Sehen und gesehen werden

Richard Dreyfuss liest die iTunes EULA

Wenn man beim Friseur sitzt, und das dortige Personal fragt, wie man sein Haar den pflege und man mit: „hm, was meinen Sie denn?“ oder „hm, gar nicht“ antwortet, erntet man Blicke des Unverständnis. Friseuren ist, so meine Beobachtung, recht häufig der Vorwurf zu machen, dass sie sich mit ihren Kunden verwechseln und jedem Menschen unterstellen, sich 8h am Tag nur um Haare zu kümmern. Ähnlich ist es beim Zahnarzt. Mir wird regelmässig empfohlen, auf Säfte gänzlich zu verzichten – als ob es mir in jeder Lebenslage nur um die Säurebelästigung meiner Zähne ginge. Bei Friseuren lächelt man noch darüber, Ärzte nimmt man schon ernster. Aber im Grund es ist falsch, dem (eigenen) Leben auch nur irgendeinen obersten Wert, eine Zielsetzung oder gar einen (und keinen anderen) Sinn zuzuteilen.

Was im Kleinen passiert, ist aber auch täglich im Großen zu beobachten. Wirtschaftswissenschaftler verwechseln ihren Gegenstand mit Gesellschaft. Politiker sehen sich am Steuer der Gesellschaft. Pädagogen, die nicht mal Kinder im Griff haben, therapierten besonders gern die Gesellschaft. Und auch Journalisten präsentieren gerne eine absolute Meinung. Dies alles muss nicht oft vorkommen. Die Auf- und Abklärung hat große Erfolge. Doch wenn es vorkommt handelt es sich, und so sollte man es dann auch nennen, um Ideologien.

Es ist (schon mehrfach) der Verdienst von Sascha Lobo, darzustellen, dass das Internet nicht ein Teil der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft selbst ist. Auch aktuell greift er genau diese Problemstellung wieder auf und entzaubert politische Pläne als Ideologien: Wer Manieren hat, braucht keine Gesetze. Was Familien durch Erziehung machen, kann die Politik mit ihren Steuerungsphantasien gar nicht ersetzen. (Und es gibt keinen Grund, diese Thesen zu kritisieren, nur weil man meint, dass Gesetze vor unrevidierbaren Freiheitseingriffen anderer schützen sollen, während Manieren eher dem Gelingen von Geselligkeit dient, das Scheitern für die Beteiligten aber auch folgenlos bliebe.)

Lange Vorrede, kurzer Sinn. Es ist lohnenswert, die Unterscheidung von Gesellschaft und Internet (nachdem man sie als falsch kritisiert hat) wieder aufzugreifen. Nicht thematisch, sondern eher in der (auch falschen) online/offline-Unterscheidung, problematisierend. Denn ich bin mir nicht ganz sicher, ob Sascha Lobo nicht einen Teilaspekt übersieht. Im Internet sieht man nur, was gesehen werden soll: Kommentare, Blogposts, Bilder – all der übliche Social-Media-Kram – ist nur zu sehen, wenn er aktiv hinterlassen wird. Es gibt sozusagen kein indirektes socialweb. Das ist in der Offline-Welt ganz anders. Menschen die sich zu hunderten in der Innenstadt begegnen, haben Ziele und diese Ziele sind nicht die Wege. Deswegen gehen sie direkte Wege und belästigen niemanden mit Kommentaren und Meinungen – sondern tuscheln höchstens, wenn sie zu zweit sind, oder „denken sich ihren Teil“.

Angenommen, und man kann sich das nur als geplantes Experiment vorstellen, eine Gruppe von Menschen ist beauftragt, durch die Stadt zu gehen und permanent zu reden, andere anzusprechen, Meinungen zu bekunden und ungefragt Empfehlungen abzugeben – man bekäme eventuell schnell die Ansicht, dass Manieren alleine nicht ausreichten. Vielleicht müsste man die Dichotomie von Manieren und Gesetzen aufbrechen und neben Geboten und Verboten eine ganz neue Kategorie hineinholen: die durch Organisationen festgelegten Regeln der Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Dass die AGBs zuweilen erhebliche regulierende Effekte haben ist eine Tatsache und wird schon anfänglich diskutiert. Das sie stets änderbar sind, war schon oft ein Ärgernis. Vielleicht sollte man dem mehr Aufmerksamkeit widmen. Nicht unbedingt um es abzuwehren, sondern um zu verstehen, was passiert.

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

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