilung der Welt in Mitgeteiltes und nicht mitgeteiltes wäre jedoch auch als pure Beobachtung analytisch beschreibbar. Dann nämlich, wenn man den Mitteilungsaspekt herausrechnet. Beobachtungen teilen die Welt ein, teilen diese Einteilung jedoch nicht mit. Es ist kaum vorstellbar, wie das zu denken sein soll. Manchmal jedoch hat man bei systemtheoretischer Lektüre den Eindruck, als kommt die Beschreibung von Kommunikation nicht darüber hinaus.

Wenn man sagt: die Kommunikation kommuniziert, fehlt die Operativität, bzw. steckt sie augenscheinlich mit drin lässt sich aber beim genauen Betrachten doch nicht finden. Die Kommunikation unterscheidet nämlich nur. Sie hangelt sich, über das Auflösen der Paradoxie der Form notwendigerweise von einer Unterscheidung zur nächsten. Und man fragt sich: Wie konstituiert sich eigentlich der Prozess, die Systembildung. Wie wird die Unterscheidung mit Sinn aufgeladen? Das kann man noch erklären, aber wie werden die Sinnaktualisierungen von Unterscheidung zu Unterscheidung mitgeführt? Kommunikation benötigt Zeit, baut sie aber selbst nicht ein.

In den systemtheoretischen Texten zum Thema ist oft davon die Rede, dass sich die Elemente, also die Operationen, in ihrem Entstehen bereits wieder verflüchtigen. Unter diesem Problem leiden sowohl die Kommunikationstheorien wie auch die Handlungstheorien. Luhmann führt, um die Annahmen von Handlungstheorien weiter aufzulösen, den Begriff Prozess ein. („Temporalstrukturen des Handlungssystems“ in Soziologische Aufklärung 3) Die Argumentation ist schlüssig: Handlungen als Elemente bedeuten erstmal nicht viel. Mit Sinn aufgeladen werden sie, wenn sie Zeit berücksichtigen, in dem sie Vergangenheit und Zukunft unterscheiden, was durch die Unterscheidung von Struktur und Prozess gelingt. Strukturen bilden dabei die Möglichkeiten ab, die zukünftig aktualisiert werden können, Prozesse bilden dagegen die aktualisierten Möglichkeiten ab. Prozesse zeigen Irreversibilität an, Strukturen Reversibilität. Und, wenn man diese Aspekte in Vergangenheit und Zukunft einteilt, liegt dazwischen der kurze Moment der Gegenwart.

Und da wird es etwas unklar. Die Operation kann sich nämlich nicht mit der Gegenwart begnügen. Sie muss die Kontingenz der vorangegangenen und folgenden Operation(en) mitführen, um Zusammenhangslosigkeit und Beliebigkeit vorzubeugen. Die Operation wäre, würde sie diese Unterscheidung zu ihren Nachbaroperationen nicht mitbeachten, bloße Beobachtung. Der Sinn einer Kommunikation ergibt sich nicht über die Summe seiner Beobachtungen und deren Sinn, sondern über die Autopoiesis der Kommunikation, die nicht ohne Zeit denkbar ist.

Eine Operation hat es daher nicht nur mit einer Unterscheidung (Bezeichnung/Unterscheidung) und ihrem Reentry zu tun, sondern wird auch noch durch die Unterscheidung Operation/vorherige-nächste-Operation und deren Reentry aufgeladen. Will die Operation nicht bloße Beobachtung sein, hat sie es mit mehreren Unterscheidungen zu tun, die sie unerklärlicherweise zeitgleich behandeln muss.

Ich denke, Kommunikation als Unterscheidung von Information, Mitteilung und Verstehen zu beschreiben, löst dieses Problem elegant mit einem Kunstgriff. Während Mitteilung und Information die Welt einteilen (Bezeichnetes / Unterschiedenes – Information) und mitteilen (System/Umwelt – Mitteilung) beschreibt der Aspekt des Verstehens die notwendige und paradoxe (weil gleichzeitige) Beobachtung, die sowohl Information als auch Mitteilungen bezeichnet und dadurch zwangsläufig eine weitere Unterscheidung, nämlich die zwischen Operation und Prozess (Beobachtung/Operation), vollzieht.

Und jetzt stellt sich die Frage: Wo wird / wer prozessiert? Die Kommunikation hält keine Kapazität für Erinnern/Vergessen bereit. Ihr fehlt dieser Arbeitsspeicher, der Selbstbeobachtung möglich und damit, meiner Meinung nach, das Bewusstsein der Psyche so einzigartig macht. Auch die Systemtheorie hat Schwierigkeiten dies zu erklären. Sie hält zwar den Begriff Kondensierung parat, lässt jedoch offen, wo kondensiert wird. Zumindest eine ontologische oder normative Erklärung fällt ausdrücklich aus. Die Und-so-weiter-Erklärung ist zwar befriedigend aber irgendwie auch unzureichend. Kondensierte, konfirmierte oder sogar symbolisch generalisierte Unterscheidungen sind augenscheinlich schlicht vorhanden und können tatsächlich einfach so aktualisiert werden.  Man wird nicht komisch angeguckt, wenn man im Supermarkt bezahlt. Auch dann nicht, wenn vor einem Niemand vorgemacht hat, wie es geht, und danach keiner kommt, der es nachmacht. Diese Unterscheidungen, wenn man allein Gesellschaft betrachtet, können aus dem nichts sinnvoll in kommunikative Form gebracht werden und sie verschwinden wieder im Nichts.

Die systemtheoretische Lösung ist einfach, und chronisch unterbelichtet: strukturelle Kopplung. Im genaueren leistet dieses Prozessieren, das Bereitstellen von Arbeitsspeicher, die strukturelle Kopplung zwischen Sozialität und Psyche mittels Sprache – aufseiten der Psyche. Das wird nirgendwo besser beschrieben als im Eingangskapitel zur „Wissenschaft der Gesellschaft“, „Bewusstwein und Kommunikation.“

Nichts von dem, steckt nicht schon längst in der Systemtheorie drin. Jedoch verweist es nochmal auf das elementare Problem, dass die Gesellschaft, wenn sie als mehr als die Ansammlung von Beobachtungen beschrieben werden soll, nicht ohne „Prozessoren“ beschrieben werden kann, die die Beobachtungen sinnvoll verknüpfen. Dies kann die Gesellschaft, die Kommunikation nicht selbst tun. Die Frage, wer selegiert?, kann nicht durch die Erklärung, die Kommunikation kommuniziert befriedigend beantwortet werden.

Vielleicht muss man annehmen, dass Sinn nur (von außen und/oder rekursiv) beobachtet werden kann. Luhmann fragt in „Paradoxie der Form“: „Wer erzählt die Erzählung, und kommt der Erzähler in der Erzählung vor?“ Wenn man hier „nein“ sagt, was zwangsläufig ist, muss man fragen, was bedeutet es eigentlich, dass nur die Kommunikation kommuniziert…

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

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