Wissenschaft 2.0

Angesichts der Entwicklungen neuer Kommunikationstechniken rund um das Internet sehen sich die Produktionspraktiken einiger Funktionssysteme vor große Herausforderungen gestellt. Die „Holzmedien“ wissen nicht, wie sie mit den werbefinanzierten Angeboten im Internet umgehen sollen und die Akteure des Gesundheitssystems haben einen virtuellen Horror vor öffentlich einsehbaren Rankings ihrer Dienstleistungen. Auch das Publizieren wissenschaftlicher Forschungsergebnisse verändert sich durch das technisch Machbare. Ein paar Gedanken zum Thema „Wissenschaft 2.0“.

Preprints werden mittlerweile auch bei kleineren Verlagen und außerhalb der Naturwissenschaften angeboten. Wer Erkenntnisse schneller veröffentlichen möchte als es die traditionellen Produktionszyklen von Zeitschriftenausgaben zulassen, kann seine Schnellschüsse direkt auf den Verlagsseiten veröffentlichen, bevor die Erkenntnisse auf dem üblichen Wege ihre papierene Form finden. Die Qualitätssicherung des Peer-Reviews bleibt allerdings erhalten. Nur wird auch das Review-Verfahren dem Druck ausgesetzt, möglichst schnell zu Ergebnissen zu kommen. Gerade in der Naturwissenschaft sind die Zyklen enorm kurz geworden, in denen überhaupt noch etwas Neues publiziert werden kann. Daher müssen Verleger und Zeitschriften mit einer schnellen Begutachtung reagieren. Sonst veröffentlicht der Wissenschaftler halt woanders. Impact-Faktoren einer Zeitschrift – also letztlich die Frage, wie sehr eine Zeitschrift etabliert ist – hängen auch von ihrer technischen Realisierung ab. Ein wissenschaftlich fragwürdiges Qualitätskriterium.

Die Digitalisierung der wissenschaftlichen Zeitschriftenlandschaft bringt nicht nur die zwangsläufige Flut an „Apps“ mit sich. Auch die Diskussionskultur kann sich verändern. Zwar verbirgt nature.com ihre Inhalte weitestgehend hinter den Wänden einer Bezahlstruktur, wodurch wohl weitestgehend verhindert wird, dass nicht-wissenschaftliches Publikum Zutritt erhält. Aber ist man einmal drin, kann man zu Artikeln oder Letters gleich einen Kommentar schreiben. Zwar noch selten, aber wohl zunehmend antworten die Autoren des Artikels direkt auf die Kommentare. So werden Versuchsaufbauten erläutert, weitere Forschungsmöglichkeiten diskutiert und kritische Punkte ausgeleuchtet. Und zwar auf direktem Wege. Man muss nicht warten, bis man den Autor auf einer Konferenz trifft, man muss keinen Grund finden, einen eigenen Artikel zu schreiben (der ja immerhin so gut sein muss, dass er das Begutachtungsverfahren durchläuft). Enthusiasten könnten hier von einer Demokratisierung der Forschungspublikation sprechen. Wer in der Sache eine Anmerkung zu machen hat, kann es tun. Egal, ob Student oder Professor. Hier hat die Bezahlstruktur einen positiven Effekt: Die fachlich Informierten können unter sich bleiben und mehr oder weniger ungestört diskutieren.

Die Sichtbarkeit der Forschungsaktivitäten ist für Universitäten ein zunehmend wichtiger Aspekt ihrer eigenen Vermarktungsstrategie. Daher wundert es nicht, wenn im Kontext des Erscheinens wissenschaftlicher Fachartikel in der Regel sofort (teils) medienwirksame Pressemitteilungen von den Universitäten veröffentlicht werden. Aber auch einige Wissenschaftler bedienen die medienwirksame Platzierung ihrer Forschungsergebnisse. Auch wenn man annehmen muss, dass es sich dabei wohl in erster Linie um stark anwendungsbezogene oder sogar kommerzielle Forschungsprojekte handeln wird, kann man fragen, ob es einen zunehmenden trial by twitter der Wissenschaft geben wird und damit eine ganz neue Form des Peer-Review entsteht. Gerade in den USA ist zu beobachten, dass Wissenschaftler Blogs und/oder Twitter nutzen, um ihre Forschung öffentlichkeitswirksam zu präsentieren. Teils mag daraus sogar ein wissenschaftlich anspruchsvoller Dialog entstehen. Ein neues Peer-Review-Verfahren wird sich aber nicht dadurch ergeben, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse in Zukunft vor der Masse des Laienpublikums und der öffentlichen Meinung wird beweisen müssen. Die Anforderungen an öffentlichkeitswirksamer Darstellung der Forschungsergebnisse wird zukünftig sicherlich steigen (wenngleich das sehr stark auf die konkreten Disziplinen ankommt), weil die Finanzierung der Forschung mitunter auch von ihrer (potentiellen) Sichtbarkeit abhängt. Aber die fachliche Begutachtung der Forschungsergebnisse kann funktional nicht durch eine plebiszitäre Abstimmung ersetzt werden. Die Fiktion von Demokratie, die im „Mitmachweb“ immer wieder propagiert wird, scheiterte schon an viel leichteren Übungen. Häufig verstand nicht einmal die Scientific Community ein neues Forschungsvorhaben, das sich im Verlauf der Zeit allerdings als bahnbrechend herausstellt. Wie sollte dann die öffentliche Meinung darüber entscheiden können?

Mir scheint, dass die Wissenschaft zwar lernen muss „auf der Klaviatur der öffentlichen Meinung zu spielen“ und für ihre Diskussionen auch neue Technologien heranziehen kann. Aber eine Öffnung im Sinne des freien Zugangs zu Inhalten scheint im Falle der Wissenschaft nicht sinnvoll zu sein. Ganz zu schweigen von einer breiten Beteiligung der Öffentlichkeit an einer inhaltlichen Diskussion über Wahrheit.

Foto: estherase

7 Gedanken zu “Wissenschaft 2.0

  1. Danke für die Ideensammlung!

    Gerade gestern Abend unterhielten wir uns in kleiner Runde über die Frage, ob es in Anbetracht von Internet und Überschusssinn zur weiteren Ausdifferenzierung der Wissenschaft kommen wird (mit Hilfe neuer Programmtypen o.ä.) oder ob in Anbetracht von Beschleunigung und zunehmender Dysfunktionalität wissenschaftlicher Kommunikation (Orientierung an Zitationsrankings, Aussicht auf Drittmitteleinwerbung etc.) ein eigenständiges Subsystem entstehen könnte (das damit auf mangelnde Interdependenzunterbrechungen, beispielsweise zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, reagiert. Wo der Ort einer solchen Wissenschaft wäre, sei einmal dahingestellt – Universitäten werden es vermutlich nicht sein). Oder drittens, ob gerade die mehr oder weniger latente Dysfunktionalität die eigentliche Funktion sein könnte… aber die letzte Option kommt dann doch ein wenig lax und als postmoderner Schlendrian daher. Die Frage bleibt (und sie drängt, zumindest mich): wie kann der »inhaltlichen Diskussion über Wahrheit« (Enno) zu ihrem Recht verholfen werden? Ohne den professionell deformierten Semantiken der jeweils betroffenen Profession (denn es ist ja nicht nur die Wissenschaft, die mit diesem Problem konfrontiert ist) oder bloß moralisierenden Appellen anheim zu fallen?

    Das Problem liegt auf dem Tisch – die Antwort bleibt für’s Erste und sprichwörtlich: Science Fiction.

  2. Ich vermute Enno, du idealisierst die bisherige Praxis etwas zu sehr. Das Peer-Review-Verfahren ist nun nicht gerade ein derart gutes Verfahren gewesen, dass durch die technischen Neuerungen erhebliche Veränderung droht. Auch wenn sich auf Programmebene in der Wissenschaft einiges verändern wird – ein Grundpfeiler der Bewertung wissenschaftlicher Arbeit wird wohl bleiben: die Reputation die an Personen und Organisationen geknüpft wird. (Auch wenn diese nun leicht anders zu verdienen ist als früher.)

    Ich befürchte nicht, dass meine Oma jemals einen wissenschaftlichen Artikel kommentieren wird, nur weil sie dies könnte. Eher werden die Kommentare unter solchen Artikeln auf gleiche Weise degradiert, wie die Leserkommentare unter Blogartikeln – für die interessiert sich ja inzwischen auch kaum noch jemand, zu recht. (Bei uns Sozialtheoristen ist es noch anders ;-)

    Ich halte eine maschinenlesbare Wissenschaft jedenfalls für eine gute Idee. Dann kann man auch viel eher mal nachsehen, ob die Hochfrequenzpublizierer auch qualitativ halten, was sie quantitativ versprechen.

  3. »Bei uns Sozialtheoristen ist es noch anders ;-)«

    @Stefan: Ja, die goldenen Zeiten sind vorbei!
    Aber im Ernst (denn für die Wissenschaft ist das ziemlich ernst): ohne orakeln zu wollen – aber die Form der Universität verliert doch für wissenschaftliche Kommunikation rasant an Bedeutung. Wo wird in drei, vier oder fünf, meinetwegen zehn, Jahren relevant geforscht und gelehrt werden?

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