Status der Semantikanpassung: noch zäh.

Die Krise, das Schreckgespenst. Sie hält uns weiterhin in Atem und versorgt uns mit allerlei Bildern und Zahlen. Wenn man das mit Wirtschaftskrise beschriebene Phänomen weiter auflöst, gelangt man zum Begriff der Orientierungslosigkeit, die sowohl die Kreditflüße, die Politik, wie auch jeden Einzelnen betrifft.

In ihrer Folge wird nun nach neuen/alten Indikatoren gesucht, die uns die Welt wieder so darlegen und erklären, dass wir mit ihr was anfangen können. Die alten Indikatoren sind zu erschreckend, lieber rätselt man über das Hellsehpotential des Dax, oder bastelt sich gleich neue Indizes.

Dabei ist das gar nicht das eigentliche Problem. Der Welt mangelt es nicht an Selbstbeschreibungskunststücken, Selbstbetrug und Beschwichtigungssemantik. Deutschland als Land der Ideen, „Tagelöhnertum“ unter dem Semantikdeckmantel der „Zeitarbeit“, die arbeitsleistungsbefreite Umwandlung fremder Investition in eigene Boni unter dem Begriff Investmentbanking.

Die Gesellschaft hat bewiesen, dass sie sehr gut mit einer etwas abweichenden Selbstbeschreibung klar kommt. Was tatsächlich passiert, musste nie Thema großer Diskussion oder Mediendiskurse sein. Die aktuelle Krise ist daher keine wirkliche Strukturkrise, sondern eine Semantikkrise. Die alte Semantik hat ausgedient. Das Problem ist nicht, 10 Millionen Menschen ohne Erwerbstätigkeit als 3,5 Millionen Arbeitslose zu präsentieren, oder 100 Mrd. Euro Steuergeldsonderausgaben zu tätigen. Das eigentliche Problem ist, dies in Worte zu fassen, die keine große Aufregung verursachen.

Es gilt, Phänomene wie Enteignung, Sinnlosverschrottung oder Umverteilung in Begrifflichkeiten zu gießen, die auch in der ARD-Tagesschau ohne Augenbrauenzucken bewältigbar sind. Erste Antworten sind gefunden.

Die Verschrottung von 600.000 Autos, die die Hafenlagerbestände (imposante Bilder oben verlinkt) abbauen sollen, werden „Umweltprämie“ bzw. „Abwrackprämie“ genannt. Die große Umverteilung stößt noch auf Widerstände, hat mit „Reichensteuer“ aber schon begriffliche Form, die halbwegs akzeptiert (weil nicht mehr überraschend) ist. Nur mit Enteignung tut man sich noch schwer, möchte man doch neben der aktuellen Semantik nicht auch noch die eigene Geschichtsauffassung verlieren. Aber länger als zwei Wochen kann es nicht dauern, dann ist der Semantikapparat der Gesellschaft auch in dem Punkt bildzeitungspseudoskandalös umgebaut und kann gefahrlos eingesetzt werden. Auf die Formulierung bin ich schon gespannt.

Daran kann man auch eine besondere Funktion der Politik der Moderne festmachen. Es geht nicht darum „zu machen“, „Handlungsbereitschaft zu zeigen“, usw. sondern darum, eine Debatte zu führen, die die neuen Begriffe und ihre vermuteten Notwendigkeiten so oft wiederholt, das man vom letztlichen Machen nicht mehr überrascht ist.

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

2 Gedanken zu “Status der Semantikanpassung: noch zäh.

  1. Eine medial verwertbare „Abwrackprämie“ erfährt die abgestoßene Semantik demnach dann spätestens als „Unwort des Jahres“ – könnte man journalistisch folgern.

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