„Totalitäre Schäferhunde“ entlarven

Vorschlag für zwei simple Regeln kritischer Lektüre

ende„Totalitäre Schäferhunde“?

Die gibt es?

Ja, sicher! Aber im wahren Sinne des Wortes nur auf dem Papier.

Die Geschichte zu diesem besonderen Typ Hund ist nicht nur schön (traurig), sie ist (leider) auch wahr.

Es war einmal …

… eine Satiregruppe, die es auf das geisteswissenschaftliche Tagungs- und Publikationswesen abgesehen hatte. Sie suchte sich dafür die Tagung „‚Tiere unserer Heimat‘: Auswirkungen der SED-Ideologie auf gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse in der DDR“ aus, die sich primär an den wissenschaftlichen Nachwuchs richtete und am 06.02.2015 am Center for Metropolitan Studies der Technischen Universität Berlin stattfand. Die Veranstaltung sollte dazu dienen, „die historischen Human-Animal Studies in die jüngste deutsch-deutsche Geschichte einzubringen und verschiedene Forschungsansätze zu versammeln“ (Laue 2015). Anlass gab dazu u.a. die aus HAS-Perspektive formulierte Diagnose, dass die Mensch-Tier-Beziehungen in der Zeitgeschichtsforschung bisher noch zu wenig untersucht worden seien (Laue 2015).

Unter dem Namen „Christiane Schulte“ hielt eine Person aus dem Kreis der Gruppe einen Vortrag über den „deutsch-deutschen Schäferhund“, der als „ein Beitrag zur Gewaltgeschichte des Jahrhunderts der Extreme“ verstanden werden sollte. „Schulte“ führte zwar zahlreiche empirische Belege für ihre Ausführungen an. Die Quellen waren jedoch samt und sonders fingiert. Dennoch gelang es der Referentin laut Tagungsbericht,

„anhand vieler Beispiele ihre These [zu] belegen, dass trotz des eingeschränkten Handlungsspielraums der ‚Kettenhunde‘, jene durchaus ‚eigen-sinniges Verhalten‘ an den Tag legten, das dem Grenzregime [der DDR] zuwiderlief.“ (Laue 2015)

Der Beitrag wurde insgesamt wohlwollend aufgenommen, wie Florian Peters (2016) später berichtete. Er war unmittelbarer Augenzeuge, zumal er „Schultes“ Vortrag in der Tagungssektion „Grenztiere“ mit einem ebenso wenig ernst gemeinten Beitrag zum Thema „Freie Liebe im Schatten der Mauer: Das staatssozialistische Mensch-Tier-Verhältnis aus der Grenzperspektive der Wildkaninchen“ komplementierte.

Dagegen war Enrico Heitzer (2016), Zeithistoriker an der Gedenkstätte Sachsenhausen, von Anfang an skeptisch, als er durch den im März 2015 erschienenen Tagungsbericht (Laue 2015) von „Schultes“ Vortrag erfuhr. Er machte sich auf die Suche nach der Kollegin „Christiane“, fand sie aber weder auf den Homepages einer deutschen Universität noch in den sozialen Medien. Die Tagungsveranstalter halfen ihm dann mit einer privaten Email-Adresse weiter, an die er am 20.05.2015 eine Bitte schrieb, die Quellen der Ausführungen mitzuteilen. Zwei Tage später erhielt er die Antwort, dass der Vortrag gerade zur Publikation vorbereitet werde und in der zweiten Jahreshälfte in der Zeitschrift „Totalitarismus und Demokratie“ (TuD) erscheinen solle. Die Herausgeberschaft der TuD liegt beim Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HIAT) an der Technischen Universität Dresden.

Im Dezember 2015 war es dann endlich so weit. Das Heft mit dem Aufsatz

Schulte, C., 2015: Der deutsch-deutsche Schäferhund. Ein Beitrag zur Gewaltgeschichte des Jahrhunderts der Extreme. Totalitarismus und Demokratie 12: 319–334 (externer Link)

wurde an Buchhandel und Bibliotheken ausgeliefert. Gleichzeitig erschien der Text als PDF auf den Verlagsseiten von Vandenhoeck & Ruprecht. Der Text lese sich in einigen Teilen wie eine Persiflage auf einen geschichtswissenschaftlichen Aufsatz, schrieb Heitzer (2016) noch vor Weihnachten in einer Email an befreundete Kolleginnen und Kollegen.

Bestätigung fand Heitzers Ahnung dann zwei Monate später, im Februar 2016. Im Online-Magazin „Telepolis“ legte die Satiregruppe – sich selbst als Gruppe von von kritischen Wissenschaftler_innen beschreibend – in einem „Plädoyer gegen den akademischen Konformismus“ offen, dass sowohl „Christiane Schulte“ als auch der Vortrag und der Aufsatz ein Fake waren (Schulte & Freund_innen 2016). Der verantwortliche Redakteur der TuD hatte im Vorfeld der Veröffentlichung wohl einige Stellen des Textes moniert und gestrichen, ihn aber nicht grundsätzlich abgelehnt (Schäfer 2016). Er billigte die frei erfundene Aussage, dass der erste Mauertote ein Polizeihund namens Rex war (Schulte 2015: 319), ebenso wie die Passage, dass die Wachhunde der DDR-Grenztruppen von den KZ-Hunden der Nazis abstammen (Schulte 2015: 324). „Die Implikationen dieser bisher unerforschten Kontinuität für eine Gewaltgeschichte des ,Jahrhunderts der Extreme‘ sind immens“, führte „Christiane Schulte“ (2016: 324) dazu weiter aus. Tagungsveranstalter, HIAT und Verlag waren blamiert …

… und wenn sich das Autorenkollektiv mittlerweile nicht aufgelöst hat, dann lachen Sie über ihren Coup noch heute.

Häme? Lernen!

Gut, soweit die Geschichte. Es ist kein Wunder, dass es mehr als nur spöttische Kommentare zu dieser Posse gibt. Häme ist allerdings nur dann angebracht, wenn wir auch gleichzeitig die richtigen Schlüsse aus dem Fall ziehen, folglich der Spott ein mögliches Lernen nicht blockiert.

„Totalitäre Schäferhunde“, wie Peters (2016) die Erfindung der Satiregruppe nennt, sind im Grunde eine Chiffre für einen wissenschaftlichen Texttyp, der womöglich häufiger vorkommt, als man denkt. Es handelt sich um Publikationen, in denen mit einem hohen begrifflichen Aufwand davon abgelenkt wird, dass man eigentlich gar nichts herausgefunden hat. Etwas freundlicher formuliert: die betreffenden Autorinnen und Autoren verschleiern gekonnt, dass sie letztlich nichts Neues zu sagen haben. Sie verschwenden die Lebenszeit ihres Publikums – wenn sie denn gelesen werden.

Der britische Sozialwissenschaftler Michael Billig (2013: 41-53) nennt in seiner eindrücklichen Polemik „Learn to Write Badly“ einige Beispiele für „totalitäre Schäferunde“, allerdings in weniger extremen Ausprägungen. Es handelt sich – um im Bild zu bleiben – eher um ‚totalitäre Pudel‘. (Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich habe nichts gegen Hunde, sondern gegen schlechte und gefakte Texte.) Wie auch immer, interessant ist Billigs Beobachtung, dass es in vielen sozialwissenschaftlichen Texten darum geht, einen „Forschungsansatz zu besitzen“ (Billig 2013: 59) und sein Vokabular richtig zu beherrschen. Die Autorinnen und Autoren signalisieren damit Zugehörigkeit. Das empirische Phänomen, um das es scheinbar gehen soll, tritt dagegen in den Hintergrund. Aus Billigs Sicht ist das Pimpen eigener Texte mit diversen theoretischen Konzepten, Fremdwörtern und Substantivkonstruktion in jedem Fall ein Indiz dafür, dass der Text im übertragenen Sinn ein „totalitärer Schäferhund“ sein könnte: viel Rhetorik, nix herausgefunden.

Nun, was lernen wir vor diesem Hintergrund aus der Geschichte über „Christiane Schulte“? Ich denke, es sind mindestens zwei Lektüreregeln, die wir beim Lesen wissenschaftlicher Texte jederzeit im Hinterkopf haben sollten – ob als Studierende oder als Lehrende.

Lektüreregel 1:
Prüfe jeden Text, den Du liest, ob es sich nicht um einen „totalitären Schäferhund“ handelt – „ohne Ansehen der Person“ (Weber 1972: 129), die den Text verfasst hat.
Hilfreich ist hier einerseits der Hinweis von Billig: zu viel überflüssiges Vokabular ist ein Indiz, dass der Text im Grunde inhaltsleer ist. Ein zweites Indiz für einen „totalitären Schäferhund“ sind Behauptungen, für die keine Belege oder Argumente angeführt sind.

Lektüreregel 2:
Lehne jeden Text, von dem Du den Eindruck hast, es handele sich um einen „totalitären Schäferhund“, rigoros ab. Leg ihn beiseite, lies etwas Gehaltvolleres.
Ablehnungsfähigkeit ist das Stichwort. Eine Kernfrage ist dabei sicher, ob wir vielfach zu sehr die Mühen prämieren, die wir hinter dem Schreiben eines Textes vermuten, anstatt seinen Inhalt.

Im Fall von „Christiane Schulte“ war die Redaktion der TuD offensichtlich nicht ablehnungsfähig genug. Das Institut, das die Zeitschrift herausgibt, trägt Hannah Arendts Namen. Was hätte sie wohl zu der ganzen Posse gedacht und gesagt – sie, die zeit ihres Lebens zu gründlichem Nach- und Selberdenken gemahnt hat?

Der Text ist im Rahmen des aktuellen Relaunches der Website www.wissenschaftlich-arbeiten.info entstanden, die der Arbeitsbereich Organisationssoziologie an der Uni Bielefeld betreibt (Link zum Text).

Eigenes Bild.

 

Verwendete Literatur

Billig, M., 2013: Learn to Write Badly: How to Succeed in the Social Sciences. Cambridge; New York: Cambridge University Press.

Heitzer, E., 2016 (18. Februar): Schäferhund-Gate. enricoheitzer.de. Blog. Externer Link

Laue, A., 2015 (28. März): „Tiere unserer Heimat“: Auswirkungen der SED-Ideologie auf gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse in der DDR (Tagungsbericht). Berlin: H/Soz/Kult. Externer Link

Peters, F., 2016 (Februar): Von totalitären Schäferhunden und libertären Mauerkaninchen. zeitgeschichte online. Externer Link

Schäfer, V., 2016 (16. Februar): Der große Mauernazihundeschwindel. Neues Deutschland. Berlin. Externer Link

Schulte, C., 2015: Der deutsch-deutsche Schäferhund. Ein Beitrag zur Gewaltgeschichte des Jahrhunderts der Extreme. Totalitarismus und Demokratie 12: 319–334. Externer Link

Schulte, C. & Freund_innen, 2016 (15. Februar): Kommissar Rex an der Mauer erschossen? Telepolis. Externer Link

Weber, M., 1972: Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriß der Verstehenden Soziologie. Tübingen: Mohr Siebeck.

Von Natur aus (zu?) rational. Ist emotional nur dann, wenn er dazu gezwungen wird. Arbeitet in Bielefeld, wohnt in Dortmund, ist aber Werder-Fan. Interessiert sich für Gewalt, hat sich aber noch nie geprügelt. Glaubt er. Macht Soziologie. Glaubt er.

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