Guido Westerwelles einsame Suche nach Schuld

Das Geschehen der Welt mit soziologischen Prämissen zu behandeln ist nicht besonders geselligkeitsfördernd. Man vermeidet Eigennamen, Grenzüberschreitungen, Verallgemeinerungen und die Benutzung von Zahlen. Man tut also nichts von dem, was am Stammtisch aufheitert und fasziniert. Man würde sich nicht einfach ein Thema nehmen und loslegen: Goldman Sachs (Eigenname) hat Griechenland (Eigenname) beim Staatsfinanzenschummeln – 13% Haushaltsdefizit (Zahlen) – geholfen, deswegen steht jetzt dem Euro (Eigenname) und jedem anderen europäischen Land (Grenzüberschreitung) der Euro-Schicksalsgemeinschaft großer Schaden (Verallgemeinerung) bevor.

Soziologisch gewinnt man am ehesten Erkenntnis, wenn man auf die Strukturen dieser Phänomene schaut und es erstmal dabei belässt. Diese Strukturen können dann eher psychisch oder sozial sein – und schon ist ein ausreichendes Grundgerüst für weiteren Soziologiespaß gelegt.

Diese Strategie erfüllt, meiner Meinung nach, eine zentrale Funktion: Sie soll ablassen von der Idee, dass man die Welt durch Aufklärung heilen könnte. Das Aufstöbern von Eigennamen und Zahlen und das Interpretieren von Projektionen und Verallgemeinerungen hat, so will ich es mal waghalsig auf eine Aufgabe reduzieren, die Funktion, Schuldige ausfindig zu machen. Wenn man weiß wer schuld ist, hat man viel gewonnen: (1) Man entlastet sich selbst, weil man dann weiß, dass es nicht an einem selbst lag. (2) Man kann die quälende Suche nach Ursachen stoppen. Das Finden eines Schuldigen erfüllt beinah idealtypisch die Funktion des Reflexionsstopps. Und (3) man kann mit Therapie beginnen (und zwar gerade nicht mit der Therapie der Welt oder Eigentherapie, sondern mit der Therapie des Schuldigen, während man selbst zum eigentlichen Tagesgeschäft zurückkehrt).

Das Suchen und Finden von Schuldigen hat also neben seiner rechtlichen Funktion, Ursachen auf Entscheidungen zurückzuführen und Verantwortlichkeiten zuzurechnen um Vorkehrungen und Wiedergutmachen zu regeln auch die Funktion, die Rest-Gesellschaft in ihrem Weltlauf zu bestätigen. Das Prinzip der Schuld markiert und isoliert das zu Auffällige und schickt den Schuldigen ins gesellschaftliche Exil.

Zwischenfazit: Die soziologische Betrachtung der Welt – gerade keine Schuld zu suchen – ist ungewöhnlich und läuft vielen menschlichen Bedürfnissen der Weltbetrachtung zuwider. In dem Sinne ist es verwunderlich, dass die Wirtschaftskrisendebatte in ihrem dritten Jahr noch immer ohne echte Schuldige auskommt. In Deutschland sitzen noch immer die gleichen Personen im TV um auf gleiche Weise über Wirtschaft zu reden, als ob es keine grundlegende Veränderung der Wirtschaft und ihrer Beobachtung gäbe. Und das ist erstaunlich. Die Bundesregierung nimmt hunderte Milliarden Euro in die Hand, als Zahlung oder Bürgschaft, und niemand stört sich ernsthaft daran: Die „Systemfrage“ zu stellen ist nach wie vor tabuisiert. Neben dem wird die „spätrömische Dekadenz“ der Unanfechtbaren (Bonizahlung) akzeptiert. Sowie auch, dass „Findige“ ihr Geld an jeder Verantwortung vorbei auf versteckte Konten verbringen.

Was in der Finanzkrisendebatte erstaunt, erstaunt nun auch bei Guido Westerwelles Weltentwurf. Glaubt er tatsächlich, dass einem Wähler, dem eine 15 Mio. Euro Bonuszahlung für Totalversagen (Karstadt) nur ein Schulterzucken hervorruft, nun geholfen werden muss, einen Schuldigen für das Zerbröseln des Sozialstaats zu finden? Wer soll glauben, dass das Ausschlafen und 500-Euro-‚Abkassieren‘ des, vielleicht ja doch stadtbekannt-faulen, Nachbars ernsthafte gesellschaftliche Schieflagen verursacht. (Meiner Meinung nach kann eh jeder normale Bürger die Hartz-IV-Realität besser einschätzen, als jeder  Anne-Will-„Sozialexperte“.)

Man liest und hört derzeit viel. Gerade Feuilletonisten kommen nicht umhin, Vermutungen über Westerwelles Strategien und Zwecke zu erarbeiten. Dabei ist die Lösung meiner Meinung nach einfach: Westerwelle ist auch nur ein Mensch, der sich derzeit in zu vielen und für ihn zu unbekannten Rollen bewegt und gerade einfach scheitert. Er hatte einen Plan und er hatte seit 8 Jahren eine Idee im Kopf und nichts von dem geht auf. Seine Handlungen sind instinktgesteuertes Verlegenheitsverhalten, dass 2010 keine Chance auf Erfolg hat. Er ist überfordert und überlastet. Und: nur wenig kann ihn Retten. Er muss seine Rollen entflechten – das gelingt jedoch nur durch Abgabe von Macht. Er muss sich auf eine Linie reduzieren – und er hat sich für die des zur Diplomatie gezwungenen Außenministers entschieden, die seiner Persönlichkeit und seinem Können widerspricht. Er muss seinen Beraterstab aufs Regieren umpolen – Opposition macht zwar Spaß, kann aber nicht ernsthaft der Sinn der Strategien sein.

Wie auch immer. Bis zum 9. Mai kann Herr Westerwelle noch durch seine Traumwelt stolpern, dann muss er sich der Realität stellen.

(Bild)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

2 Gedanken zu “Guido Westerwelles einsame Suche nach Schuld

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