„Was ist Öffentlichkeit?“ ist die falsche Frage

Eigentlich ist Jeff Jarvis ein Typ, dem man gut zuhören kann. Er darf sich nur nicht vorbereiten und weder über Journalismus noch Google sprechen. Bei Twig („This Week in Google“, einem Leo Laporte „Netcast“) ist Jeff Jarvis wöchentlich eine Stunde zu hören – man redet über das Neuste aus dem Internet, bereitet sich nicht groß vor, sondern liest einfach die einschlägigen Blogs und Jeff Jarvis stellt häufig kluge, naive Fragen, mit denen er die Techies etwas aus der Reserve lockt.

In einer Sache hat sich Jeff Jarvis jedoch heillos (für sein neues Buch) verstrickt und das hat Folgen für uns, weil er durch seine radikale Meinung bzgl. des deutschen Umgangs mit Google-Street-View der Diskussion die Unterscheidung von öffentlich und privat aufzwingt. Die Idee ist, dass alles hinter einer Hausfassade privat ist und alles davor inkl. Fassade öffentlich. Er zieht diese Grenze so radikal räumlich, dass sein Blick auf alles Weitere versperrt ist und – das ist das tragische – die an ihn anschließenden Beiträge zur Diskussion schließen an dieser Öffentlich/Privat-Vorstellung an. So radikal, dass einige glauben, alle „rechtlichen und moralischen“ Aspekte sind dadurch geklärt.

Es gilt aber doch zu bedenken, dass der für alle zugängliche Raum dennoch durch Rechte und Normen so reguliert ist, dass niemand nirgendwo als Freiwild gilt, mit dem sich nach eigenem Belieben umgehen lässt. Beispielsweise muss ich niemandem auf der Straße sagen, wer ich bin. Falls mich ein Polizist um die Aufhebung meiner Anonymität bittet, bin ich berechtigt seinen Ausweis zu erbeten und zu erfahren (und zu notieren) wer mich da – in aller Öffentlichkeit – nach meiner Identität befragt. Es ist auch niemandem gestattet, einen anderen einfach zu fotografieren. Zwar gibt es regeln, die einem Fotografen davon entlasten, warten zu müssen, bis ein ganzer Platz geräumt ist, bis er ihn fotografieren kann – doch um ein Gesicht klar und erkennbar aufzunehmen bedarf es, nicht nur rechtlich geregelt, der Einwilligung des Fotografierten. Eine spätere Veröffentlichung des Bildes ist noch strikter geregelt. Überwachungskameras, das namentliche Auflisten von Prüfungsergebnissen, das namentliche Aufrufen von Personen im Wartezimmer – überall kann potenziell im öffentlichen Raum die Privatsphäre von Menschen verletzt werden.

Street-View ist nun eine Aktion, die zwar im öffentlichen Raum, nämlich auf der Straße, stattfindet, aber es steht doch außer Zweifel, dass dadurch trotzdem die Privatsphäre von Menschen tangiert wird. Autozeichen und Gesichter werden durchgehend unkenntlich gemacht – damit ist bereits viel Gegenargumentationspotenzial genommen. Eindeutige Erkennungszeichen sind damit aus dem Bild verschwunden – das gilt für die Person selbst und seine naheliegendste „Mobilie“, sein Auto. Warum machen aber die Personen zugeordneten Immobilien (sprich Hausfassaden, Gärten) so einen Ärger..?

Street-View ist in meinen Augen echter Fortschritt. Aber es reicht doch völlig, wenn man Straßengrößen, Parkplatzangebot, Einkaufsflair, Baudichte, usw. erkennen kann. Wenn Familie Meier meint, sie möchte selbst bestimmen, wie die Welt ihre Hausfassade sieht und etwas dagegen hat, dass irgendwann zufällig ein Auto vorbeikommt und ein Foto macht, dass dann auf Jahre hinaus im Internet ihr Anwesen repräsentiert, dann ist doch dagegen nichts einzuwenden… Wenn in der Prärie oder in der Stadt ein verpixeltes Wohnhaus gezeigt wird, dann frage ich doch nicht die Bewohner, ob sie was zu verbergen haben, sondern muss ernsthaft fragen, warum das jemanden (wenn auch nur potenziell) so sehr interessiert, dass er meint, die Verpixelung mit einem Anschlag gleichsetzen zu müssen.

Street-View nimmt keinen Schaden, wenn Häuser verpixelt werden. Viel mehr, aber das muss man abwarten, wird es in 5 Jahren erste Probleme geben, wenn sich herausstellt, dass sich Städte viel schneller verändern als gedacht. Wenn ganze Straßenzüge renoviert werden und Google das „Anguck-Angebot“ macht aber dann nicht updatet, hätte man sich vielleicht gewünscht, verpixelt zu werden. Nicht weil man was zu verstecken hat, sondern weil man, wenn schon nicht die schöne neue Fassade gezeigt wird, man nicht möchte, dass die ganze Welt nur die alte hässliche sieht. Das klingt zwar albern, aber diejenigen, die die ganze Welt im Internet sehen wollen, reden auch andauernd vom Echtzeit-Internet. Und die Konzeption von Street-View, wie sie Google umsetzt, ist damit schlicht unvereinbar.

Statt öffentlich/privat könnte man also auch andere Unterscheidungen in die Diskussion einbringen und sich mal etwas detaillierter über Street-View und die Vor- und Nachteile unterhalten.

Es wird nicht lange dauern, dann wird die Inaktualität der Street-View-Bilder eine neue Unterscheidung vorbringen. Nämlich dann, wenn einige Läden/Restaurants zu sehen sind und andere nicht, weil es sie zum Fotozeitpunkt noch nicht gab. Ein anderer Unterschied könnte wichtig werden, wenn – in einer Welt in der alles photoshoped ist – plötzlich Obdachlose vorm Beauty-Salon rumstehen, Läden von Lkws verborgen sind, das Hotel gerade eingerüstet war, … . Es handelt sich hierbei um potenziell wichtige, wirtschaftlich bedeutende Ungleichheiten, die für alle Beteiligten unkontrollierbar sind. (Ganz zu schweigen von den zukünftigen RTL-Punkt-12 Berichten, dass Bewerbungen nun nicht nur nach Facebook-Bildern hinterrecherchiert werden, sondern erste Diskriminierungen anhand des Wohnumfelds durch Personaler stattfinden.)

Wie jedes Google-Produkt wird Street-View so einfach zu bedienen und so unproblematisch zugänglich sein, dass es sich als erste Anlaufstelle für alle Interessierten anbietet. Da nützt auch kein Flickr-Places oder Google-Panoramio Argument. Denn es zeigte sich, was nicht auf der ersten Google-Seite erscheint, ist nur für Spezialisten interessant. Im Street-View-Universum wird das natürlich nicht anders sein.

Also, wie immer, ist eine neue tolle Sache nicht nur nützlich und gut, sondern wird mit der Zeit handfeste Nachteile für einige aufzeigen. Und ob eine Straße nun öffentlich ist oder nicht, ist dabei erstmal egal.

(Bild Ana y Esteban)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

Ein Gedanke zu “„Was ist Öffentlichkeit?“ ist die falsche Frage

  1. Ach der Jeff…

    Aber davon ab, sprichst du den wesentlichen und wichtigen Aspekt an, der bei Street View noch virulent werden wird. Die derzeit aus der persönlichen Perspektive von privat/öffentlich geführten Perspektive wird vergleichsweise marginal, wenn das Produkt kommerziell genutzt werden wird. Und die Priorisierung von Werbekunden, bzw. die Integration von Werbung in diesen Kartendienst muss ja das Ziel Googles sein. Und so wie es Experten für Suchmaschinenrankings gibt, wird es ggf. dereinst Experten für StreetView-Image-Pflege geben. Ebenso ist es vorstellbar, dass Fotos neu aufgenommen oder nachgereicht werden, wenn das gewünscht (und bezahlt) wird.

    Vor diesem Hintergrund ist die öffentlich/privat-Debatte zwar für den einzelnen wichtig, aber für Google wirklich reichlich egal, wenn nicht sogar förderlich, weil es Aufmerksamkeit schafft, die sich später kommerzialisieren lässt.

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