Die üblichen Klagen

Das gegenwärtige Jahrzehnt klingt aus und während sich vielerorts ein kleiner Neustart gewünscht wird, ist das nächste Jahrzehnt schon weithin vorbestimmt. Zu viele Hausaufgaben blieben unerledigt. An den Unis wird protestiert. Wir wissen weiterhin nicht, was das Internet mit uns im Einzelnen und der Gesellschaft macht. Das Klima bleibt ungerettet und die kleine Riege von Topbankern ist gut bezahlt und exklusiv wie nie zuvor.

Diese vier Themen bilden die thematischen Eckpfeiler in allen Kanälen den Stammtischen, den RTL-2 Nachrichten und der FAZ. Sie sind die Mainstream-Diskussionen, die in den Archiven der Gesellschaft bestehen werden und aufzeigbar sind, wenn man einmal zurückblickt.

Was haben alle vier Diskussionen gemeinsam? Sie werden ziel- und richtungslos geführt. Der Uniprotest bleibt verhältnismässig verhalten, weil keiner genau weiss und festlegen kann, wo es hinführen soll. Die ersten konstruktiven Feststellungen und Vorschläge werden erst gemacht. Ähnliches beim Klima. Die Einigung auf das Ziel, die Erde nur noch um bestimmte Celsiusgrade zu erwärmen ist angesichts der völligen Befreiung jeglicher programmatischen Festlegung eine absolut sinnfreie Entscheidung. Das das „2-Grad-Ziel“ ein Ziel sein soll, ist total lächerlich. Was mit den Bankern geschehen soll ist auch ungeklärt. Banken sind „symstemrelevant“ wurde festgestellt oder festgelegt und die Abschaffung oder Ersetzung des Finanzkreditsystems steht ausser Frage. Und auch das Internet entwickelt sich unkontrolliert vor sich hin, so das eine gewisse Alarmhaltung nicht unanbegrachte ist, angesichts der Tatsache, dass man nicht weiss, was die „digitale Zukunft“ bringt.

Die Diagnose der Ziellosigkeit der Entwicklung und ihrer Diskussionen ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die der unbekannten oder verklärten Vergangenheit. Die üblichen Klagen führen nicht zu innovativen Vorschlägen, weil man nicht genau weiss, was eigentlich wie verändert werden muss. Wir lassen uns von der digitalen Zukunft verunsichern, dabei wissen wir nicht mal über unsere „…“-Gegenwart bescheid. Wir wünschen uns was anderes als Bachelor/Master-Studiengänge und verklären die bisherigen Studiengänge als Bildungsparadies, als ob die deutschen Unis keine Neuerungen benötigt hätten. Wir ärgern uns über den Kapitalimus, als hätten wir die letzten 60 Jahre tatsächlich in einer sozial(er)en Marktwirtschaft gelebt, die anderen Formen „moralisch überlegen“ ist. Und das Klima soll vor der Industrialisierung tatsächlich besser (für wen?) gewesen sein..?

Die Diskussionen zu verändern, indem klare Zielrichtungen formuliert werden, ist dabei der Anschluss an die weit weniger fruchtbare Seite der Medaille. Was die Zukunft bringt kann man schlicht nicht wissen und jede Prognose verkommt zum Witz, wenn sie später wiedergefunden wird. Eine Diagnose über die Vergangenheits kann der Diskussion allerdings ernsthaft helfen. Beispielweise, indem Studierende mit der Plage ihres Studiums, welche sie nur aus ihrer persönlichen Alltagsbetroffenheit heraus formulieren können ernsthaft Unterstützung bekommen von denjenigen, die als Lehrende bisher nur durch Solidaritätsadressen aufgefallen sind, oder gar durch die Eltern- und Arbeitsgebergruppen, die eine gesellschaftliche Notwendigkeit der Veränderung erkennt und formuliert. Ähnliches bei den Banken. Das ein Jahresgehalt von 25 Mio. nur schwer akzeptiert werden kann, wenn man es nicht selbst erhält ist klar. Doch es hat vor 30 Jahren exakt gleich funktioniert. Damals wurde jedoch noch nicht jeder Dachziegel verbrieft und innerhalb von zehntelsekunden ins Nirvana gehandelt. Vielleicht sollte man sich einfach mal die Zeit anschauen, als man sich noch nicht finanziell gegen den Staatsbankrott der USA absichern konnte. (Ein Satz, den man nur mit 100 augenrollenden Smileys schreiben kann.) Diese Welt ist gar nicht so lange her, zwischen ihr und heute liegen weniger als 5 politische Entscheidungen. Und die Algorithmen, die uns Suchergebnisse aus einer Blackbox liefern, ohne das wir wissen, wie sie funktionieren und wie sie informationstechnisch und -inhaltlich gefüttert werden..? Ist nicht jede Zeitungsredaktion eine Blackbox für den Leser? Ist das potentielle Bespitzeln eine neue Angelegenheit mit gesellschaftlicher Tragweite? Ist das Problem der Geschwindigkeit der Information nicht nur eins der individuellen Medienkompetenz, das schon immer bestand aber erst jetzt mit sichtbaren Konsequenzen zum Handeln zwingt?

Und das Klima..? Die beste Überschrift zu dem Kopenhagen-Theater war „Erspart uns doch endlich den Kitsch!“. Dass das Klima gerettet werden muss ist eine Aussage, die kaum simpler oder sinnbefreiter getätigt werden kann. Als ob es dem Klima oder den Wäldern und Ozeanen was ausmacht, wenn sie verändert werden. Die einzigen, die die Klimaveränderungen leidend registrieren können, sind die Menschen – „Umweltschutz“ ist in dem Sinne zwar der richtige Begriff, allerdings ist doch weder die Zielrichtung noch die Ausgangslage in irgendeiner Weise geklärt. Die Menschheit hat sich so oft ins Zentrum der Welt gestellt, aber in der Diskussion, in der es tatsächlich um den Menschen gehen sollte, redet man über Bäume und Plankton.

Den gegenwärtigen Diskussionen fehlt es an dem, was es braucht, konstruktiv zu sein. Dabei mangelt es allerdings nicht an dem Wissen, das diese Diskussionen befruchten könnte – dieses liegt in den Bibliotheken der Welt politisch und gesellschaftlich ignoriert herum. Die Diskussionen sind also nicht aussichtslos, es fehlt nur noch der entsprechende Leidensdruck – aber so wie die Menschen die Welt kennengelernt haben, ist auch das nur eine Frage der Zeit.

(Bild h.koppdelaney)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

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