Zum fehlenden externen Selektionsmechanismus der Wikipedia

Rund um die deutsche Wikipedia gibt es gegenwärtig Aufruhr, da einige Admins (Wikipedia-Leute) Texte von Autoren (Welt-Leute) löschen und dies mit ihrem Katalog für Relevanzkriterien begründen.

Die Wikipedia ist ein besonderes Projekt. Sie ist, in erster Linie, eine Organisation und folgt somit klaren Regeln in Bezug auf: Wer darf was und wer darf nicht. In diesem Sinne ist sie eine gewöhnliche Organisation. Sie verfügt über Verfahren durch die geregelt wird, wer zu den Entscheidern gehört und was und wie entschieden wird.

In einem anderen Punkt ist sie jedoch absolut einzigartig. Sie ist für viele Nicht-Wikipedianer die erste und für noch mehr die einzige Anlaufstelle beim Suchen und Aufschreiben enzyklopädisch dargebotenen Wissens im Internet.

Und an dieser Stelle treffen zwei Prinzipien aufeinander. Auf der einen Seite steht die geschlossene Organisation die, selbstverständlich, wie jede andere Organisation, selbst über ihren Fortbestand entscheidet. Auf der anderen Seite hat sie es hauptsächlich mit Nicht-Wikipedianern zu tun.

Dieser Zwiespalt manifestiert sich in der Frage: Wie relevant ist die Welt eigentlich für die Organisation Wikipedia? Und es betrifft nicht nur die Mitglieder der Organisation, sondern auch ihre Themen. Die Wikipedia berichtet nicht über sich selbst, sondern gerade über die Nicht-Wikipedia-Welt. Sie entscheidet jedoch nur intern, welcher Weltausschnitt für sie relevant ist und welcher nicht.

Eine derartige Themen-Relevanz-Problemstellung haben beispielsweise auch politische Parteien. Auch sie entscheiden intern, was sie für wichtig halten und was nicht. Ähnlich Unternehmen, sie entscheiden, welche Forschungsergebnisse sie für wichtig halten, um sie in Produkte umzusetzen. Ähnlich Zeitungen, in denen die Redaktionen entscheiden, was ins Blatt kommt oder nicht.

All diese Organisationen entscheiden selbst, was relevant ist und was nicht. Allerdings: Der Selektionsmechanismus ist ein externer. Eine Partei, die sich thematisch verschätzt, wird abgewählt. Ein Unternehmen, das sich vertut, findet keine Käufer. Eine Zeitung, die Fehlentscheidungen trifft wird entweder nicht gelesen oder gänzlich ignoriert. Die Selektionsmechanismen operieren im Markt, im Wählerpublikum, in der Medienlandschaft – die Organisationen sind diesen Mechanismen ausgeliefert.

Der Wikipedia fehlt solch ein Selektionsmechanismus. Wikipedianer entscheiden, was relevant ist und was nicht – und es gibt keine Rückversicherung, die diese Entscheidungen bestätigt oder nicht. Man kann nun darüber streiten, ob eher die Inkludisten oder die Exkludisten (beides Wikipedianer) die Vorherrschaft erhalten sollten – oder aber, ob man nicht versucht, einen externen Selektionsmechanismus zu finden.

Warum darf man als Leser nicht darüber abstimmen, ob man einzelne Beiträge für gut und informativ findet oder nicht. (Dieses Prinzip gibt’s beispielsweise bei Amazon- oder iTunes- und YouTube-Kommentaren). Warum findet sich kein wikipediaexternes Gremium, dem strittige Artikel, bspw. alle zwei Monate vorgelegt werden? (An Engagement und Zeit mangelt es nicht.) Warum werden strittige Artikel gelöscht, statt als solche markiert. (Siehe verlinkter Text)

Ein Projekt wie die Wikipedia zeigt, dass es keinen statischen Prinzipienkatalog geben darf, der eisern durchgepeitscht wird. Die Grenzen zwischen Wikipedia und Welt sind zu unflexibel. Und die Gefahr besteht: die plötzliche Irrelevanz des gesamten Projekts. Während die SPD und Microsoft ganz langsam sterben und es letztlich keinen mehr überrascht, weil alle zusehen konnten, wie diesen Organisationen ihre Relevanz allmählich von außen wegselegiert wurde – kann das Ende der Wikipedia sehr abrupt kommen. (Auch hier noch mal der Hinweis, auf den schon oben verlinkten Text.)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

40 Gedanken zu “Zum fehlenden externen Selektionsmechanismus der Wikipedia

  1. Du hast recht, dass die Korrekturmechanismen nicht greifen. Aber es gibt ein Problem: im Prinzip ist jeder „Wikipedianer“. Man muss sich nicht anmelden, die Wikimedia hat keine Eignungstests für Wikipedia-Admins.

    Wie kann man in einem solchen Umfeld wirksame Kontrollmechanismen etablieren? Die Wikipedia ist ein riesiges organisatorisches Experiment.

  2. Spannender Artikel!

    Noch während des Lesen dachte ich an das Feedback-Prinzip, das beispielsweise in iTunes realisiert worden ist – um festzustellen, dass Du es auch alsbald erwähnst. So naheliegend die Idee ist, so problematisch ist sie bei genauerer Betrachtung: De facto hat ja jeder Besucher die Möglichkeit, Einspruch gegen die vorhandenen Artikel zu formulieren (dafür benötigt man nicht einmal eine Registrierung) – auf der jeweiligen Diskussionsseite. Diese Möglichkeit wird aber nicht genutzt, offensichtlich fehlt den meisten Nutzern (im Sinne von: Lesern) die nötige Motivation dazu (dies ist im Falle von iTunes, bemerkenswert, anders: Dem Kommentar ist meistens eine Bezahlung, also Kommunikation im Medium Geld, vorausgegangen; oder zumindest eine hinreichend positive oder negative Erfahrung mit dem Programm/dem Podcast/der Musik, um zum Verfassen eines Kommentars zu motivieren.

    Dass dies im Falle der Wikipedia nicht der Fall ist, unterstützt Deine Beobachtungen, dass über (Welt-) Relevanz nur (Wikipedia-) intern entschieden wird. Anhand welcher Kriterien? Der Verdacht liegt nahe, an Wahrheit zu denken. Und: Wer käme also in Betracht, „Wahrheitspunkte“ zu vergeben? Und wer verfügt über das dafür implizit vorausgesetzte (Vergleichs-) Wissen? – Viel größer als die Gefahr der zunehmenden Irrelevanz befürchte ich eine zunehmend-ausschließliche Selbstreferenz. Ob das dann in Esoterik oder Mediokratie endet, sei dahingestellt.

    Das aber alles nur mal so auf die Schnelle dahinkommentiert…

  3. Ich denke, es spräche nichts dagegen, für die Wikipedia einen Code wie Relevanz zu vergeben. Die Wikipedia ist einzigartig, da kann man ihren Artikeln auch einen Code exklusiv zuschustern: Relevant/Irrelevant ;-)

    Ich oute mich mal als Inkludist: Ein Interessent (vielleicht der Autor) reicht aus, ein Thema als relevant zu deklarieren (also aktiv zu markieren). (So wie das Gefallen nur eines Einzelnen aus Irgendwas Kunst macht.)

    Nun kann man sich darüber streiten, ob es ein Interessent oder 1000 sein müssen, damit ein Thema tatsächlich als relevant gelten darf. Oder ob Relevanz in Bezug auf die Wikipedia eher bedeuten sollte, dass ein Artikel relevant ist, wenn er einen Sachverhalt richtig oder wahr (wie auch immer definiert) erklärt. (So gelesen bei Fefe.)

    Nicht akzeptabel ist jedoch die Option der ausschließlichen Selbstreferenz der aktuelle Situation, dass Wikipedianische Verwaltungsbeamte entscheiden, für wen was relevant ist. Die Wikipedianer sollten sich um eine Prozessordnung aber nicht um Inhalte kümmern. Und man sollte darüber nachdenken, ob zwischen akzeptieren und löschen nicht noch weitere Stufen möglich sind. (Medizinische Beiträge werden ja, wenn auch aus anderen Gründen, als prinzipiell unsicher markiert.)

  4. Bravo an den Autor! Damit wird genau einer der wichtigsten Knackpunkte bei der deutschen (denn bei allen anderen ist es anders) Wikipedia aufgezeigt.

    Sie funktioniert nicht, weil selbsternannte Löschdiktatoren machen, was sie wollen. Es wird auch nicht etwa demokratisch darüber entschieden, ob ein Artikel aufgenommen oder gelöscht wird.
    Selbst für Änderungen muss man nunmehr x Belege bringen, damit sie angenommen werden. Meist werden sie jedoch gelöscht.
    Und äußert man Kritik, wird man erst recht gelöcht.

    In richtigen Leben nichts zu sagen, auf Wikipedia ein kleiner Napoleon. Das ist leider Realität in der deutschen Wikipedia.

  5. Gerade weil Relevant/Irrelevant (wie ja jede Unterscheidung) kontextabhängig ist, erscheint es mir wenig sinnvoll, im Rahmen der Wikipedia die Ausdifferenzierung der Wissenschaft (als Resultat des Buchdrucks!) in einer Art Mini-Evolution nachzuspielen. Ist Relevanz ein verlässlicher Code? Nein – für sich genommen ist sie genauso unscharf wie Wahrheit oder Kunst. Aus eben diesem Grund führst Du den Vorschlag der Prozessordnung ein, Legitimation durch Verfahren, und ich bin ganz Deiner Meinung. Dies gilt dann allerdings für die Organisation Wikipedia, also das soziale System (das ja durchaus vom technischen, als das Wikis als Software ja ebenfalls zu begreifen sind, unterschieden werden muss). Es gibt dann quasi Wiki-Beamte. Woran halten sich diese?

    Eine Spekulation: Es ist ein Verfahren denkbar, dass sich schrittweise der Wissenschaftlichkeit annähert (wenn denn auf Wissenschaftlichkeit abgezielt werden soll, was ich implizit einfach mal voraussetze; es könnte ja auch sein, dass es einfach auf die Vermittelbarkeit von Informationen ankommt, an die dann ganz andere Anforderungen gestellt werden müssten – aber das nur am Rande). Ein Beispiel: Unter jedem Artikel sind Klickfelder vorstellbar, die eine Sortierung anhand von Kategorien wie „Hilfreich“, „relevant“ oder „wissenschaftlich wahr“ erlauben (in eben dieser Reihenfolge). Das Problem: Quantität ersetzt bekanntlich nicht Qualität (der lesenwerte Artikel bei Aggregat7 verweist in diesem Zusammenhang auf die Klicks von „YouTube“-Videos: http://j.mp/2w1QA5). Warum das Rad neu erfinden?

    Das Beobachtungsschema bleibt kontingent: Auch die potentielle Reflexionstheorie der Wikipedia bleibt beobachtbar (und um die geht es doch, wenn wir ihr diesen Sonderstatus zugestehen wollen – ich hege allerdings Zweifel, ob Relevanz tatsächlich exklusiv für Wikipedia-Wächter reserviert werden sollte… ;-) – und somit (gemäß ihrer eigenen Organisationsform: verhandelbar). Man sollte sich auf das Wesentliche besinnen, statt idiosynkratisch Relevanz zu verordnen (oder zu leugnen): „Was immer unter dem Code wahr/unwahr im Hinblick auf Wissensgewinnung operiert, ist Wissenschaft – auch wenn es im Klostergarten oder im Industrielabor geschieht“, schreibt Luhmann (Wissenschaft, S. 636). Vielleicht sollten sich die mitteilungswütigen User der Wikipedia aufs Schreiben von Artikeln (rück)besinnen – die können nämlich sinnvoll diskutiert werden. Und die weniger exzentrischen Geister überdenken die Relevanzkriterien, so dass sie sich der Wissenschaft in der Computergesellschaft gerecht werden. Es zeigt sich nämlich zugleich, daß mit dem Auftreten eines neuen Hauptverbreitungsmediums neue Formen der Sinnverarbeitung gefunden werden müssen; diese lassen sich aber kaum am Reißbrett (oder am Schreibtisch) planen, ab gewissen Komplexitätsgraden haben sich solche Versuche als recht sinnlos erwiesen.

    Fazit? Bis auf weiteres halte ich es (was das Schreiben von Artikeln betrifft) also mit den Formen der Buchdruckgesellschaft (die noch größtenteils die Relevanzkriterien der Wikipedia formatieren), auch im „Neuen Medium“. Dass diese auf Dauer nicht ausreichen, ist mir durchaus bewusst… Die Auseinandersetzungen zwischen „Inkludisten und „Exkludisten“ sind ein schönes Beispiel. Eine Reflexionstheorie der Wikipedia? Beobachten wir also gespannt weiter…

    Post scriptum: Auch Bücher sollten übrigens als „prinzipiell unsicher“ markiert werden, nur um das mal klar zu stellen.

  6. Jo – ich stimme dir weitgehend zu – bleibe aber bei meiner unterscheidung relevant/unrelevant. Denn die kontextabhängigkeit die du beschreibst, ist ja nur ein impliziter Hinweis darauf, dass der Code nicht auf sich selbst angewendet werden kann. Die Antwort auf die Frage, ob die Unterscheidung von relevant und irrelevant relevanter oder irrelevanter ist, als eine andere, ist nicht so wichtig. Denn was anderes kann ja immer möglich oder gar besser möglich sein.

    Auch die Herabschätzung von Quantität gegenüber Qualität würde ich nicht so als eindeutig hinnehmen. Digg, Rivva und wie sie alle heißen zeigen, dass Quanität ein guter Selektionsmechanismus ist – auch wenn man ihn für die tatsächliche Themenwahl mit ein bisschen kognitiver Intelligenz würzen muss.

    Von daher: (1) Die Wikipedia ist eine Singularität, die sich zwischen den Massenmedien und der Wissenschaft bettet – indem sie Wissen & Information nach relevant / irrelevant sortiert. (2) Die Relevanz der Wikipedia sollte nicht durch Wikipedianer gemeint, sondern durch die Verwendung der Artikel (Wie oft aufgerufen? wie oft für gut befunden?) ersichtlich werden. (sehr normativ, aber egal ;-)

  7. @Torsten (2) (dein Kommentar hing im Spamdingens – sorry) – Ich denke schon das es sinnvoll ist, zwischen Wikipedia-Autoren und Wikipedia-Admins zu unterscheiden. Denn so einfach ist es nicht, Wikipedia-Admin zu werden – über die Zusammensetzung des Adminpannels wird wikipediaintern entschieden.

  8. Hmm… und ja.

    Die Frage von Quantität/Qualität (oder „Kollektivintelligenz“/Mediokratie) ist streng genommen eine ganz andere. Vergessen wir das für den Moment. Die Idee (1), dass die Wikipedia zwischen Massenmedien und Wissenschaft operiert finde ich spannend. An der Singularität (und entsprechend: der Exklusivität des Codes) hege ich weiterhin Zweifel – an der generellen Möglichkeit der Herausbildung eines neuen Codes nicht.Relevanz/Irrelevanz ist kein schlechter Vorschlag, aber Blogs funktionieren beispielsweise sehr ähnlich.

    Wie dem auch sei: das ist wohl alles (noch) Zukunftsmusik. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass wir gerade den ersten Takten (oder besser: den noch ziemlich dissonanten und holprigen Proben des Orchesters) lauschen. Um mal im Bild zu bleiben.

  9. Pingback: Blog Fürst » Links zur Löschdiskussion

  10. Sehr spannend. Nur ein paar Nachfragen, ganz querbeet.

    1. Wikipedia als Organisation. Wirklich? Dann aber eine Organisation, die sehr offen mit ihren Mitgliedschaften umgeht (erst einmal kann jeder einen Beitrag verfassen und somit Mitglied werden, zumindest eine Art Teilmitglied, oder?). Das schließt nicht aus, daß es dann noch Hierarchien gibt, also Mitglieder (Admins?) die Mitglieder (Autoren?) exkludieren können (aber nur pro Beitrag, nicht als Person bzw. korrekt: als Adresse?). — Vielleicht habe ich aber auch noch nie das Prinzip Wikipedia verstanden; bei Euch hört es sich fast an, als gäbe es ein festes Wikipedia-Büro in Deutschland, in dem tatsächlich „Wikipedia-Beamte“ sitzen und — Entscheidungen treffen, was sonst. (Gibt es das? Dann wäre Wiki viel alteuropäischer als ich immer dachte… ;-) ) Aber auch diese Entscheidungen scheinen offener, lockerer, keineswegs so extrem strukturbildend zu wirken wie beispielsweise ein guter, alter Parteiausschluß. „Wer“ wäre denn da schon, den man auschließen könnte… — Hübsche Metapher von Peter Fuchs, nebenbei: Das WWW als „Wegpumpwerk für individuelles Bewußtsein“.

    2. Code relevant/irrelevant mit evtl. Zweitcodierung Wahrheit/Unwahrheit. Der Code an sich scheint mir nicht so besonders exklusiv zu sein, ehrlich gesagt. Ich finde zum einen die Trennschärfe zum Code der Massenmedien nicht ganz sauber (eine Information bzw. eine Nachricht muß aus Sicht der Zeitungsredaktion – und über den Umweg des Mediums Geld auch für die Käufer, die für die Zeitung bezahlen – in erster Linie relevant sein, um eine Information bzw. eine Nachricht sein zu können. Und spielen nicht auch die Massenmedien mit der Zweit-Codierung Wahrheit?). Zum anderen operiert doch jedes buchgedruckte Lexikon genau so: Eine Lexikonredaktion entscheidet (als klassische Organisation) darüber, was relevant und was nicht relevant sei – hier möglicherweise begrenzt durch die Zahl der Stichwörter oder Bände (die sich maximal verkaufen lassen? Wirtschaft?); und auch der Brockhaus und erst recht der Pschyrembel nehmen selbstverständlich zusätzlich wissenschaftliche Wahrheit in Anspruch, weshalb ja dann der Eintrag zur Loriotschen Steinlaus als „wissenschaftlicher Witz“ gelten darf. (Wikipedia-Eintrag hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Steinlaus). Nein, der entscheidende Unterschied scheint mir schon in der – Verzeihung, ganz un(system)theoretisch ausgedrückt – Vernetzung zu liegen, in der dauernden Befeuerung von und durch neue(n) Irritationsmöglichkeiten und Irritationen, in der Vervielfachung von Selektionsangeboten (nichts anderes sind doch Verlinkungen?) – und auch, allen Admins zum Trotz, in den mangelnden Kontrollmöglichkeiten. Als wäre der Buchdruck – ohne seine strukturerzeugenden („speichernden“) Eigenschaften aufzugeben, die Diskussionen zu den einzelnen Einträgen sind ja nachzulesen – ein Stück weit vermündlicht worden. Eben: ein neues „Hauptverbreitungsmedium“, mit dessen Auftreten zugleich „neue Formen der Sinnverarbeitung“ gefunden werden müssen (s.o. bei Autopoiet). — Next Society? Die Wikipedia ein Teil davon, der sich – durch „Lösch-Diktatoren“, aber vor allem durch die Orientierung am alteuropäischen Enzyklopädie-Format (das gleichzeitig ständig gesprengt, unterminiert, in Frage gestellt wird) – beobachtbar dagegen wehrt?

    Keine Ahnung, nichts für ungut… Sehr anregend jedenfalls!

  11. zu 1. – Naja, die Wikipedia ist eine Organisation. Sie verfügt über Mitglieder, Formalstruktur, autopoietische Entscheidungen, Leistungsbeziehungen usw… Das heisst jedoch nicht, dass Autoren gleich Mitglieder sind. Es ist in etwa die gleiche Unterscheidung zw. Parteibasis/Parteispitze oder Mercedes-Käufer/Mercedes-Zusammenbauer – zu den Mitgliedern zählt nur die zweite Seite der Unterscheidung. (Also: Autoren/Admins)

    zu 2. – Der massenmediale Code ist (präziser) neue Information / keine neue Information. (siehe der Begriff „Neuigkeiten“ bzw. die Zeitkomponente im Mediensystem, alles als erster zu berichten.) Der Wikipedia, wie jeder Enzyklopädie, geht es darum Wissen entlang relevant/nicht-relevant zu ordnen. Von daher ist die Zweitcodierung nicht Wahrheit – es geht ja nicht nur um wissenschaftliches Wissen.

    Zu den Offlineenzyklopädien – diese haben natürlich nicht das Problem der Wikipedia, da sich die Reputation des Autors als Relevanz auf die Einträge überträgt. Die Wikipedia-Autoren sind jedoch unbekannt bzw. so viele, dass sich diese Rückversicherung nicht von selbst ergibt.

  12. Ich ärgere mich auch schon sehr lange über die Relevanzkriterien von Wikipedia.
    Auch ich bin der Meinung, dass ein Artikel Luft und Zeit zum Atmen braucht und nicht schon als zarter Jungspries von den wilden Lösch-Ziegenböcken aufgefressen wird.

    Wenn ich mir überlege, was diese Trottel an Zeit für Zerstörung aufbringen, wird mir schlecht.

    Wie dem auch sei:
    Ich schreibe nicht mehr für die Wikipedia.
    Weder Artiekel noch Korrekturen.

    Stattdessen habe ich ein Gegenprojekt gegründet:

    http://www.wiki-waste.de/

    Ich sammle gelöschte Artikel und verwende sie einfach in dem Projekt.

    Zudem wenn ich einen Artiekl schreibe – dann werde ich ihn hier schreiben!

    Und ich würde mir wünschen, wenn Viele von Euch unzufriedenen einfach auch mitmachen würdet!

    Zunächst mal ist ALLES Relevant – und dann kann man immer noch sehen – wo man das weniger relevante unterbringt!

    also:

    http://WWW.wiki-WASTE.de

  13. Wie hab ich mich schon vor einigen (mehr als ’ner Handvoll) Jahren gewundert, als sich abzeichnete, dass manche angebliche Enzyklopädisten eben nicht alles Wissen im Zusammenhang darzustellen suchen, sondern fragmentiert in „verschiedene Sprachen“, „Wörterbücher“ oder „Zitatesammlungen“ oder „Ausführlich-akademische Darstellungen“ usw.

    Und jetzt auch noch diese überhand nehmende Tendenz, Wissen bewerten zu wollen, und womöglich anderen (anders Wertenden) vorzuenthalten!

    Warum müsste das denn entweder per „Demokratie“ (Mobmehrheit!) oder per „Administration“ (Willkür!) über einen Kamm geschoren werden!?
    Kann man denn das nicht weniger kultur- und rücksichtslos durch Benutzereinstellung erreichen!?

    Soll jeder Exklusionist doch für sich selbst bewerten und entscheiden, wovon er keine Kenntnis zu nehmen wünscht!
    (Und ein solches Maß an Exklusionismus würde ich für mich selbst ebenfalls gern in Anspruch nehmen.)

    Ähnliches gilt für die Verlinkung der Texte. Sollte nicht jeder für sich selbst, per Benutzereinstellung, manifestieren dürfen, auf welchen Kreisen man durch das dargestellte Wissen ziehen kann, und welche Annotationen wertvoll sind?
    (Falls daraus erkennbar würde, wie andere die gegebene Enzyklopädie lesen, und wie verschieden, fände ich das auch interessant.)

  14. Naja, eine Enzyklopädie löst ja nicht nur das Problem, dass man sich über das Wissen der Welt informiert, sondern auch, dass man nachlesen kann, was die Welt darüber weiss. Eine Enzyklopädie sollte also für alle die gleiche sein, damit sich entsprechende Erwartungen ausbilden und stabilisieren können.

    Aber auch wenn man Leserspezifische Selektionskriterien einführen wollte – die müssten ja greifen bevor man liest. Es hat ja keinen Sinn, wenn der Leser erstmal alles sichten muss um dann zu entscheiden, welche Informationen er abblendet. Und da sind wir wieder bei dem Ausgangsproblem: Wer entscheidet, was für wen wichtig ist und was nicht?

  15. Über Löschungen wird in der Wikipedia mitunter sehr kontrovers diskutiert. Dabei sind als Diskutanten Anhänger aller möglichen Spektren vertreten – in politischer Hinsicht, in sozialer Hinsicht, sonst gesellschaftlich und und und.
    Wer sich dabei selbst einbringen möchte, ist herzlich eingeladen in der Wikipedia, auch an den Löschdiskussionen, mitzuwirken. Es bedarf also keines externen Mechanismuses – weil jeder sich sofort in den internen Mechanismus einschalten kann, wenn er das denn möchte. Und das wäre übrigens wünschenswert: Leider diskutieren zu viele Leute ÜBER die Wikipedia, als einfach in der Wikipedia selbst mitzumachen…

  16. Da will ich nochmal den Vergleich zu politischen Parteien anbringen. Auch die SPD diskutiert gerne, lädt die Welt gerne zu sich ein – aber entscheidet dann doch allein. Nur – die SPD kann man abwählen.

    Das die Wikipedia zur Diskussion einlädt ist schön – doch letztlich entscheiden Admins – wie wir gesehen haben manchmal ohne Rücksicht auf, oder im klaren Widerspruch zu laufenden Diskussionen. Und man kann als Außenstehender eben nichts unternehmen.

    Das Admins Prozesse strukturieren, notwendige Planungs- und Entwicklungsarbeiten übernehmen ist ihre Aufgabe – die inhaltliche Arbeit, sollte jedoch nicht auf Basis von Meinungen von den Admins erledigt werden.

  17. Pingback: Wikipedia Löschwahn - Die wunderbare Welt von Isotopp

  18. Finde den Gedanken, einen niedrigschwelligen Rückkopplungsmodus einzubauen, interessant, und ich denke, nebenbei gesagt, auch, dass die Wikipedia legitimerweise als Organisation betrachtet werden kann. Ob die Grenze der Organisation tatsächlich zwischen Admins und AutorInnen läuft, ist allerdings fraglich.

  19. Zu Stefan Schulz, 21.10.2009 um 09:12 Uhr:
    > Naja, eine Enzyklopädie löst ja nicht nur das Problem, dass man sich über das Wissen der Welt informiert, sondern auch, dass man nachlesen kann, was die Welt darüber weiss.

    Ja; und deshalb wäre eine Wikipedia, die das Wissen der Welt mit Ausnahme des Wissens der Leser bzw. potentiellen Autoren der Wikipedia darstellt, keine rechte
    Enzyklopädie.

    > Eine Enzyklopädie sollte also für alle die gleiche sein, damit sich entsprechende Erwartungen ausbilden und stabilisieren können.

    Mal vorausgesetzt, dass überhaupt „Alles wirtschaftlich und juristisch Vertretbare“ für alle gleich sei (d.h. insbesondere, dass Wikipedia kostenlos nutzbar bleibt), besteht eben die Frage, von wem bzw. auf welcher Ebene ggf. eine weitere Auswahl getroffen werden soll.

    Erwartungen verbinden sich dann eben zunächst mit einigen, zu Anfang wählbaren und deutlich benannten Filteroptionen:

    „Deletionist Consensus Delight“
    „Inclusionist Goldilocks Compromise“
    „Wissen aus externen Quellen“
    „Selbständiges Wissen/Mathematische Beweise“
    „Alle Restaurants dieseits des Sambesi“
    usw.

    Wichtig ist doch, dass „Alles“ wahlweise zugänglich bleibt.
    Ansonsten interessiert wohl deutlich mehr, was jemand zu einem Thema weiß, das ihn interessiert und über das er sich in Wikipedia informieren und/oder verbreiten wollte,
    als was jemand zu einem Thema (nicht) weiß, von dem er am liebsten nicht Kenntnis nehmen wollte.

    > Aber auch wenn man Leserspezifische Selektionskriterien einführen wollte – die müssten ja greifen bevor man liest. Es hat ja keinen Sinn, wenn der Leser erstmal alles sichten muss um dann zu entscheiden, welche Informationen er abblendet.

    Wer die Wahl hat, kann selbst entscheiden wie bald und wie ausschließlich er von Vorleistungen profitieren wollte; und z.B. auswählen unter
    „Unser Sandmännchen#NPOV“,
    „Unser Sandmännchen#Pro“,
    „Unser Sandmännchen#Contra“.

    > Und da sind wir wieder bei dem Ausgangsproblem: Wer entscheidet, was für wen wichtig ist und was nicht?

    Der Nutzer.
    (Wie schon Donald Knuth sagte: …)

  20. „Das Admins Prozesse strukturieren, notwendige Planungs- und Entwicklungsarbeiten übernehmen ist ihre Aufgabe – die inhaltliche Arbeit, sollte jedoch nicht auf Basis von Meinungen von den Admins erledigt werden.“

    Das ist der zentrale Punkt. Vielleicht hilft ja auch technische Zurechnung der Kommunikation auf die Kommunikation. Luhmann merkt ein entsprechendes Buch- bzw. Autorenkonzept für das Mittelalter an (eine der ersten Fußnoten in der Wissenschaft). Und empfiehlt das Konzept für die Zukunft. Ich schließe mich an: Admins anonymisieren, ihre Tätigkeiten zentral und öffentlich dokumentieren – unter Auschluss sämtlicher redaktioneller (oder sonstwie mit den eigenen Überempfindlichkeiten konfligierenden) Tätigkeiten.

    p.s. Der Code gefällt mir immer besser. Schon mal darüber nachgedacht, ob er nicht auf das gesamte sog. „Web 2.0“ (insbesondere auch die (Mikro-) Blogosphäre angewendet werden kann?

  21. Kleines Missverständnis: Ich meinte nicht die Unterscheidung zwischen Admins und Autoren, sondern zwischen Wikipedianer und Nicht-Wikipedianer. Vom Grundkonzept des Wikipedia-Ideals gibt es letzte Gruppe eigentlich gar nicht: jeder kann und jeder soll sich beteiligen. Das ist jedoch immer schwerer geworden.

  22. @Sebastian (20) – Mittelalter, guter Punkt. Damals war Kommunikation tatsächlich auf den Autoren zugeschnitten. Beispielsweise begann man, des Königs Schlößer abzubauen, wenn man ihn lange nicht gesehen hat, weil man dachte ihn gibt’s nicht mehr. Es gab nur die Personen, keine Institutionen. Der Buchdruck hat das geändert – der Text stand für sich und musste nicht mehr unmittelbar ausgesprochen werden. Seit dem kann man larifari auf Personen refieren „Kant sagt ja“ oder „Herta Müller würde sagen“. Und seit dem Web 2.0 gibts einfach nur noch Wissen – keine Autoren mehr.

    So gesehen – gefällt mir der Code Relevanz auch immer besser. ;-) „Die Relevanz der Gesellschaft“. (Untertitel: Die Gesellschaft in einer Zeit nach Autoren – überall nur noch Mitteilende, Empirie: der Retweet bei Twitter.)

  23. Fabelhaft! Das Vorwort steht dann ja schon: wir müssen nur die die Zurechnungen auf uns entfernen… ;-)

    Bin mittlerweile übrigens zuhause und kann das Zitat nachliefern, es handelt sich (bezeichnenderweise) um Fußnote 1 im Kapitel 1, Bewußtsein und Kommunikation (S. 11):
    „Mittelalterliche Textgepflogenheiten, die das Buch selbst wie einen Autor sprechen lassen, haben den Buchdruck nicht überlebt [Luhmann scheint hier vor allem die Kopisten in den klösterlichen Scriptorien im Sinn zu haben, S.]. Es wäre nicht ganz abwegig, sie wiederaufzugreifen, denn schließlich stammt, jedenfalls wo es »wissenschaftlich« zugeht, nur sehr weniges, was in einem Buch zu lesen ist, von dem Autor selbst.“

    Wer einmal eine wissenschaftliche Arbeit verfasst hat (und sei es eine Proseminararbeit), weiss vermutlich sehr genau, was Luhmann im Sinn hatte. Oberflächlich betrachtet (oder um die von Torsten (21) eingeführte Differenz zwischen Wikipedianer und Nicht-Wikipedianer aufzugreifen: aus der Perspektive des Nicht-Wikipedianers) kommen die Artikel der Wikipedia dieser Form recht nahe. Bemerkenswert, dass sich der Furor eben auf der anderen Seite abspielt; in den Artikeldiskussionen und auf den Löschseiten, die Otto-Normalbenutzer nicht einmal wahrnimmt. Was hilft? Technisierung, sprich: Codierung. Es fehlen halt (und da schließt sich der Kreis zu den anfangs von dir aufgeworfenen Fragen) die entsprechenden Programme für unsere relevant/irrelevant-Differenz.

    p.s. Sagen wir re-tweet, um in der Form zu bleiben!

  24. Add-on:

    Passenderweise hat mich *mms-Kollege @roitsch soeben via Twitter auf einen in diesem Kontext sehr interessanten Artikel aufmerksam gemacht:

    http://seedmagazine.com/content/article/a_writing_revolution/
    „Nearly universal authorship, like universal literacy before it, stands to reshape society by hastening the flow of information and making individuals more influential.“

    Den Teil mit den Individuen möchte ich mit einem Fragezeichen versehen, aber die Geschichte mit dem Überschusssinn durch das neue Hauptverbreitungsmedium wird sehr deutlich. Das alles spricht, je länger ich darüber nachdenke, für den Code. Wir brauchen jetzt mehr systemtheoretisch bewanderte Leser (Schreiber), um nicht in seeliger Selbstreferenz dem Wikipedianer-Fieber zu erliegen. ;-)

  25. Jo, das mit den Individuen kann man schon mitnehmen – auch wenn es sich nur um potentielle Einflußmöglichkeiten handelt. Denn es gibt ja immer mal, wenn vielleicht auch nur kurzfristig, individualisierte Stars in ansonsten unüberschaubaren Szenen.

    Ansonsten – in unseren neu herausgearbeiteten Gegebenheiten die Relevanzdebatte der Wikipedia als eine Programmdebatte zu begreifen, erscheint mir als sehr klug und passend. Bisher reichte die Quantifizierung: Digg, Reddit, beliebige Charts um relevantes von irrelevanten zu unterscheiden – die Wikipediadiskussion ist die erste (oder?), die explizit nach qualitativen Regeln forscht um bisher überwältigenden Überschuss sinnvoll zu unterscheiden und entlang eines Codes bewältigbar zu machen.

    (Ich werde meine Kommilitionen mal zum mitdenken anhauen.)

  26. Ja, meines Wissens ist das tatsächlich die erste Suche nach Standards jenseits quantitativer Gradmesser. Das ist wirklich unglaublich spannend und augenzwinkenderweise freut mich die Tatsache, dass der gemeinsame Erkenntnisprozess in einem Blog stattfindet (die, so ja die letzte Vermutung, potentiell mit demselben Code operieren) – ein Herz für re-entries.

    Ein kleines Brainstorming: Erziehung arbeitet (noch) mit Curricula (zu diesem Thema vgl. bald meine Examensarbeit ;-), die Wissenschaft mit Forschungsprogrammen und Theorien, das Recht hat Gesetze und Verfahren etc. pp. – sie regeln also allgemein die Zuschreibung der Codewerte. Was bedeutet das für die Unterscheidung von relevant/irrelevant?

    Intuitiv denkt man an Informationswerte, oder? Also mit Bateson die berühmten Unterschiede, die einen Unterschied machen. Das einfachste Relevanzkriterium in diesem Sinne wäre die Frage, ob die Information im System bereits vorhanden ist (ein implizites Argument zu Gunsten der Inkludisten); wenn nicht, macht es einen Unterschied und ist damit relevant. Nun, der Vorschlag erweist sich vermutlich als wenig hilfreich – denn zur Zeichenfolge „i0ju093qufapmae9f39riß0fiäüepfw93“ existiert noch kein Artikel. Nach Maßgabe des Programms wäre er ab dieser Feststellung relevant… Der Such-Algorithmus von Google berücksichtigt beispielsweise (zunächst auch quantitativ) die Verlinkungsdichte. Das auch wäre systemintern denkbar. – Wie steht es also mit einer Kombination? Forschen daran nicht gerade auch die Programmierer der Suchmaschine von morgen? Und entscheiden damit über zukünftige Relevanz/Irrelevanz?

    P.S. Habe letztens ein interessantes Dossier dazu in der de:bug gelesen. Das komplette Heft gibt es mittlerweile gratis als pdf: http://www.de-bug.de/share/debug134.pdf
    (Special; Suchmaschinen, S. 22 – 31).

    P.P.S. Meinst du neben Kommilitonen und systemischen Twitterati könnte das hier auch für die Luhmann-Mailingliste von Interesse sein?

  27. Ob man tatsächlich, wenn man im systemtheoretischen Framework arbeitet, im Fall der Relevanzkriterien von Wikipedia (aber auch Google, Twitter, etc.) von einem Code sprechen kann, halte ich für fraglich. Allein schon deshalb, weil die Technisierung einer binären Unterscheidung in einem Code nahe legt, sich auf der Ebene von Funktionssystemen zu bewegen. Und so wenig wie eine Börse eines ist, obwohl da Wirtschaft prozessiert wird oder mein Büro in Bielefeld, wenn da mal Wissenschaft durchläuft, so wenig scheint mir das Netz eines zu sein.

    Das hat auch noch einen anderen Grund: Relevanzsetzungen gibt es ja nicht nur im Netz, sondern beim Kaufmann, im Seminarraum oder im Parlament. Vielmehr scheint es mir um eine Debatte um die Kriterien für die Zuordnung von Informations- und Redundanzsetzungen zu gehen. Und damit um eine Debatte, die dem Entscheiden über Entscheidungsprämissen in Redaktionen sehr ähnelt: Solle wir über Boris Becker oder über Angela Merkel schreiben? Was kaufen unsere Leser (quantitative Kriterien)? Was passt in die Linie der Zeitung (qualitative Kriterien)? Tills Vorschlag, hier eher auf die Ebene der Organisationen zu wechseln, scheint mir ganz sinnvoll.

    Über Funktionssysteme lernt man dann aber auch was: das, was bei Luhmann das System der Massenmedien ist, nämlich jene Einrichtung der modernen Gesellschaft, die für Informations-/Redundanzbearbeitung zuständig ist, scheint einen internen Umbau zu erfahren: ob man dann noch von Massenmedien sprechen kann, wird sich zeigen.

  28. Hallo Jan,

    schön, dass du den Weg zu dieser Diskussion gefunden hast! Zwei kurze Notizen aus der Bahn: Dass es sich bei der Wikipedia um eine Organisation handelt, ist nie bestritten worden und von Beginn klar. Zudem ist die WP m.E. nicht auf Massenmedien reduzierbar, oben (6) schrieb Stefan vom Operieren zwischen Massenmedien und Wissenschaft. Die Frage bleibt dann hypothetisch: Sollten die konventionellen (Hauptverbreitungs-) Massenmedien zukünftig auf der Strecke bleiben, ist eine Restrukturierung des Systems denkbar. Anderenfalls die Herausbildung eines neuen, entlang des mutmaßlichen Codes operierend. Evolutionär kann das auf Interaktionssysteme, Organisationen – whatever – zurückgehen…

  29. Pingback: Sozialtheoristen » ‘Relevanz’ als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium

  30. „Warum darf man als Leser nicht darüber abstimmen, ob man einzelne Beiträge für gut und informativ findet oder nicht.“
    Darf man doch. Auf der zentralen Seite http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:KALP , die zur Auszeichnung von Artikeln dient, darf jeder mitreden, jeder abstimmen, jede Stimme zählt. Ob angemeldeter, langjähriger Benutzer, oder anonymer Abstimmer.
    Gruß,
    Arne

  31. Heißt die Frage richtig: Sind wir Zeugen der Ausdifferenzierung eines neuen Funktionssystems? Oder nicht vielmehr: Sind wir Zeugen der Durchsetzung eines neuen Verbreitungsmediums, das dann möglicherweise sogar eine neue Differenzierungsform der Gesellschaft hervorbringt? Wir erinnern uns: Sprache – segmentäre Differenzierung; Schrift – stratifizierte Gesellschaft; Buchdruck – funktional differenzierte Gesellschaft; Web (2.0?) – ???

    Was die Relevanz/Irrelevanz angeht, hat mir (s.o.) Jan (s.o.) aus dem Herzen gesprochen. Die Exklusivität dieses Codes ist m. Meinung nach einfach nicht gegeben. Auch auf die Gefahr hin, dem Meister zu widersprechen (aber aus der Erfahrung als Mitglied einer Zeitungsredaktion): Zumindest heutzutage orientieren sich auch klassische Massenmedien viel stärker am Code Relevanz/Irrelevanz als an dem der Neuigkeit/“Altigkeit“. Anders wäre die Inflation an sog. Service-Orientierung nicht zu erklären. (Und schon immer galt die gänzlich untheoretische Regel unter guten Journalisten: Eine gute – relevante? – Geschichte kann man nicht oft genug drucken.)

    Und nochmal zu Wikipedia als Organisation. Der Vergleich mit der Partei oder Mercedes hinkt einfach, finde ich. Trotz aller Entscheidungsgewalt der Admins (die mir einfach nicht bewußt war).

    „Wikipedia ist eine Organisation. Sie verfügt über Mitglieder, Formalstruktur, autopoietische Entscheidungen, Leistungsbeziehungen usw… Das heisst jedoch nicht, dass Autoren gleich Mitglieder sind. Es ist in etwa die gleiche Unterscheidung zw. Parteibasis/Parteispitze oder Mercedes-Käufer/Mercedes-Zusammenbauer – zu den Mitgliedern zählt nur die zweite Seite der Unterscheidung. (Also: Autoren/Admins)“

    „Da will ich nochmal den Vergleich zu politischen Parteien anbringen. Auch die SPD diskutiert gerne, lädt die Welt gerne zu sich ein – aber entscheidet dann doch allein. Nur – die SPD kann man abwählen.“

    Die SPD hat ein glasklares Kriterium, das zwischen Mitglied/Nichtmitglied unterscheidet, und Mercedes hat das auch: Parteibuch, Arbeitsvertrag. Insofern ist die Parteibasis selbstverständlich Mitglied der Organisation SPD (wenn sie trotzdem nix zu sagen hat, liegt das an den Hierarchien). Und ein Mercedes Käufer ist selbstverständlich nicht Mitglied der Organisation (auch wenn er durch sein Kaufverhalten die Organisation – von extern, das ist ja gerade der Witz – beeinflussen kann). Offenbar schlagt Ihr vor, dieses Kriterium sei bei der Wikipedia die Registrierung als Admin. Und Ihr stellt fest, daß der Wikipedia die WÄHLER (das wäre das richtige Äquivalent) bzw. die KÄUFER als externer Selektionsmechanismus fehlen?

    Wie für einige andere auch ist mir die Mitglieder-Unterscheidung bei der Wikipedia aber nicht so (glas)klar, denn die Autoren scheinen sich irgendwie ZWISCHEN den Nicht-Mitgliedern (Nutzern, Lesern, denen man möglicherweise mehr Selektionsrechte einräumen müßte?) und den von Euch so definierten Mitgliedern (Admins, die zwar löschen können – aber ohne Schreiber, die im ersten Schritt selbständig und ohne Admin-Steuerung über die Relevanz entscheiden, nichts zum Löschen hätten?) zu bewegen. Vielleicht ist die Wikipedia ja eine Organisation – aber vielleicht eine andere Organisationsart (-form)?

    „Zu den Offlineenzyklopädien – diese haben natürlich nicht das Problem der Wikipedia, da sich die Reputation des Autors als Relevanz auf die Einträge überträgt. Die Wikipedia-Autoren sind jedoch unbekannt bzw. so viele, dass sich diese Rückversicherung nicht von selbst ergibt.“

    Darin steckt für mich schon die interessanteste Eigenart der neuen Medienformen, wie ja auch oben schon erwähnt: Die Verschwindung einer Zurechnungsmöglichkeit auf konkrete Personen: Was bleibt, sind (bestenfalls) Adressen oder Adressenformulare, in denen aber beliebig viele oder wenige Einträge vorgenommen werden können. DAS muß einfach Auswirkungen auf die moderne Gesellschaft haben, deren wucherndes Pfund doch immer die Konstruktion des Individuums gewesen ist! Wieder ein Gedanke von oben aufgegriffen: Müßte Euer Buch nicht eher heißen: Die Kommunikation der Kommunikation; was im Luhmann-Kontext ziemlich trivial klänge, aber möglicherweise doch recht präzise wäre?

  32. Naja – Luhmann meinte ja, so weit ich weiss immer, dass es die Kommunikation ist die kommuniziert.

    Die Unterscheidung Mitglied/Nichtmitglied ist immer binär. Autoren als ein bisschen-Mitglied zu betrachten geht nicht. Im Grunde geht es um die sinnvolle Unterscheidung von Leistungs- und Publikumsrollen – und über die Leistungsrollen entscheidet die Organisation selbst. Man kann sich als Autor registrieren – aber zum Admin wird man gewählt.

    Das in den massenmedialen Redaktionen die Themen nach Relevanzkritieren sortiert werden ist natürlich prinzipiell richtig und nachvollziehbar. Es geht aber nicht darum, wie die Redaktionen die Welt, sondern wie die Massenmedien ihr Publikum beobachten – denn dem wollen sie Nachrichten, und zwar neue, vorlegen. (Ich gehe darauf, und auch auf die Exlkusivität des Codes Relevanz, auch in meinem neuen Artikel von heute morgen ein.)

  33. Irgendwie scheinen meine Kommunikations- bzw. Kommunikations-Selektionsangebote nicht anschlußfähig zu sein…

    – Kommunikation kommuniziert (Luhmann), die Sprache spricht (Heidegger): deswegen schrieb ich, daß sich der Titel ziemlich trivial anhören würde. Interessanter wird es aber (möglicherweise), wenn Kommunikation ihre radikale Selbstbezogenheit (Autopoiesis) auch radikal kommuniziert bzw. sich viel deutlicher (sichtbarer?) an dieser Operationsweise orientiert, anstatt eben zB auf einen Autor zuzurechnen, oder auf ein großes Thema (das so tut, als läge es außerhalb der Kommunikation): So habe ich auch Sebastian Autopoiet und sein Luhmann-Mittelalter-Zitat verstanden. „Zurechnung der Kommunikation auf Kommunikation“, „das Buch selbst (den Wikipedia-, Blog-Eintrag) als Autor sprechen lassen“.

    – „Die Unterscheidung Mitglied/Nichtmitglied ist immer binär.“ Geschenkt. Deshalb schrieb ich: Die Autoren scheinen sich… Alles, was ich sagen will, ist dies: Mir kommt Wikipedia wenigstens vor wie ein Sonderfall einer Organisation – zu der uns vielleicht (noch) die Begriffe fehlen, um sie angemessen zu beschreiben. Was für einen – wie auch immer gelagerten – Evolutions“schritt“ auch nicht ungewöhnlich wäre. Dirk Baecker ringt in seiner „Next Society“ durchgängig mit den Begriffen; und Peter Fuchs erfindet sowieso die „Unjekte“, um bis auf den „Grund“ (ich weiß, es kann ihn nicht geben, gerade deshalb versucht er es ja) der Systemtheorie, nein der Differenz, vorzustoßen. — Man stelle sich eine Zeitungsredaktion vor, die ausschließlich Leserbriefe veröffentlicht, und zwar zunächst einmal jeden, um ihn dann nachträglich zu bearbeiten oder auch ganz zu löschen (Spuren aber werden immer irgendwo bleiben) – ist das noch eine klassische Organisation? Oder wird diese Organisation von den Leserbriefschreibern nicht wenigstens „infiltriert“? Schon wieder so ein unbinäres Wort. ;-)

    Und bei den Massenmedien bleib ich ein bisserl stur, auch wenn Luhmann was anderes gesagt hat: Es mag den Anschein gegeben haben, als zerlegten die Massenmedien die Welt entlang des Codes Nachricht (neu)/Nichtnachricht (alt). Ich glaube aber, es ist spätestens seit Citizen Kane aka William Hearst um etwas anderes gegangen: Unterhaltung/Langeweile? Relevanz/Irrelevanz.

    Deinen hervorragenden Artikel von heute Morgen habe ich zu spät gesehen – aber man kann ja eh nur seligieren… Nichts für ungut! Stefan(ervousboy)

  34. Noch einmal zu den Nutzerrollen:

    In dem Moment, da man sich zur Mitarbeit an der Wikipedia (und sei es die Korrektur der Rechtschreibfehler) entscheidet, wird die Grenze der Unterscheidung in Richtung Mitglied gekreuzt. Dabei spielt es de facto keine Rolle, ob diese Mitgliedschaft auf eine Person oder eine IP-Adresse zugerechnet wird (eine andere Frage wäre, ob diese Form der Mitgliedschaft lebenslänglich gilt – oder ob man nicht, unter gewissen Umständen, die Grenze zurück in Richtung Nicht-Mitglied kreuzen kann; das aber nur am Rande). Momentan scheint mir die Zurechnung auf IP-Adressen sogar als die sinnvollere Variante: Die Identifikation von „Autoren“ und die resultierende Möglichkeit, systeminterne „Lebensläufe“ zur Qualifikation für Leitungspositionen (oder zur Befriedigung des Geltungsbedürfnisses?) erstellen zu können, scheint mir eine Menge Konfliktpotential zu beherbergen. Ob die Motivation zur Mitarbeit unter Bedingungen strikter Anonymität beträchtlich in Mitleidenschaft gezogen würde?

    [Edit: Vermutlich unnötig, aber der Sicherheit halber: Konflikte sind nichts schlimmes oder negatives; sie sind ja im Gegenteil hochintegrativ! Aber nur, wenn sie Erwartungssicherheiten (re-)strukturieren können und nicht der Parasit die Kommunikation übernimmt. So wirkt die rezente Diskussion der Wikipedianer gelegentlich – aus der Ferne, zugegebenermaßen…]

    Und nochmal @Stefan (31):
    „Heißt die Frage richtig: Sind wir Zeugen der Ausdifferenzierung eines neuen Funktionssystems? Oder nicht vielmehr: Sind wir Zeugen der Durchsetzung eines neuen Verbreitungsmediums, das dann möglicherweise sogar eine neue Differenzierungsform der Gesellschaft hervorbringt?“

    Same same. But diff’rent.

  35. @Stefan (33) – also ich lese eigentlich alle Kommentare sehr genau – nur das penible Antworten ist dann noch ne andere Sache – aber keiner deiner Gedanken geht unter – auch wenn ich (ich spreche mal für mich) nicht direkt anschließen.

    Zu den Mitgliedern. Also Mitgliedsschaft ist ja sone Sache – man muss klären, was man mit ihr meint. Wenn man von der Autopoiesis ausgeht – und sie für jede Organisation als Prämisse setzt, funktioniert das Konzept der Entscheidungsprämissen. Programm, Kommunikationswege und Personal liegen in der Entscheidungshoheit der Organisation. Über die Mitgliedschaft entscheidet immer und überall die Organisation. Das Mitglied kann sich nur bewerben, kandidieren o.ä.. Von daher: Parteibasis, Wikipedia-Autoren, Autokäufer, Fernsehgucker – das sind alles Publikumsrollen.

    Wie haltet ihr es denn mit ebay-Verkäufern? Sind dass alles ebay-Organisationsmitglieder im soziologischen Sinne? Sind es die Käufer auch? Wenn ja, was bedeutet das?

    Ich denke – die Wikipedia ist auf sehr spezielle Art an ihre Umwelt gekoppelt – und gekoppelt meint nicht, dass da die Grenze gekreuzt wird.

  36. Nutzerrollen – @Sebastian: Genau das meinte ich, konnte es nur nicht so präzise (theoriekonform) formulieren. Die Grenze zwischen Mitglied/Nichtmitglied aber so „offen“ (biegsam? permeabel? fluid?) zu gestalten (Deine Randbemerkung zur möglicherweise unentscheidbaren (sic!) Frage der Rückkreuzung ist hier ganz entscheidend), scheint mir doch ungewöhnlich für eine Organisation „klassischen“ Zuschnitts zu sein.

    Same Same Organisations But very diff’rent. (Oder: Eine Rose ist eine Rose ist keine Rose…)

  37. Hmmm… „einmal in Kommunikation verstrickt…“

    Liebe Stefans:
    Meines Erachtens ist genau die neue Form der Organisation der springende Punkt: Sie ist tatsächlich streng geschlossen (als Anwort auf Stefan(ervousboy), No. 36), im Sinne meiner Unterscheidung oben (34). Sie ist aber gleichzeitig (und das in Richtung Stefan Schulz, No. 35) ungewöhnlich niedrigschwellig formuliert: Für gewöhnlich erfordert die Mitgliedschaft ein ganzes Set an Prämissen (du nennst sie oben alle, das Teilen der Absichtserklärung einer Organisation könnte ergänzt werden, egal ob Profit, Weltfrieden oder eben das Wissen der Welt in 24 Bänden und 25 Gigabytes…), und das ist das Mitmachen. Die Wikipedia (das Web2.0?) erlaubt allen Autoren zu sein, die sich als solche betätigen.

    Ich gebe zu, dass du im Kontext der Buchdruckgesellschaft mit der Kopplung richtig liegst. Aber ist das tatsächlich alles? Ich muss wahrscheinlich die Tage noch einmal den Baecker ‚rauskramen, der spricht ja in letzter Zeit gerne vom „Netzwerk“… mir schwant da was.

    Nachsatz: Im dem (zwischenzeitlich?) auf seiner Homepage veröffentlichen Manuskript „Unbekannte Zukunft, irritierende Gegenwart“ deutet Baecker übrigens die Idee einer „Netzwerkdifferenzierung der Gesellschaft“ an. Soso.

  38. @Stefan (35): Danke, jetzt versteh ich mehr! ;-)

    Vielleicht kann man mein Problem mit der Wikipedia-Organisation ja nochmal reformulieren: Lassen sich Web-„Communities“ denn als (klassische) Organisationen beschreiben? Und wenn nicht, als was dann? (Wobei ich hinwiederum meine Zweifel hätte, ob Wikipedia eine – nunja, klassische? ;-) – Community ist.)

    Gute Nacht einstweilen…

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