Aufklärung und Meinungsbildung (mit FAS-Hilfe)

Die EU-Finanzmisere mit Deutschland und Griechenland in den Hauptrollen wird meiner Ansicht nach soziologisch interessant, weil sie und ihr rahmendes Medientheater aufzeigen, dass es bei der Behandlung der Krise um alles geht aber nicht um Aufklärung.  Wer Bescheid wissen will, kann alle notwendigen Fakten nachlesen. Sich eine eigene Meinung zu bilden ist ebenso leicht. Hier die zwei Etappen.

Zur vollständigen persönlichen Aufklärung reicht allein die Lektüre der heutigen Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Es finden sich etliche Texte in verschiedenen Umfängen zum Thema in ihr. An unterschiedlichen Perspektiven mangelt es auch nicht. Meine kleine Auswahl:

* Aufklärung *

Seite 8 – Ein kurzes Wort zur Tageslage in Griechenland.

Seite 25 – Harald Staun: Dummheit mit System. Michael Lewis hat ein Buch über die moderne Finanzwirtschaft geschrieben und aus der anfänglichen Wut des Rezensionisten wurde im Verlaufe des Lesens Verwunderung über die Tatsächlichkeit der Wahnwitzigkeit des auf Spekulation und x-fach-Verbriefung basierenden Finanzwesens. Der Zauber des einen Händlers, der durch Asberger und besondere Mustererkennungsqualitäten auffiel, bestand darin, in Broschüren nachzulesen, dass eine verbriefte Kreditversicherung einen ¾-Millionen-Kredit betrifft der von einem Arbeiter mit 15.000 Dollar Jahresgehalt gehalten wird. Tatsächlich ein sehr intelligenter Zug das Nachlesen und den anderen Marktteilnehmern anscheinende weit voraus…

Seite 28 – Wie geht eigentlich der Deutsche Bundestag mit der Griechenhilfeentscheidung um?

Seite 44 – Patrick Bernau: Im Porträt: Kenneth Rogoff – Der Krisenversteher. Herr Rogoff hat „Finanzkrisen“ bis ins 13. Jhrd. zurück untersucht und festgestellt: Geschichte wiederholt sich doch. Zitat aus dem Text: „Als er erfährt, dass in den griechischen Protesten drei Menschen gestorben sind, sagt er: ‚Das ist tragisch – aber auch das ist nichts Neues in einer solchen Krise, wir kennen das schon aus Kairo.‘“ Herr Rogoff scheint einer dieser hofierten „Professoren aus Amerika“ zu sein, die auf der ganzen Welt in Keynotes Dinge erklären. Allerdings scheint er in seiner Arbeit auch eine Unmenge an historischem Material gesammelt zu haben, dass sicher nicht uninteressant für weitere Analysen ist.

Seite 47 – Georg Meck im Gespräch mit Claus Vogt: „In acht Jahren ist unser Geld nur noch die Hälfte wert“ – Herr Vogt ist der „Chefstratege der Quirin Bank“ und eröffnet eine interessante Perspektive auf die Investmentsucherei aus einer Praktikerperspektive. Fazit: Der Aktienmarktaufschwung geschah durch zu viel Geld, das nach Investitionsmöglichkeiten sucht und führte zu totaler Überbewertung. Das weitere Geld, das durch die Notenbank-Aktionen der letzten Monate hinzukam wird zu der Horroraussicht der Überschrift führen. Die einzig sichere Investitionsmöglichkeit ist: Konsum (noch schnell ;-) und Gold o.ä.

Seite 53 – Alexander Marquier führt ein Interview mit dem Mathe-Prof. Claus Peter Ortlieb: „Ökonomie ist eigentlich keine Wissenschaft“. Kurzes aber sehr interessantes Gespräch. Die Ökonomie bediene sich als Sozialwissenschaft bei der Mathematik, weil sie scharf ist auf die Objektivitätsverheißungen und Vergleichsmöglichkeiten der Zahlen. Dadurch mutiert sie allerdings zu einer „Sozialphysik“, die sich selber nicht im Griff hat. Die Vermathematisierung der Ökonomie führt zwar zu der Möglichkeit mit Zahlen Eindruck zu schinden. Das darauf basierende neoklassische Paradigma fällt aber vor allem durch seine Stammtischnähe auf und übersieht, dass es den Bereich der Wissenschaft verlässt.

* Meinung *

Nach der Lektüre, die mich über die Einzelheiten der Prinzipien von Staatsschulden, Konsum, Investition und die politischen Handlungsmöglichkeiten aufklärt komme ich zu folgenden Schluss.

Es gibt nicht nur eine, alternativlose Lösung für die Finanzmisere, sondern anscheinend ein paar mehr.

1. Die aktuelle Lösung. Die Länder springen ein und geben Kredite, auf deren Rückzahlung sie im Notfall, der wohl sicher eintreten wird, verzichten. Dafür steht nun mehr Geld im Raum um die privaten Gläubiger Griechenlands rauszuhauen. Das soll anscheinend für einen kleinen Vertrauensbump sorgen. Kredite mit mehr Krediten zu stabilisieren sieht aber nicht nur komisch aus, sondern ist es anscheinend auch. Der einzige Grund für diese Alternative ist, das jetzige System wie es ist noch länger zu halten. Im Hintergrund immer die Idee, dass sich Staatsschulden durch Wachstum abbauen lassen und dass Staatsschulden irgendwann tatsächlich getilgt werden. ;-)

2. Alternative. Die Milliarden fließen nicht in zweitklassige Griechenlandkredite, sondern gehen direkt an Gläubiger, so dass die Staatsschuld Griechenlands insgesamt verringert wird. Wie das genau funktionieren soll weiß ich nicht. Allerdings erscheint mir die Idee, durch Geld Kredite zurückzuzahlen eine gute Idee in einer Kreditkrise.

3. Alternative. Jeder EU-Bürger muss, wenn er 2010 eine Griechenlandreise länger als 3 Tage plant, nur 150 Euro zahlen. Den Rest der Kosten übernimmt das Heimatland. Der finanzielle Aufwand wäre um ein vielfaches geringer, dafür würden der gr. Tourismus und der Währungsimport florieren. Nützliche Nebenfolge: Alle machen mal Urlaub und kühlen in der griechischen Sonne etwas runter. Nicht nur Finanzminister brauchen mal etwas Ruhe.

(Bild: OneGreatClick)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

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