Von Samhain bis Michael Myers: Kleine Kulturgeschichte von Halloween

Zwei amerikanische Burschen beim Schnitzen eines Kürbis zu Halloween 1923.
H. Armstrong Roberts

Wie alle Feste des Jahres begleiten Kitsch und Kommerz auch und gerade Halloween. Kulturhistorisch ist die Sache ernster. Allerheiligen spielt eine wichtige Rolle. Die keltischen Ursprünge sind weniger klar.

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Unternehmswelt, Dossier Kultur Plus.

Gewöhnlich sollen Kinder nicht bei Fremden klingeln, freche Forderungen stellen oder mit unangenehmen Folgen drohen. Am 31. Oktober gelten andere Regeln. In den deutschen Landen zumindest seit einigen Jahrzehnten. Vampire, Hexen und Skelette ziehen durch die Straßen, rufen „Süßes oder Saures!“ und treffen auf Erwachsene, die bunt gemischtes Naschwerk bereithalten. Diese Ungehörigkeit ist geduldet. Jedenfalls an der einen oder anderen Tür. Sofern nicht vorsorglich die Klingel abgestellt wurde.

Die Geschichte dieses Festes (will man es so eigentlich nennen?) ist verschlungen. Es ist weder bloß ein amerikanischer Werbeeinfall noch ein unverändert fortlebender Kult der alten Kelten. Ein Drittes kommt in Betracht: Vorstellungen vom Jahreslauf, christliches Totengedenken, regionale Volksbräuche, Einwanderungswellen und Unterhaltungsindustrie haben sich überlagert. Keine dieser kulturellen Prägungen hat andere einfach verdrängt. Überlappen und Verschmelzen lautet die Devise. Oder: Synkretismus der Folklore.

Eine wichtige Traditionsschicht führt ins alte Irland und dürfte mehr als 2.000 Jahre zurückreichen; genauer fassbar wird sie jedoch erst in mittelalterlichen irischen Texten. Nach der Überlieferung bezeichnet „Samhain“ („Saun“ oder „Sau-in“ gesprochen) den Eintritt in die dunkle Jahreshälfte. Mittelalterliche Gelehrte deuteten den Namen als „Ende des Sommers“; eine andere, umstrittene Herleitung verbindet ihn mit Zusammenkunft oder Versammlung.

In der überlieferten irischen Jahreseinteilung markierten vier Feste wichtige Stationen: „Imbolc“ im Februar, „Beltane“ im Mai, „Lughnasadh“ im August und „Samhain“ Anfang November. Sie gaben dem Wechsel der Jahreszeiten eine rituelle Ordnung. Ernte und Weidezeit endeten. Nun zeigte sich, wie gut die Vorräte für den Winter reichten. Und damit auch, wie es um die Überlebenschancen stand.

Samhain besaß eine hervorgehobene Bedeutung. Mittelalterliche irische Erzählungen schildern große Versammlungen und Begegnungen mit der Anderswelt, mit übernatürlichen Wesen und den sagenhaften Hügeln des „síd“, die als ihre Wohnstätten galten.

Die Grenze zwischen den Lebenden und jenen anderen Wesen dachte man sich zu dieser Zeit als besonders durchlässig. Die Tore öffneten sich, die gewohnte Ordnung der Dinge war für einen Moment außer Kraft gesetzt. Gleichsam eine Schwellenzeit, geradezu außerhalb der Zeit, in der Vergangenheit und Zukunft, Diesseits und Jenseits nah beieinanderlagen.

War damit auch ein neues Jahr angebrochen, wie manche meinen? Das lässt sich nicht sagen. Vieles, was wir über Samhain wissen, wurde erst im christlichen Mittelalter niedergeschrieben, nicht zuletzt in Klöstern. Was die vorchristlichen Kelten tatsächlich feierten, lässt sich daraus nicht ablesen. Die Vorstellung eines einheitlichen keltischen Neujahrs- und Totenkults, der bis zum heutigen Halloween fortlebe, wurde maßgeblich durch Deutungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geprägt.

Bei aller Mystik lässt sich der Termin astronomisch einordnen. Ende Oktober nähert sich das Jahr der zeitlichen Mitte zwischen der herbstlichen Tagundnachtgleiche im September und der Wintersonnenwende im Dezember. Der rechnerisch genaue Zeitpunkt liegt erst einige Tage später, Anfang November. Ob astronomische Berechnungen den alten Festtermin bestimmten, wissen wir nicht. Doch der Jahreslauf war für die Menschen seit jeher eine Art kosmische Uhr. Die Tage wurden kürzer, die Nächte länger, die Dunkelheit gewann die Oberhand.

Schick und gesprächig konnte es zugehen. Wäre das nicht eine Idee für heute? Eine Halloween-Party in Südkalifornien im Jahr 1928. Dick Whittington Studio/Gemeinfrei

An den Bewegungen der Erde um die Sonne hat sich bis heute schließlich wenig geändert. Wohl aber an den Vorstellungen und Bräuchen, mit denen die Menschen darauf reagieren.Überhaupt ergibt die Mixtur aus regionalen, spirituellen und naturräumlichen Einflüssen ein etwas verworrenes Bild. Man stößt auf Sagen, mittelalterliche Texte und archäologische Funde, die sich nicht durchweg zu einer stimmigen Geschichte zusammenfügen. Ein Beispiel ist der in Frankreich entdeckte gallische Kalender von Coligny aus der römischen Kaiserzeit. Er verzeichnet einen Monat namens „Samonios“. Auch von drei Nächten ist die Rede, hinter denen man eine mehrtägige Feier vermuten mag.

Die zeitliche Verortung und die Verbindung zu Samhain sind gleichwohl umstritten, die Begriffsähnlichkeit könnte auf die falsche Fährte führen, oder nicht. Aus überlieferten Herbstbräuchen in Irland und andernorts kennt man große Feuer, um die sich Menschen versammelten. Die Flammen spendeten Wärme, konzentrierten die Gemeinschaft und konnten Schutz vor der hereinbrechenden Dunkelheit und ihren vermeintlichen Bewohnern versprechen. Man kann darin den Versuch vermuten, die schwächer werdende Sonne gleichsam anzurufen. Sicher belegen lässt sich eine solche Bedeutung für die ältesten Zeiten allerdings nicht.

Das Feuer verlängerte jedenfalls die knapper werdenden Tage in die Nacht hinein. Das von Menschenhand geschaffene Licht gab Sicht und Sicherheit. So ist es, nur mit Elektrizität, bis in die moderne Welt. Der Zauber lodernder Flammen packt uns weiterhin. Und das Unheimliche dieser Szenerie, des Feuers inmitten der Dunkelheit von Feldern und Wäldern, spürt man. Fehlt, in wärmende Decken eingepackt, nur noch eine zünftige Gruselgeschichte.

Von Geistern und Heiligen

Aber wie kommen wir von Samhain zu „Halloween“? Mit viel Fantasie könnte man sprachliche Verwandtschaft vermuten. Die gibt es nicht. Die Herkunft des Wortes ist eindeutig, obschon nicht weit bekannt. Gemeint ist der Abend vor Allerheiligen, englisch „All Hallows’ Even“ oder „All Hallows’ Eve“. Das ältere Wort „Hallow“ (im Altenglischen noch ganz germanisch „halga“) bezeichnete Heilige, „Even“ beziehungsweise „Eve“ den Abend. Besonders im Schottischen entstand verkürzt „Hallowe’en“. Das vorangestellte „All“ verschwand, aus „Even“ wurde „e’en“. Die Linguistik spricht von Kontraktion. Mit Allerheiligen gedachte die Kirche der Märtyrer und Heiligen, zunächst im österlichen Festkreis.

Erst im frühen Mittelalter setzte sich im westlichen Christentum der 1. November durch. Die nun sichtbar vergehende Natur bildete einen Kontrast zur unvergänglichen Welt der Heiligen. Hinzu kam Allerseelen am 2. November, das um das Jahr 1000 an Bedeutung gewann. So war für alle gesorgt: für die Heiligen ohnehin, fortan zudem für die gewöhnlichen Verstorbenen. In unserer Gegenwart sind beide Tage für viele katholische Christen praktisch miteinander verschmolzen. Schon am 1. November werden die Gräber der Verstorbenen besucht, mit Blumen geschmückt und Kerzen aufgestellt. Zusätzlich finden Gräbersegnungen statt. Denn Allerheiligen ist in den  vorwiegend katholisch geprägten Bundesländern gesetzlicher Feiertag, Allerseelen dagegen ein kirchlicher Gedenktag.

Der Konnex zwischen den verschiedenen Festtraditionen ist also nicht zu übersehen. Es geht um Tod und Erinnerung, um die Vergegenwärtigung jener, die nicht mehr leben. Allerdings in unterschiedlichen religiösen und kulturellen Formen, die sich über Jahrhunderte weiterentwickelt haben; einesteils christlich und liturgisch, familiär und persönlich, andererseits spukhaft und erregend.

Hinter alledem steht eine Frage, die Menschen seit jeher beschäftigt: Können die Lebenden mit denen verbunden bleiben, die nicht mehr unter ihnen sind? Für Verstorbene wurde gebetet. In Teilen Englands erhielten Bedürftige beim Gang von Haus zu Haus kleine Gebäcke, „soul cakes“, als Gegenleistung für Gebete zugunsten Verstorbener. Das war noch kein Süßigkeitensammeln. Aber eine vertraute soziale Übung lässt sich erkennen: Menschen treten an fremde Türen, erhalten eine Gabe und erbringen dafür eine symbolische Leistung. Daneben entwickelten sich in Irland und Schottland volkstümliche Praktiken.

Neben Feuern und Geschichten gab es allerlei Orakelspiele. Mit Äpfeln und Nüssen wurden die Aussichten auf Heirat und Glück gedeutet. Eine möglichst lange Apfelschale wurde über die Schulter geworfen. Der Buchstabe, den sie am Boden bildete, sollte den Anfangsbuchstaben des künftigen Ehepartners verraten. Nun ja. Auch Speisen dienten der Zukunftsschau. In einem irischen Früchtebrot, dem sogenannten „Barmbrack“, wurden kleine Gegenstände versteckt. Wer einen Ring erwischte, durfte auf eine baldige Hochzeit hoffen. Ein Stück Stoff verhieß dagegen Armut. Beim „guising“ wiederum gingen Verkleidete von Haus zu Haus und boten Lieder oder Verse gegen eine Gabe an. Mancher Streich gehörte dazu. Halloween war gesellig, ausgelassen, gelegentlich derb. Von einzig finsterer Geisterzeremonie kann vermutlich nicht die Rede sein.

Der Kürbis, das putzige Leitsymbol des Schreckens, erzählt überdies eine Migrationsgeschichte. Auf den britischen Inseln höhlte man anfangs Rüben aus, schnitzte Gesichter hinein und beleuchtete sie. Die Gestalt des „Jack-o’-Lantern“ verbindet sich mit der Sage über einen listigen Jack, der den Teufel narrte und schließlich weder im Himmel noch in der Hölle Aufnahme fand. Zu ewiger Wanderschaft verdammt, musste er sich, so eine Version der Erzählung, mit einem glühenden Kohlestück in einer ausgehöhlten Rübe behelfen.

Herbstzeit ist Lesezeit: Für das Statewide Library Project in den USA sollten Kinder in den 1930er Jahren zum Lesen animiert werden. Gruselgeschichten um Halloween könnten dabei geholfen haben.
Gemeinfrei

Als im 19. Jahrhundert viele Iren mit Ziel Nordamerika auswanderten, fanden sie einen leichter zu bearbeitenden, massigen Werkstoff: den Kürbis. Insbesondere die große Hungersnot seit den 1840er Jahren trieb zahlreiche Menschen über den Atlantik. Mit ihnen reisten europäische Erinnerungen und Erzählungen, die in der neuen Heimat fortlebten und angepasst wurden. So hatten es bereits die englischen Siedler gehalten, deren Nachfahren sich später zwar von der britischen Krone lossagten, aber natürlich nicht von allem, was sie aus der einstigen Heimat mitgebracht hatten und an dem ihr Herz hing. Das amerikanische Urbild von Halloween ist ein verwandelter europäischer Brauch. So manches, was uns vom anderen Ufer des Atlantiks erreicht, ist dort neu eingekleidet worden.

In Nordamerika mischten sich die Kultureinträge mit lokalen Festen, Nachbarschaftsleben, kindlicher Begeisterung und allmählich jugendlichem Übermut. Die multitraditionelle Vermengung nahm erneut ihren Lauf. Streiche gehörten, mehr denn je, dazu. So wurden Sachen versteckt, Zäune versetzt, Türen beschmiert. Schulen und Kommunen versuchten, dem Treiben Grenzen zu setzen. Der Ausruf „trick or treat“ ist seit den 1920er Jahren bekannt. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich das Halloween durch, wie wir es heute kennen. Die amerikanischen Vorstädte boten kurze Wege von Haustür zu Haustür. Und die Süßwarenindustrie lieferte bald unzählige einzeln verpackte Kleinstgaben.

Längst hatte sich die Literatur um den amerikanischen Grusel verdient gemacht. 1820 veröffentlichte Washington Irving seine berühmte Erzählung „The Legend of Sleepy Hollow“. Darin wird der etwas furchtsame Schulmeister Ichabod Crane von einem kopflosen Reiter verfolgt, bei dem es sich angeblich um den Geist eines gefallenen Soldaten handelt. Crane ist spurlos verschwunden. Zurück bleibt ein zerbrochener Kürbis. Ob ein Gespenst am Werke war oder ein durchtriebener Zeitgenosse, bleibt offen. Von Halloween selbst ist in der Erzählung nicht die Rede.

Erst später wurde der kopflose Reiter zu einer der zentralen Schreckgestalten des US-Halloween. Eine schaurig-schöne Geschichte darüber, wie sich alte Erzählungen und jüngere Bräuche miteinander mischen.Film, Fernsehen und Werbung schufen eine eigene, kraftvolle Bilderwelt. Gespensterhäuser, Gruselgestalten und Dekorationen machten Halloween zum jährlich verkaufsförderlichen Spektakel. Das Horrorkino trug dazu bei, allen voran John Carpenters ikonischer Film „Halloween“ von 1978. Michael Myers, schon als unschuldig dreinschauender Bub das unfassbar Böse, zieht unzerstörbar und hemmungslos mordlüstern durch Amerikas Kleinstadtidylle.

Alle Jahre wieder mordet Michael Myers

Es folgten einigermaßen flache Fortsetzungen. Halb trottelige Polizisten, leichtsinnige Landleute, wirre Geschichten. Bei den Drehbüchern konnte man offenbar sparen, solange nur die Atmosphäre stimmte: vom Winde verwehtes Herbstlaub, tief hängende Wolken und lauter Kürbisse auf den Veranden. Stumme Zeugen des Myers’schen Blutrauschs. Bis man es irgendwann nicht mehr sehen konnte. Die berühmte Titelmelodie allerdings hat Kultcharakter. Geradezu eine Fanfare des 31. Oktobers.

Abseits des Bösen auf Leinwand und Bildschirm geht es an Halloween für gewöhnlich harmlos zu. Zwischen künstlichen Spinnweben im Supermarkt und einer raffiniert geschminkten Schreckgestalt liegen viele Abstufungen des Grusels. Das Ganze kommt in rundherum verkitschter Aufmachung daher. Grabsteine im Vorgarten, Plastikskelette am Apfelbaum. Schrecken zum Aufhängen und Aufstellen, den man, wie später den Weihnachtsschmuck, einfach wegräumen kann.

Nicht gerade ein angenehmer Zeitgenosse: Michael Myers, hier gespielt von Nick Castle, mordet ab 1978 alle Jahre wieder an Halloween. Was zählt, ist die Atmosphäre, die Drehbücher sind sekundär.
Compass International Pictures

In Deutschland verbreitete sich Halloween seit den 1990er Jahren. Wie so oft traf das vermeintlich Neue auf alt Vertrautes. In verschiedenen Regionen kannte man herbstliche Heischegänge und beleuchtete Rübengeister. In Oberschwaben wurden „Riabagoaschter“ geschnitzt, in der Pfalz und im Saarland waren es „Rummelbooze“. Ausgehöhlte Rüben bekamen unheimliche Gesichter. Kinder zogen damit durch die Dunkelheit und erschreckten Passanten. Die Bräuche waren nicht identisch, Ähnlichkeiten bestanden. Und so passte manches zu manchem – unter anderem Namen und mit anderem Gemüse.

Dass der 31. Oktober zugleich Reformationstag ist und Allerheiligen am Folgetag begangen wird, sorgt in kirchlichen Kreisen immer wieder für Ärger. Gerade im Stammland der Reformation. Und das trotz rapide abnehmender Kirchenbindung. Fragt man zwei Theologen, bekommt man drei Antworten. Die einen raten zur Gelassenheit oder wollen beides, das Liturgische und die Folklore, ein wenig miteinander verbinden. Andere wittern heidnischen Aberglauben, manche sehen den Teufel höchstselbst am Werk.

Protestanten mögen sich mit Halloween noch schwerer tun als Katholiken. Immerhin hat die Reformation mit wesentlichen Vorstellungen des katholischen Heiligen- und Totengedenkens gebrochen. Allerseelen verlor seinen Platz im evangelischen Kirchenjahr. Der Verstorbenen gedachte man weiterhin, auf andere Weise, am späteren Totensonntag. Außerdem kommt Halloween den nachfolgenden katholischen Tagen – anders als jenem zu Ehren Martin Luthers – nicht groß in die Quere.

Selbstredend können die Kirchen längst keine alleinige Deutungshoheit mehr beanspruchen. Eventkultur, Partyleben, auch Exzess und Dekadenz gehören zur liberalen Moderne – mag es einem recht sein oder missfallen. Es ist auffällig, wie sehr sich die Diskussion darum dreht, ob Halloween eine „echte alte“ Grundlage habe oder im Grunde nur vermarktungskonform erfunden worden sei. Trifft Letzteres zu, wird ihm Originalität und Substanz abgesprochen. Als müsste das eine das andere ausschließen.

Man prüft auf historisch wahren Reinheitsgehalt.Dabei waren schon die alten, mit dem Heidnischen und Vorchristlichen verbundenen Feste nicht frei von unterschiedlichen Bedeutungen, örtlichen Eigenheiten und Veränderungen. Kultur ist selten aus einem Guss. Wer heute Halloween feiert, interessiert sich üblicherweise nicht für das Brauchtum der alten Iren. Womöglich erschiene einem das zu unheimlich. Es geht ja um Spaß, nicht darum, an etwas zu glauben.

Steht das Grauen da nicht heimlich ins Gesicht geschrieben? Grußkarte zu Halloween in den USA von 1904. Gemeinfrei

Die Begeisterung für Halloween ist keineswegs ungebrochen. Einer YouGov-Umfrage vom Oktober 2026 zufolge hielten es 23 Prozent der befragten Erwachsenen in Deutschland für wahrscheinlich, Halloween in irgendeiner Form zu feiern. 74 Prozent hielten das für unwahrscheinlich. Dass wir den ganzen Oktober hindurch in den Einkaufstempeln mit Kitsch und Kommerz des Grusels behelligt werden, liegt am lieben Geld. Internet und Werbung tun ihr Übriges. Halloween ist für ein paar Tage ein Kassenschlager.

Eine große Anziehungskraft liegt in der Verkleidung. Sie schafft eine Ausnahme von gewöhnlichen Erwartungen, erlaubt das Überschreiten von Grenzen, die Verkehrung der Verhältnisse, wie wir sie vom Karneval kennen. Kinder dürfen Erwachsene erschrecken, die sonst die Regeln setzen. Und die Erwachsenen machen mit. Oder veranstalten gleich ihre eigenen Partys. Wie Schnappschüsse vom Abend des 31. Oktobers in sozialen Netzwerken zur Genüge dokumentieren. Für einige Stunden gelten andere Rollen, Umgangsformen und Freiheiten.

Eigentümlich und bezeichnend bleibt der Umgang mit dem Tod. Das wirkliche Sterben ist vielerorts aus dem persönlichen Blickfeld gerückt, während Skelette, Zombies und Wiedergänger massenhaft sichtbar sind. An Schreckensbildern herrscht ja sonst wahrlich kein Mangel. Mord und Totschlag begleiten uns in Film und Fernsehen und besonders ungefiltert im Internet, oft in einer Unmittelbarkeit, die durch redaktionelle Maßnahmen einst begrenzt wurde. Trotzdem suchen wir die auf reizvolle Weise schauerliche Begegnung mit dem Unheimlichen und Jenseitigen freiwillig.

Das gilt gewiss nicht für jeden Schrecken gleichermaßen. Wir genießen die Fiktionalisierung, das geteilte und gegenseitige Erschrecken, den Nervenkitzel, der uns auf wohlige Weise strapaziert. Man weiß ja, worauf man sich einlässt. Das lässt sich bei kleinen Kindern wie bei Erwachsenen beobachten. Die einen verstecken sich hinter der Sofalehne, die anderen bestellen sich im Kino die nächste Portion Horror. Und nicht selten will man noch mehr davon.

Ohne Kontrolle, ohne Sicherungsgurte sähe die Sache freilich anders aus. Wenn aus dem gespielten Schrecken wirkliche Bedrohung wird, endet der Spaß abrupt. Mit dieser brachialen Ent-Täuschung spielen gerade die Streifen mit Michael Myers und ähnlichen Scheusalen. Junge Leute ziehen mit Bier umher, setzen Masken auf, erschrecken einander und spielen den Nachbarn Streiche. Und auf einmal ist dieser eine mit der speziellen Maske gar keiner, der nur umherzieht und Schabernack treibt. Im nächsten Moment schlitzt er jemanden mit dem Messer auf. Man dachte noch, das sei ein Scherz – schon ist wer in der Anderswelt.

Es ging um existenzielle Sinnstiftung

Was von den alten Überlieferungen noch geblieben ist, lässt sich schwer sagen. Für die Menschen früherer Zeiten standen andere Dinge auf dem Spiel. Hunger und Kälte bedrohten das Leben, die kommende Jahreszeit brachte Ungewissheit. Es ging um existenzielle Sinnstiftung. Kultische Zusammenkünfte, Opfergaben und die Anrufung übernatürlicher Mächte konnten helfen, mit dieser Unsicherheit umzugehen.

Die Vorstellungen von der Anderswelt gehörten zu einer Ordnung, in der Naturereignisse, menschliches Schicksal und Spiritualität verbunden waren. Nach solchen Vorstellungen musste man sich die Wesen und Erscheinungen der anderen Seite gewogen halten. Daraus folgte nicht, dass alle dasselbe glaubten oder dieselben Rituale vollzogen. Aber es macht klar, weshalb der Eintritt in die dunkle Jahreshälfte mehr sein musste als ein Anlass zur Geselligkeit.

An einer Schwelle des Jahres wird das Fremde kurze Zeit vertraut gemacht. Lange Abende bilden die Bühne, Kostüme liefern die Rollen, Familien und Nachbarn das Publikum. Niemand muss an Geister glauben oder dem Satanismus frönen, um mitzuspielen. Auch wenn manche solche Überzeugungen und Neigungen haben. Darin liegt die Gegenwartsfähigkeit Halloweens. Kein Toter kehrt zurück. Aber für einen Abend dürfen die Lebenden so tun, als wäre die Grenze zu ihnen weniger fest, als sie sonst erscheint. 

Da uns Schlimmes – in der Regel – nicht droht, können wir es uns zur Primetime auf der Couch getrost gemütlich machen. Mit einem Glas Wein, etwas Kürbissuppe und Spinnen-Crackern. Vorsichtshalber zeitig die Rollläden herunterlassen. Was ist, wenn jetzt Michael umherzöge? Man weiß ja nie.


Marcel Schütz ist Professor für Organisation an der NBS Northern Business School in Hamburg. Er unterrichtet außerdem an den Universitäten Bielefeld und Oldenburg.


Weiterführend

Arte (2025): Halloween – Mythos der Kelten. (Letzter Abruf: 02.11.2026)

Bauer, K. (2025): Allerseelen/Allerheiligen – Halloween (I-14.5.5). In: M. Klöcker/U. Tworuschka (Hrsg.): Handbuch der Religionen. Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften in Deutschland (85. Ergänzungslieferung). Olms Verlag.

Biesler, J. (2025): Horror und Halloween. Die Lust am Grusel. In: Deutschlandfunk, 30.10.2025. (Letzter Abruf: 02.11.2026)

Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (2024): Reformationstag und Halloween: Glaube begegnet Grusel. (Letzter Abruf: 02.11.2026)

Linton, Ralph (1951): Halloween. In: Scientific American 185 (4), S. 62–67.

Rogers, N. (2002): Halloween: From Pagan Ritual to Party Night. Oxford: Oxford University Press.

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