Amnestieboxen

Wenn aus einer Lösung ein Problem gemacht wird

Die Empörung könnte kaum größer sein. Da lässt der Kommandant der Spezialkräfteeinheit einer Armee Container aufstellen, in denen anonym Munition und Sprengstoff entsorgt werden können, die von Soldaten rechtswidrig gehortet worden sind. Es wird suggeriert, dass rechtsextrem orientierte Soldaten Waffen und Munition aus Bundeswehrbeständen in ihren Gärten verstecken, um einen Aufstand vorzubereiten, und dass die Führung diesen Soldaten Straffreiheit zusichert, wenn sie nur so nett wären, diese wieder zurückzugeben.

Das Entwenden von Munition und Sprengstoff für private Zwecke sowie deren Lagerung in Privathäusern kommt in Armeen vereinzelnd vor und wird in der Regel streng bestraft.[1] Die Soldaten werden nicht nur aus dem Dienst entfernt, sondern auch strafrechtlich verfolgt. Bei der Aufstellung von „Amnestieboxen“ geht es aber um etwas grundlegend anderes. Sie dienen dazu, die „schwarzen Lager“, die sich an jedem Standort der Bundeswehr bilden, zu reduzieren.

Jede Kommandantin der Bundeswehr hat schon einmal die leidvolle Erfahrung gemacht, dass eine formale Bestellung nicht automatisch dazu führt, dass ihr das nötige Material auch „auf den Hof“ gestellt wird. Dieses Lieferproblem hat sich noch einmal dadurch verschärft, dass im Rahmen von Kostensenkungsprogrammen, die offizielle Lagerung von Material sowie Ersatzteilen reduziert und stattdessen deren zeitnahe Anlieferung versprochen wurde. Dabei handelt es sich um eine Idee von bei der Bundeswehr eingesetzten Beratern aus der Wirtschaft, die aber in der Praxis nie funktioniert hat.[2]

Die Lösung des Lieferproblems ist die Ausbildung illegaler Lager, die die Truppeneinheiten von dem behäbigen Beschaffungswesen der Armee wenigstens teilweise unabhängig machen. Vor offiziellen Inspektionen kommt es dann schon mal vor, dass ganze Lastwagenladungen mit Material kurzzeitig auf einem Truppenübungsplatz geparkt oder in einem benachbarten Standort untergestellt werden. So wird sichergestellt, dass bei Einsätzen und Übungen ausreichend Material und Munition zur Verfügung steht. Der soziologische Begriff für diese Form organisationaler Kreativität ist „brauchbare Illegalität“.[3]

Von dieser illegalen Lagerführung wissen bis hin zur obersten Führung der Bundeswehr alle und sie wird geduldet. Aber sie muss natürlich tabuisiert werden, weil bei einem Bekanntwerden ein unmittelbares Eingreifen gefordert wäre, womit allerdings die schnelle Einsatzbereitschaft der Einheiten reduziert würde. So wird im offiziellen Teil von Veranstaltungen die Existenz solcher schwarzen Lager souverän geleugnet, nur um sich dann im inoffiziellen Teil der Veranstaltung intensiv darüber auszutauschen, mit welchen Tricks man diese illegale Lagerhaltung weiter optimieren kann.

Das Problem ist jedoch, dass schwarze Lager anfangen zu wuchern. Deswegen werden an vielen Standorten – nicht nur bei den Spezialkräften – alle paar Jahre „Amnestieboxen“ aufgestellt, in denen „überschüssige Munition“ entsorgt werden kann. Dabei handelt es sich um nicht einsehbar aufgestellte Container, in denen in der Nacht Munition entsorgt werden kann, ohne dass jemand nachschaut oder nachfragt. Die Erfahrung zeigt immer wieder, dass an Standorten die ursprünglich geplanten Container nicht ausreichen und weitere aufgestellt werden müssen.

Ein solches Management brauchbarer Illegalitäten in Armeen könnte man als Schwäche betrachten, aber das Gegenteil ist der Fall. Erst derartige Möglichkeiten zur punktuellen Abweichung vom formalen Regelwerk geben Armeen eine gewisse „Leichtigkeit“. Widersprüchliche Anforderungen müssen nicht sofort durch ein neues formales Regelwerk entschieden werden, sondern man duldet, dass Soldaten in gut begründeten Fällen von den formalen Regeln abweichen. Gleichzeitig verhindert die Existenz der formalen Ordnung, dass sich eine Armee „balkanisiert“ und alle tun, was sie wollen. Insofern ist die punktuelle Duldung von illegalen Lagern und das gelegentliche Einsammeln über Amnestieboxen nicht das Problem, sondern eine Lösung.

Stefan Kühl ist Professor für Organisationssoziologie an der Universität Bielefeld und berät als Senior Consultant bei Metaplan unter anderem Unternehmen, Verwaltungen, Polizeien und Armeen. Zuletzt erschien von ihm „Brauchbare Illegalität. Vom Nutzen des Regelbruchs in Organisationen“ (Campus 2020).

[1] Zu der Rolle rechtsextremer Tendenzen siehe Stefan Kühl: Kameradschaft im Schatten. In: Taz (14.5.2017).

[2] Zu Just-in-Time Konzepte siehe Lokman Mia: Just-in-Time Manufacturing, Management Accounting Systems and Profitability. In: Accounting and Business Research 30 (2000), 2, S. 137–151. Siehe dazu Stefan Kühl: Brauchbare Illegalität. Vom Nutzen des Regelbruchs in Organisationen. Frankfurt a.M., New York 2020, S. 171.

[3] Zum Begriff der brauchbaren Illegalität siehe Niklas Luhmann: Funktionen und Folgen formaler Organisation. Berlin 1964, 304ff.

Veröffentlicht von Stefan Kühl

Hat vor zwanzig Jahren als Student die Systemtheorie in Bielefeld (kennen-)gelernt und unterrichtet dort jetzt Soziologie. Anspruch – die Erklärungskraft der Soziologie jenseits des wissenschaftlichen Elfenbeinturms deutlich zu machen. Webseite - Uni Bielefeld

2 Kommentare

  1. Ein sehr anschauliches Praxis-Beispiel für Paradoxien in Organisationen. Und dass solche Paradoxien Organisationen überhaupt erst überlebensfähig machen. Das Problem ist, dass in fast jeder Management-Literatur (ausgenommen systemisch orientierte Publikationen) grundlegende Paradoxien entweder nur theoretisch erwähnt oder ihre Bedeutung ignoriert wird. Es fehlt ein Fach „Paradoxien in Organisationen“ mit Unternehmensbeispielen, welches zeigt, dass diese Funktion eine elementare im Organisationsmanagement darstellt.

  2. […] kann man Kühls jüngste Übertragung auf die Amnestieboxen der Bundeswehr (Blog-Beitrag) angesichts der Parlamentsarmee Bundeswehr demokratisch bedenklich finden und wohl mehrheitlich […]

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