Reputation als riskante Währung

Ein Satz mit X. Unser Bundesminister v.u.z. Guttenberg wird sich aktuell ordentlich ärgern. Mit sehr viel persönlichem Aufwand hat er sich ein Problem geschaffen, das er jetzt nicht hätte, wenn er in früheren Etappen seines Lebenslaufs einfach ein wenig fauler gewesen wäre. Ein Doktortitel hat, in unserer modernen Gesellschaft, eigentlich nur eine ordentliche Funktion – er manifestiert wissenschaftliche Reputation. Reputation ist somit eine spezielle Variante von Popularität, eine Währung, mit der man in der Wissenschaft bezahlt. Man investiert früh und viel und hofft, dass es sich später auszahlt.

Aber wie immer ist die soziale Wirklichkeit komplizierter als ihr akademisches Modell und so kommt es, dass sich wissenschaftliche Reputation in Form eines Doktortitels auch außerhalb der Wissenschaft auswirkt. Er ist ein persönlicher Titel, der sich auf viele persönliche Aspekte eines Lebens vererbt. Sei es, dass man der geliebtere Schwiegersohn ist, der vertrauenswürdigere Geschäftspartner oder der Patient, den man nicht nach 08/15-Maßstäben abfertigt. Und: Er hilft bei vertrauensbildenden Maßnahmen eines Politikers beim Kontakt mit dem Publikum.

Das Guttenberg einmal die politische Karriere macht, die er aktuell macht, damit hat er wohl selbst nicht gerechnet. Und es lässt sich beobachten, dass er auf seinen Doktortitel bislang verzichtet hat. Zumindest setzte er ihn bisher nicht erkennbar zur Unterstützung seiner politischen Person ein. (Aber bis jetzt musste er auch persönlich keinen personenzentrierten Wahlkampf gestalten.)

Interessanterweise, funktioniert ein Doktortitel in der Politik recht gut. Obwohl er auszeichnet, dass man sich für eine gewisse Zeit in einem Elfenbeinturm eingeschlossen und viele weltlichen Bezüge gekappt hat, dient er als Unterstützung, wenn man dem Volk die Erzählung seiner eigenen Weltoffenheit und Sensibilität für Jedermann darlegt. Dabei handelt es sich beim Nutzen eines Doktortitels für politische Zwecke, in einem besonderen theoretischen Sinn, um Korruption. Politiker sollten sich durch Engagement, Volksverbundenheit und Orientierung an Gemeinwohl auszeichnen, nicht durch wissenschaftliche Besonderheit.

Herr Guttenberg hat sich dieser Art von „Korruption“ nicht schuldig gemacht. Seine Argumente, soweit man das sagen kann, orientieren sich an der politischen Sache. Gegen Opelmitarbeiter, für wirtschaftliche Standorte; gegen Medientendenzen, für Soldatenanliegen. Bislang war es fast unmöglich, ihn tatsächlich persönlich anzugreifen. Seine adelige Herkunft, sein familiärer Anhang, sein altes Vermögen – er hat es geschickt implizit präsentiert. Kritik daran musste implizit bleiben oder sah sich enormen Rechtfertigungszwängen ausgesetzt.

Mit seiner Dissertation ist das nun anders. Er hat sich den Maßstäben der Wissenschaft ausgesetzt. Das Spiel dort wird nach recht harten Kriterien gespielt: Geld, Recht und Herkunft spielen natürlich eine Rolle. Letztlich wird das Urteil aber im wissenschaftlichen Modus entschieden. Herr Guttenberg ist mit der Anklage bereits verurteilt. Jeder kann den Schaden sehen. Es ist keine rechtliche Verurteilung notwendig, er kann sich nicht freikaufen und seine Herkunft zählt auch nicht.

Dass die „gute Gesellschaft“ vorüber ist, auch wenn viel Kritik bzgl. „Geldadel und politische Spitzenämter“ aufkam, sieht man daran, dass Menschen wie Guttenberg, die kein Talent für und Spaß an wissenschaftlicher Arbeit haben, sich der Möglichkeit bedienen, per Doktortitel persönliche Ehre und Reputation zu sammeln. Im Vergleich dazu zeitigen Parteien wie die SPD, die sich über den „Professor aus Heidelberg“ belustigen, übrigens mittelalterliche Weltbilder.

Hätte sich Herr Guttenberg auf seinem Geldberg ausgeruht, sein familiäres Ansehen gepflegt und gezeigt, dass er ein erfolgreicher Politiker ist (langsam und stetig statt im Hauruck-Modus), hätte er einen ehrenvollen Platz im Geschichtsbuch sicher gehabt. Doch an der Währung Reputation hat er sich ordentlich die Finger verbrannt. Bleibt für ihn nur zu hoffen, dass es bei dem Vorwurf des Plagiierens bleibt. Das Thema hält ja noch die ein oder andere Eskalationsstufe parat.

An dieser Stelle noch eine Leseempfehlung für alle Tweets zum Thema von Peter Glaser. (Bitte per Hand raussuchen. Lohnt sich außerordentlich.)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

4 Gedanken zu “Reputation als riskante Währung

  1. Nicht, dass es nicht genügend Anomalien zu beklagen gäbe, wenn dieser Tage von Wissenschaft und Wissenschaftlern die Rede ist (vgl. nur den vorangegangenen Artikel von Enno).

    Die Episode um den adligen Verteidigungsminister beruhigt mich in gewisser Weise allerdings. Über den wissenschaftlichen Wert und die Originalität seiner Diss oder über ihren Wahrheitsgehalt kann ich nichts sagen. Da aber Wahrheits- und Reputationscode glücklicherweise nicht dasselbe sind, bin ich guter Hoffnung, dass sich das Thema in wissenschaftlicher Hinsicht von selbst erledigen wird – möglicherweise wird’s die Historiker eines Tages noch einmal beschäftigen, aber v.u.z. Guttenberg wird aller Voraussicht nach weder als glorreicher Fachmann internationalen Rechts noch als wegweisender Theoretiker seiner Zunft in die (juristische) Geschichte eingehen. Mal im Ernst: wusste vor der Entdeckung des Plagiats überhaupt jemand, dass der Freiherr sich als Wissenschaftler versuchte? Der Bremer Lackmustest beruhigt; insbesondere die unglaublich schnelle Einrichtung des oben verlinkten Wikis zum kollaborativen Sammeln plagiatverdächtiger Stellen finde ich in dieser Hinsicht äußerst bemerkenswert.

    Was die Politik draus macht? Die „ambizione“, die Guttenberg in der Wissenschaft aus schlichter Dummheit scheitern ließ, mag dort durchaus von Vorteil sein. Vielleicht ist diese unglückliche Fußnote am Ende sogar nur ihr Epiphänomen…

  2. Klar ist das man man Fußnoten und Quellenangaben machen muss. Das soll in über 80 Fällen geschehen sein. wenn man bedenkt das so eine Dissertation im Durschnitt bis 500 Seiten hat, finde ich das schon sehr viel!!
    Was aber überhaupt nicht in Ordnung ist, das jetzt Politiker der SPD kommen uns sagen, dasss Guttenberg sein Amt niederlegen soll.
    Er ist doch nicht auf Grund seines Doktortitels Verteidigungsminister geworden, sonder weil er in der Partei anagiert war/ist.

    Ministerämter muss man nicht lernen. Es gibt keine Vorraussetzungen dafür und so lange er seine Arbeit gut macht, ist nichts gegen ihn einzuwenden.

  3. @Sebastian Wahrscheinlich hast du recht. Noch warten alle auf die Uni Bayreuth und halten sich zurück – aber aller Voraussicht nach, wird dieser prominente „Fall“ v.u.z. Guttenberg die Wissenschaft noch lange beschäftigen. Und wohl in der Hinsicht, dass sie zur Reflektion anregt und neue Profilierungen, bzw. Anpassungen an die Moderne erreicht.

    Gerade das GuttenplagWiki zeigt ja ziemlich toll, dass der Wahrheitscode gegenüber der Reputationsfunktion gewinnt. Jeder kann sehen, dass sich Guttenberg eines Wissenschaftsverbrechens schuldig gemacht hat. (Der Doktor wird von Laien entzaubert.) Die Tendenz der Selbstvalidierung der symbolischen Medien, die man überall beobachten kann (entmaterialisiertes Geld, Entscheidungspfad- statt Politikerpersonenabhängige politische Macht, Diagnose- statt Leidensgestützte Gesundheitsbehandlung, …) schreitet langsam aber gemächlich eine Stufe weiter. Auch die Wissenschaft benötigt immer weniger mit Reputation aufgeladenes Personal um zu funktionieren. (Und somit auch weniger die Uni als Institution, so wie du es schon vorher hier notiert hast.)

    Nur Guttenbergs hat’s zu spät gemerkt. Der (offensichtlich erschwindelte) Doktortitel, den er nie, nie, nie brauchte, hat ihn vernichtet. (Oder sind wir schon so modern, dass eine gescheiterte Wissenschaftskarriere den Politiker unbeschadet lässt? ;-)

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