Vorlesung als Leiden

(Tag 1, Tag 2, Tag 3, Tag 4, PDF-Version aller Tage) Wir blieben heute wieder ohne Patrick Bahners und schoben Münkler trotzdem ins Programm, aber in den Abend, ins Kaminzimmer. Im Konferenzglaskasten begann der Tag mit Hanna Engelmeier, die ein hochaktuelles und noch häufiger blindlings abgelehntes Thema mitbrachte: Die Universität als Safe Space und Free-Speech-Zone. Dass die amerikanischen Zustände unsere Debatte prägen, verhinderten wir sofort: Empirisch lieferte nämlich Rainer Wendt (der gescholtene Gewerkschaftschef, der sich als Polizist bezahlen lässt, obwohl er gar nicht als Polizist arbeitet und der sich als Gewerkschaftsführer anbietet, obwohl seine Organisation nicht mal im DGB ist) das Gesprächsmaterial. Wendt war kürzlich zum Vortrag in die Universität Frankfurt geladen, zur Gastrede kam es dann allerdings nicht. Wir haben das auf konkretestmögliche Weise nachvollzogen, indem wir zehn Minuten in die Rede reingehört haben, die der Frankfurter Studentenschaft Anlass war, um seine Ausladung zu bitten. Nur was genau ist durch diese durch Protest verhinderte Gastrede (nicht) passiert?

Sind hier Studenten „nicht mehr in der Lage, Frustrationen schweigend wegzustecken“, wie Hans Ulrich Gumbrecht es im Angelsächsischen beobachtet (und deutsche Zeitungsleser vorbereitet)? Wer hat überhaupt Hausrecht in einer Universität? Wie geht man mit Personen um, die in akademische Zirkel eingeladen werden, wohl wissend, dass sie Politik und Provokation mitbringen? Man könnte es aushalten, wenn nur das dritte „P“ nicht wäre: Publikum. Und das vierte: Prominenz. Die Rede von Wendt fand nicht statt, sie geht dadurch nicht in die Reisekostenabrechnung der Universität ein, neben hunderten anderen, die schneller vergessen werden als der Hausmeister das Licht ausmacht. Stattdessen wurde das Politikum – die nicht gehaltene Rede – publiziert, nicht als geschlossener Wortbeitrag, sondern als wildes Durcheinander offener Briefe, zahlloser Meinungsbekundungen, offener Fragen und Streit.

Die Universität setzt auf Reputation als lang erarbeitete und zuweilen erkämpfte Dekoration einer Person, die sich bis in die entsprechende Verlängerung ihres Namens niederschlägt. Prominente Personen dagegen kommen nur mal in der Universität vorbei, für einen Abend, an dem sie vielleicht ein größeres Publikum erreichen als die Hausherren [weibliche Form fehlt interessanterweise] im ganzen Semester. Warum kann sich die Akademia, die so viel vom nackten Argument hält, in diesen Momenten so schlecht auf eben nur diese Inhalte konzentrieren? Wenn Prominente da sind, haben die Programme der Universität Pause. Solche Reden sind keine Seminare in denen Anschlussfragen eingeplant sind. Sie sind auch keine Vorlesungen die eine Woche später – sogar widersprüchliche – Fortsetzung finden. Abendveranstaltungen mit Prominenz sind Happenings. Da stehen nicht nur auf der Bühne ungewöhnliche Leute, sondern sie sitzen auch im Publikum. Aber nur weil Studenten, die gestern schon da waren und auch morgen wiederkommen, ihre Universität in diesem Moment nicht wiedererkennen, bleibt es doch die Universität. Sie ist nicht nur für ihre Mitglieder da. Sie ist vielleicht einfach ein allgemeiner Ort der Rede, weil sie Hörsäle hat.

Eine akademische Herausforderung kann das Spektakel ja trotzdem sein. Sie anzunehmen fällt nur anscheinend schwerer, als sich ihr pauschal zu verweigern. Gäste, die einem nicht gefallen – das scheint das maßgebliche Kriterium zu sein – kann man ausladen. Nichts daran ist akademisch. Es ist wohl eher eine politische Aktion zur Verhinderung einer anderen politischen Aktion. Die Alternative, die strittige Rede passieren zu lassen und dann mit Widerrede zu reagieren, bleibt damit blockiert. Wahrscheinlich allein aus individueller Angst, der geduldeten Situation nicht gewachsen zu sein. Ausladen statt Argumentieren, das ist schon fast kapitulieren. In Frankfurt ist es so geschehen und der Weg dahin war offenbar zu einfach. Statt mit ihrem nicht gewollten Gast, hätten sich die kritischen Mitglieder der Universität mal mehr mit sich selbst beschäftigen sollen.

Es gäbe viel zu lernen, über „diabolische Autorität“ und „latente Wirksamkeitserwartungen“ die an solchen Abenden enttäuscht werden. Selbst die Stars müsste man kommentarlos ziehen lassen. Im Publikum bleibt man „unterlegen und marginalisiert“. Wir diskutierten wahrscheinlich nur wenig weniger heftig darüber, wie die Universitären damals über ihre offenen Abwehrbriefe. Eine geteilte Erkenntnis war allerdings: Wenn Prominenz das Problem ist, reichert man sie durch spektakuläre Ausladung weiter an. Und: Gäste wie Rainer Wendt halten sich für gewöhnlich an die Hausregeln und ans Recht. Ganz so einfach wie es praktiziert wurde, ist das alles also ohnehin nicht.

Und was bedeutet all sowas woanders? Meta Cramer hat von einer Privatuniversität in Israel berichtet, die sie im Auslandssemester erlebte. Es ging um „Institution als Erkenntnishindernis“, „kritikhemmende Universitätsstrukturen“, „Safe-Spaces für regierungsnahes Gedankengut“. In Israel gilt eine dreijährige Wehrpflicht in Kasernen, die sich nicht wenig von denen unterscheiden, in denen man anschließend als Student lebt. In den Seminaren sitzen folglich akademischen Dozenten fast ausschließlich ehemalige Soldaten gegenüber. Vielleicht sprachen wir über eine Art Totale Universität, für die eine Besonderheit gilt: Auch als private Universität ist sie an einen Staat gebunden der sich im Krieg befindet – zumindest wird so darüber geredet. Die Diskussion über Universität und Kritik wurde in der Stunde zum Gespräch über Institutionen und Loyalität.

Bei Julian Müller in München sind die Spielräume größer, zumindest ein wenig. Er berichtete von seinem institutionell limitierten Vermögen als Dozent Unterricht zu gestalten. Im normalen Seminar seien 40 Prozent der Teilnehmer allenfalls körperlich anwesend, mit dem Kopf aber schon im nächsten Studiengang, zu dem Soziologie als Nebenfach die Brücke sein soll. Die „mystische Schattenuniversität“ von gestern tauchte wieder auf, diesmal als eher aktuelle Erfahrung. Müller besuchte einen dieser freieren Lektürekurse, die sich thematisch an den Lehrplanseminaren orientierten, in allen anderen Hinsichten aber von ihnen unterschieden. Es wurde gegessen, es gab kein Ende, Unbeteiligte gab es quasi nicht. Darauf aufbauend folgten gemeinsame Besuche in den Seminaren anderer, zum Performancestudium. Um dann einen eigenen Workshop zu veranstalten mit Rednern, die man nicht nur zu Beginn begrüßt, sondern die man schon im Vorfeld ausführlich studierte. Nebenbei, diese Beobachtung schälte Moritz Klenk aus der Diskussion, spielte plötzlich persönliche Freundschaft eine Rolle. Die eingeladenen Vortragenden waren Freunde des Seminarleiters, bezahlt wurde die Begegnung mit den Studenten von der Fakultät. Die Workshops zogen sich bis zur Geselligkeit. Im Grunde eine Win-Win-Win-Situation, würde es Soziologen nicht manchmal schwer fallen, Lustprinzipien laufen zu lassen. (Wir diskutierten heute also auch kurz über „Geselligkeitsfaschismus“.)

Julian Müller schilderte während seiner Sitzung zwei zusammenhängende Beobachtungen aus München. Zum einen beschrieb er die universitäre Not, dass die Seminare heute als Rekrutierungsgelegenheit für nächste Seminarleiter ausfallen. Gleichzeitig, und das nimmt Bezug auf die Schattenuniversität, findet Theorieentwicklung und Theorievermittlung doch Anklang, insbesondere in rechten Studentenkreisen. Der Wunsch der Studierenden, die lustvoll geführten Seminare im Schatten mögen doch Vorbild für die Lehrplanseminare sein, sollten wohl etwas ernster genommen werden, als das derzeit an der Elite-Uni in München passiert. Noch ruht sich die Fakultät auf 40 Prozent Desinteresse im Seminarraum aus, die zwar die Seminarsituation beschädigen, dafür aber gute Auswirkung auf die Mittelverteilung in der Universität haben.

Am Abend dann: Münkler. Maren Lehmann hat sich für eine Vorlesung im kleinen Rahmen (Kaminzimmer) entschieden und damit auf zwei Ebenen dasselbe Argument entwickelt. Die Ausgangsfrage stand schon im Raum: Was darf einer Universität nicht fehlen, um sie noch als solche zu erkennen? Vor 200 Jahren stand die Antwort fest: Es ist die Philosophiefakultät. Und genauer: Die Philosophiefakultät als Prüfungsinstanz, die Rechtfertigungen einfordert und sie nur als Vorlesung entgegennimmt. Wer bestehen möchte, muss sie (und das Publikum) erleben und erleiden. Diese alte Logik von Friedrich Schleiermacher ist nicht nur romantisch, sondern führt zur Ursache der hier in Siggen geführten Diskussionen. Münkler erlebte ein Publikum das ihn nicht verstand, beziehungsweise nicht verstehen wollte und sich mit Schweigen nicht zufriedengab. Dieser Weg der Rückkopplung ist nicht weit entfernt von Schleiermachers Logik, dass der Vortragende einen Text liest, der so sprechend vermittelt, dann hörend erlebt und als Mitschrift verstanden wird und mit üblichen Variationen versehen Nachschub für die nächste Generation sich bewährender, leidender Vortragender ist.

Aber passt das zu Münkler? „Die Mitschrift ist das wichtigste Arbeitsmittel der Teilnehmer einer Vorlesung“ lasen wir in Bahners erstem Text zu „Münkler-Watch“. Es war der vorletzte Satz. Im letzten wurde die Situation referierend umgedeutet, denn die Gegenseite sprach plötzlich von einem „Akt des Terrors“. Das passt nicht zusammen. Es ist zumindest stark übertrieben. Doch wenn man Schleiermachers Logik zu einem einfachen „Arrangement von Wahrnehmung und Kommunikation“ kondensiert, es 200 Jahre in die Zukunft holt, als Heuristik wieder auspackt, um die Mitschriften von Münklers Vorlesung zu beobachten ruckelt es. Münkler erlebte den Widerspruch nicht in der Vorlesung, sondern außerhalb und später, anonym und digital. So plausibel es ist, mitschreibende Studenten nicht als Agenten im Verhör, als „ausschnüffelnde Hörsaal-Gestapo“ zu verurteilen, gilt es doch die Rahmenbedingungen des Ganzen nicht außer Acht zu lassen. Doch wie redet man über Technologien, von denen wir erst mal nur sicher wissen, dass sie benutzt wurden und unverzichtbar waren?

Die Vorlesung ist kein Tribunal. Studenten sind keine Sekretäre, die bloß aufschreiben was ihnen diktiert wird. Mitschriften nicht-öffentlicher Veranstaltungen sind keine Verhörprotokolle. Wir konnten uns an diesem Abend auf vieles einigen. Aber die Frage, ob Urheber gesprochener Worte Rechte auf Revisionen bekommen, oder ob sie der völlig entgrenzten digitalen Kommunikation einfach ausgeliefert sind – diese Frage blieb offen. Man kann sie an Münkler ohnehin schwer diskutieren, da ihm als Opfer kaum ein kommunikatives Tatmittel zum Gegenangriff oder zur Verteidigung verwehrt bleibt. Aber wenn man Diskussionen über solche Privilegien führt, verstrickt man sich im weiten Feld der „Safe-Space“-Diskussion und bleibt erst einmal verloren.

Morgen werden wir das weiter strapazieren. Schon heute stellten wir die Frage in den Raum, wer eigentlich noch Situationen definiert, mit welcher Prominenz, Raffinesse, Übung und Autorität auch immer, wenn im gleichen Raum 400 Studenten mit Smartphones sitzen und unklar bleibt – für alle Beteiligte – wie viele Nachrichten in wie vielen WhatsApp-Gruppen parallel mitlaufen und was sie ermöglichen und verhindern. Laut Programm ist das morgen ein wichtiges Thema und damit an dieser Stelle vertagt.

Worum geht es hier? Vom 27. Nov. bis 01. Dez. trafen wir uns zu Einer Woche Zeit im Gut Siggen kurz vor Fehmarn. Thema: Exit/Voice in Universitäten?

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen „Kommunikation unter Unbekannten“ und ist heute Journalist. stefanschulz.com

Ein Gedanke zu “Vorlesung als Leiden

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