Auch Piraten brauchen ein Schiff

Wer im Parlament sitzt, muss sich mit Papier beschäftigen und kreativ sein.

Eine der frühen Empfehlungen an die Piratenpartei war, sich nicht vom ‚alten System‘ vereinnahmen zu lassen. Die Riege der meist jungen Engagierten, die nach der Europawahl ihren ersten Höhenflug erlebten, wollten Politik machen – selber, anders und besser. Nun haben sie erste parlamentarische Pflichten, müssen sich als Partei organisieren und sie sind, inzwischen recht mutig, auf der Suche nach mehr Mobilisierung.

Es ist jetzt also ein guter Zeitpunkt, sich über den Status der Piraten zu erkundigen. Die üblichen Fragen wurden schon gestellt. Ein paar soziologische sind noch offen. Eine recht interessante ist: Wie geht eine Partei, die aufgestellt ist, wie die Piraten, mit dem Problem der Raumgebundenheit um? Man stellt fest, dass auch die Piraten Parteitage veranstalten, dass sie über Mandate Parlamentssitze haben und dass sie ihre angehenden Stars in die Talkshowmaschine der Massenmedien entsenden.

Die eigentliche Idee war aber eine andere. Liquid Feedback sollte den Takt vorgeben, die Unterscheidung von Politik und Publikum sollte aufgehoben werden, ebenso die Unterscheidung von politischer Vorder- und Hinterbühne. Das klappt, aber eben nur dort, wo es zulässig ist. So wie die gestandenen Stars der etablierten Parteien – die ganz auf massenmediale Präsenz getrimmt sind – von Zeit zu Zeit doch auf Marktplätzen und im Ortsbüro Präsenz zeigen müssen, sind die Piraten angehalten, aus dem Internet in die Massenmedien zu gehen, um Orientierungsmarken zu setzen.

Die Funktionslogik der Demokratie verwehrt sich gegen übermäßige Utopieisierung. Kompromisse sind schon notwendig, um überhaupt die Bedingungen für inhaltliches Arbeiten zu schaffen. Die Trennung von Politik und Publikum bleibt bestehen, aber in welcher Form? Marina Weisband, ohne Mandat aber mit Parteiamt und massenmedialer Attraktivität schrieb gestern Abend aus ihrer neuen Perspektive über diese Unterscheidung. Aus ihrer Empörung über „die da oben“ ist offensichtlich Enttäuschung über „die da unten“ geworden.

Es scheint so zu sein, dass zu einer gewissem Bekanntheit ganz automatisch ein paar Leute mitgeliefert werden, die einen ohne Grund hassen, die beleidigen, die meinen, einen zu kennen und zu durchschauen, ohne einem je begegnet zu sein. Es ist völlig egal, was man tut, diese Personen sind immer da und sie sind laut. Und wenn man sie aufmerksam liest, verletzen sie einen einfach, ohne irgendwas Besseres zu hinterlassen.

Und natürlich gibt es auch die – weit weniger schlimmen – Kandidaten, die glauben, dass man alles tun und alles richten kann. Sie wenden sich dann persönlich an einen mit einem Nachbarschaftsstreit oder mit einer problematischen Lebenslage und hoffen, dass man ihnen helfen kann. Irgendwann werden diese vereinzelten Anfragen zu einer Lawine, unter der man unterzugehen droht.

Die Idee der Politik – Konstruktivität durch Organisation und Wissen – geht wieder einmal nur unzureichend und anders als gedacht auf. Die individuelle Enttäuschung lässt sich gut nachvollziehen, aber sie läßt sich wohl nur (ebenso individuell) behandeln, nicht lösen. Lösen lassen sich dafür ganz andere Probleme. Heute weiß man viel besser, was in der Welt passiert und man weiß viel weniger, was andere über die Welt wissen. Das Medienverhalten ist individualisiert, die massenmediale Deutungshoheit (nicht die Informationshoheit) ging verloren – und aufgefangen werden diese Defizite über Humor. Politischer Mut heißt heute, Mut unkonventionell zu sein und der eigenen Deutung zu vertrauen – egal wie staatstragend der Kontext ist. Was absurd ist, muss als Absurdes behandelt werden – auch in Parlamenten.

Christopher Lauer hat sich als ein eindrucksvoller Pirat erwiesen. Er respektiert alle Limitierungen, die ihm die Funktionslogik der Politik aufbürden, und fällt trotzdem als selbstbestimmter, anderer und besserer Politiker auf. Und das hat, wie so oft in der Politik, nur sekundär mit Inhalten zu tun.

(Bild: Gerwin Sturm)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

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