Universität ohne Bücher

(Tag 1, Tag 2, Tag 3, Tag 4, PDF-Version aller Tage) Patrick Bahners war heute noch nicht da, Münkler und der für ihn geschriebene Blog war dadurch heute nur nebensächlich, blieb aber ursächlich. Es begann stattdessen mit drei dicken Büchern auf dem Tisch vor Elias Kreuzmair. Zwei davon beinhalteten studentische Kritik an der Universität, ausformuliert nach einer Hörsaalbesetzung vor einigen Jahren, die inzwischen dazu führte, dass der Rädelsführer von damals zwar die Universität verließ, seine Anhänger selbst aber Teil der Universität wurden, die sich trotz Widerstand natürlich veränderte. Kritik also, ok. Aber warum in Buchform? Wenn das Medium die Botschaft ist, hat man sich dann nicht schon vor allen Argumentationen unterworfen, wenn der rebellische Aufruf in Form einer Abschlussarbeit vorgelegt wird? Kritik wurde hier zum akademischen Leuchtturmprojekt, dem Karriere folgte, unterstellter Maßen also auch Kalkül vorausging. Nun gut, man kann es im üblichen Rahmen nachlesen, der Amazon-Suchbegriff lautet „Unbedingte Universitäten“.

In der Diskussion folgte dann auf die Frage, ob nicht das Buch ein ungewöhnliches, weil zu gewöhnliches Medium der Kritik ist, schnell eine tiefgehende: Warum hat die Universität eigentlich immer noch Mitglieder? Kann sie auf die nicht verzichten? Braucht sie sie als Autoren für Bücher? Wir waren recht zügig beim Kern der Woche: Woran wir Kritik erkennen, wissen wir nicht immer so genau. Doch wenn Beteiligte vermutlich kritischer Kommunikation sich die Frage stellen, warum ein Störenfried noch dabei sei, statt einfach zu gehen, haben wir ein Indiz. Kritiker sind die, von denen sich die anderen den Fortgang wünschen. Nur wohin? Zur Auswahl der älteren Diskutanten stand beispielsweise „die mystische Schattenuniversität“, also sich selbst organisierende Lernzirkel, die zwar keine Abschluss-Zeugnisse schreiben, aber doch gut auf entsprechende Notenvergaben vorbereiten. Wir könnten vom kontrollierten Exit sprechen. In der Diskussion fielen Worte wie „Sekte“. Weil dieser Begriff mehr ist als sein gängiges aber verkürztes Stigma – und sogar Parasit einiges erklärt hätte – seien die Worte hier wenigstens genannt.

Den Jüngeren blieb das Beschriebene trotzdem fremd. Die Universität nutzen, sie sich nutzbar machen und zwar für mehr als die Konzentration auf den Prüfungs-Exit, das fällt heute schwer. Nichts ist übrig davon, wie es früher war. Aber, das wurde explizit gesagt, der Universität als solcher (Organisation mit Gedächtnis) merke man doch ihre Trauer um verlorene „quasi-aristokratische Ideale“ an. Sie genügt sich nicht mehr selbst, sondern anderen, der Wirtschaft beispielsweise. Doch so vorhersehbar diese Kritik ist: Was war die Universität denn früher? Ausbildungsstätte! Sie war es schon immer für die Ausbildungsberufe, die besondere Sorgfalt erfordern und Anforderungen stellen: Juristen, Ärzte, Lehrer. Eine Uni zu verlassen galt daher nie wirklich als Makel eine Professur verfehlt zu haben. Stattdessen, das galt früher wie heute, bedeutet in der Uni zu bleiben: Keine Karriere, Übrigbleiben. Und heute ist es doch anders, nämlich schlimmer. Die Universität trauert nicht nur, sie „ist süchtig nach ihrer eigenen Vergangenheit“.

Hier setzte Moritz Klenk an. Unzufriedenheit mit der Gegenwart sei in den Universitäten inzwischen unübersehbar. „Niemand streitet die Katastrophe ab.“ Mittelbau, das ist schon fast ein Schimpfwort. Evaluierung, das ist schon fast Demütigung. Alles, worauf heute Wert gelegt wird, sei bedeutungslos: Konferenzteilnahmen, Buchbeiträge, geschriebene Artikel – alles fließt in die Bewertung der Zöglinge ein, wird in Listen verpackt, in denen die Inhalte der Konferenzen, Bücher und Artikel allerdings keinen Platz mehr finden. Dabeisein ist schon alles. Plötzlich, man fühlt sich immer noch als Zögling, ist das halbe Leben vorbei und man stellt fest, nur an einer Lotterie teilgenommen zu haben. Die Chancen auf eine Professur liegen nicht mal bei 1 zu 20. Die Chancen, dass hier anderes als Zufälle und Gelegenheiten entscheiden, sind gleich null. Was also tun? „Warum nicht über andere Arbeitsformen nachdenken?“ Eine unscheinbare Frage. …mit hohem Streitpotenzial. Andere Arbeitsformen, welche denn?

Moritz veröffentlicht ein tägliches Denktagebuch als Podcast. Aus den letzten Monaten sind darin zu finden: Innenansichten aus deutschen Hartz-IV-Amtszimmern; private Exits aus der Europäischen Union; Erfahrungsberichte zum Thema „Bücher schneller schreiben, als sie gelesen werden“; Rückenschmerzen; Konzertbesuche; die Qualen mit der Lust an einer Dissertation – und sehr viel Leseerleben. Alles soziologische Themen, oder nicht? Ja, schon. Universitäre Themen werden sie dadurch aber nicht. Insbesondere nicht in dieser Form: Gesprochen. Plötzlich standen reihenweise von vorn herein ungültige, weil schlicht zu romantische Wortbeiträge im Raum: „Wann soll man das alles hören?“, „Wie findet da denn Kanonbildung statt?“, „Podcastlandschaftspflege, ist das nicht einfach nur Legitimierung durch Aufmerksamkeit?“ Alles richtig, alles falsch – warum soll man überhaupt darauf antworten? Ein Podcast ist eben kein Buch. Viel interessanter ist doch: Podcasts beruhen auf einer Technologie, die Wissen erfolgreicher vermittelt als die Universität, die keine Räume braucht, die keine Anwesenheit braucht, die keine Lohnabrechnung braucht und die den Augen und den Händen Freiheit gewährt.

Warum nicht gleich viel größer denken? Tilman Richter und Caspar-Fridolin Lorenz sprachen die „Code University“ an. In Kurzform: Man stelle sich kritische Studenten vor, die so enttäuscht über die Universität sind, dass sie nicht nur für sich den Exit suchen, sondern ihre Hochschule gleich mitnehmen. Als die Universitäten gegründet wurden und ihre Form fanden, dachte noch niemand daran täglich neue Apps für den Alltag zu schreiben und sich darüber Gedanken zu machen diese anwenderfreundlich zu gestalten. Das ist heute ganz anders. Ein Apple-Design-Award ist schon längst mehr Wert als ein Informatikdiplom. Darüber lässt sich aber noch kaum sprechen. Selbst jüngere Diskutanten im Raum unterstellen der „Code University“ in Berlin – ein Ausbildungsbetrieb für Smartphone-Maschinenbauer – eine Vernachlässigung didaktischer und humanistischer Grundwerte, wie man sie in der Universität (angeblich) findet. Verwunderung darüber, dass Ausbildungsbetriebe für projektbezogene App-Entwicklung überhaupt noch als Universitäten erkennbar sind, lag da noch merkwürdig fern, wäre stattdessen aber mehr als angebracht. Umso schneller aber IBM mit Liquid den Arbeitsmarkt umkrempelt und Schulbuchverlage den globalen Bildungsmarkt digital erschließen, werden auch wir darüber diskutieren. So fern ist die mitgliederlose Universität nämlich nicht.

Mathias Hermann initiierte die dazu passende Diskussion. Was ist, wenn alles wirklich wahr wird? Udacity von Sebastian Thrun als größte Universität der Welt. Entkoppelt von Staaten, gebunden an Studiengebühren, gefüllt mit verketteten Projekten und autorisiert als größtes Bildungsprogramm Afrikas, das es locker mit Mittelklasse-Unis der ersten Welt aufnehmen kann. Übrig bleibt dann Havard & Co.: Globale Universitäten, die sich als internationale Banken mit Ausbildungsprogrammen schmücken, die nur noch das Ziel haben Klassenunterschiede mit Clubcharakter zu manifestieren. Wissenschaft ist schon lange ein globales System. Die Universitäten sind aber immer noch staatliche Organisationen. Für manche ist es daher nur noch ein kleiner Schritt, sich auch davon zu lösen. Im Gespenst der Digitalität versteckt sich damit auch eine große Hoffnung: Veritas. Es ginge allein um Inhalte. Havards Slogan, aber global, für alle. So aufbereitet, dass Zugang zum Internet reicht, um Zeugnisse zu erwerben.

Ist man bei Diskussionen dabei, wenn Leute aus den Universitäten heute darüber diskutieren, was mit der Zerstörung der alten Universität eigentlich verloren ginge, kann am Ende eine schlichte Einsicht bleiben: Um mehr als romantische Vorstellungen und nostalgische Fantasien geht es vielleicht gar nicht mehr.

Worum geht es hier? Vom 27. Nov. bis 01. Dez. trafen wir uns zu Einer Woche Zeit im Gut Siggen kurz vor Fehmarn. Thema: Exit/Voice in Universitäten?

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen „Kommunikation unter Unbekannten“ und ist heute Journalist. stefanschulz.com

Ein Gedanke zu “Universität ohne Bücher

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