Ein Reich in Bewegung

Ende 1918 wäre Prinz Max von Baden beinahe „Reichsverweser“ geworden, ein kommissarischer Kaiser, und Deutschland Monarchie geblieben. Doch kaum ist Wilhelm II. abgesetzt, wird die Republik ausgerufen. Um das deutsche Kaiserreich ranken sich auch nach einem Jahrhundert noch allerlei Mythen und Vorurteile – es überwiegt das Bild von Stechschritt und Pickelhaube. Die Historikerin Hedwig Richter erinnert an Aufbrüche, Reformen und soziale Bewegungen der fast fünf Jahrzehnte währenden Reichsgeschichte. 

Personaltableau einer Epoche: Die Familie Hohenzollern feiert im Juni 1913 im Berliner Stadtschloss das 25. Kronjubiläum Wilhelms II. Ein Jahr vor dem Krieg scheint die Dynastie sicher. Im ganzen Reich läuft zu dieser Zeit die Imagekampagne „Unser Kaiserpaar“: Postkarten für die Erwachsenen, Bastelhefte für die Kinder. Bild: Fotolia.

Sozialtheoristen/Schütz: Frau Richter, wir wollen über das Kaiserreich sprechen. Eine Zeit, die im öffentlichen Bewusstsein heute vielleicht eigentümlich fern und nah zugleich erscheint; und ein Thema, dessen enorme Vielfältigkeit wir auf sehr wenige Aspekte eingrenzen müssen. Vor 100 Jahren wird die Weimarer Republik gegründet, ein Jahr später bezieht Wilhelm II., der letzte Kaiser, sein endgültiges Exil auf Schloss Doorn. Er wird dort noch Jahre mit dem Gedanken zubringen, doch wieder Kaiser zu werden. Trotz des Desasters des Ersten Weltkriegs: Ist es nicht eigentlich alles andere als ausgemacht gewesen, dass knall auf Fall die Monarchie am Ende war?

Richter: Ja, es ist wichtig sich in Erinnerung zu rufen, dass das 19. Jahrhundert ein Jahrhundert der Demokratisierung war, also der Ausbreitung des Rechtsstaats, der individuellen Freiheiten, der sukzessiven Einführung eines allgemeinen Wahlrechts und der Parlamentarisierung in vielen Ländern der westlichen Welt. Das 19. Jahrhundert war zugleich das Jahrhundert der Monarchien. Und viele Zeitgenossen haben argumentiert, dass Demokratie und Monarchie sich keineswegs ausschließen. Ich habe erst heute wieder in einem Artikel im Augsburger Tageblatt vom April 1848 die Ansicht gelesen, dass sich Demokratie und Monarchie eigentlich nicht widersprechen. Deswegen war es auch keineswegs ausgemacht, dass die Monarchie fällt. Viele waren sogar der Ansicht, dass das Volk und der Monarch zusammengehörten, dass aber das eigentliche Problem für die Demokratisierung oder Parlamentarisierung bzw. bei Erlangung von mehr Freiheit der Adel sei und nicht die Herrschaft durch die Krone. Der Monarch als der „Freund des Volkes“: das war lange Zeit eine ganz verbreitete Denkfigur.

Was ja eine gewisse subtile Paradoxie in sich birgt, da der Monarch, also in unserem Fall der Kaiser, den Hochadel vertritt und ja besonders weit vom Volk entfernt steht?

Ja, aber dieser Gedanke findet sich sehr oft. Die Monarchie hielt man schon für notwendig, aber wofür denn nun der Adel die Privilegien haben sollte, das wurde als anstößig angesehen. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang eine Arbeit von Karl Heinrich Pohl, der darauf verwiesen hat, dass wahrscheinlich die Weimarer Republik zu weit gegangenen sei und es der noch sehr jungen Republik gut getan hätte, wenn ein Monarch als Symbolfigur geblieben wäre.

Eine Art „Verbindungsmann“ zwischen Kaiserreich und der ersten Republik ist Prinz Max von Baden, der in den Wirren um 1918 für eine kurze Zeit wenn nicht das Zepter, so doch die Geschicke des Reiches in den Händen hielt. Der Prinz, ein Verwandter der Hohenzollernfamilie, hat im letzten Moment aber doch nicht den Thron bestiegen. Friedrich Ebert hätte das begrüßt. Überhaupt wollte ein nicht eben kleiner Teil sogar der SPD nicht das Ende das Kaiserreichs, sondern einen Wechsel auf dem Thron. Ich ahne zwar, dass alternativ-historische Spekulationen nicht so ganz dem Stil der Geschichtswissenschaft entsprechen, wage aber dennoch zu fragen: Was hätte ein neuer Regent denn tun müssen, um das alte Staatsgebilde zu erhalten? 

Eine schwierige Frage. Was man sagen kann ist, dass sich die Gegnerschaft zwischen radikalen Linken und radikalen Rechten sehr zugespitzt hat. Und wie Sie gesagt haben, es gab auch demokratische Kräfte, die erkannt hatten, welchen Wert eine Monarchie haben könnte. Viele der liberalsten und ältesten Demokratien haben ja einen Monarchen. Und es ist offensichtlich, dass ein Monarch, der repräsentative Funktionen inne hat, stabilisierend wirken kann. Das war allerdings mit den linksradikalen Kräften nicht zu machen. Prinz von Baden war natürlich ein eher liberaler Geist, der womöglich eine passende Figur für die Transformation gewesen wäre. Aber das ist eben schwer zu sagen, wie es bei dieser Revolution hätte anders laufen können.

Es gab die Ansicht, dass das Volk und der Monarch zusammengehörten, dass aber das eigentliche Problem bei der Demokratisierung oder Parlamentarisierung der Adel sei.

E

Max von Baden, der Ende 1918 eher notdürftig die Berliner Bühne betritt, wird in den letzten Wochen des Reiches auch dessen letzter Reichskanzler. Von monarchietreuen Vertretern der SPD wird er als Übergangskaiser favorisiert. Er lehnt schließlich ab. Man kolportiert später, die Kaiserin habe dem Prinzen mit Rufschädigung gedroht, sollte er es wagen, den Thron zu besteigen. Vorsorglich hatte sich Wilhelm II. von all seinen Söhnen Thronverzicht unterzeichnen lassen. Viel spricht allerdings auch dafür, dass Max von Baden zwar liberale Neigungen verfolgte, doch als Staatsoberhaupt sich selbst nicht geeignet sah. Bild: Stadtarchiv Karlsruhe.

Wo diese Kontinuität bis in unsere Zeit besteht, das sind beispielsweise die skandinavischen Staaten und Großbritannien, wo die Herrscherhäuser Wege gefunden haben, rechtzeitig sich aus der politischen Macht zu verabschieden, aber dennoch bedeutende Symbolik zu bewahren. 

Das stimmt. Ich denke aber auch, dass sich vieles von einer — wenn Sie so wollen —„modernen“ Monarchie auch schon im deutschen Kaiserreich abgezeichnet hatte. Auch diese Begeisterung, die im Volk für den Kaiser da war, sie war so groß wie vielleicht für einen US-Filmstar …

… Könige herrschten die längste Zeit eher auf Distanz zum Volk, waren weniger bekannt, oft „unsichtbar“. Wilhelm II. ist der erste „Medienmonarch“, das hilft ihm …

Ja, genau. Bei den Intellektuellen sah es ganz anders aus. Dort war Wilhelm II., gewiss nicht zu Unrecht, ein Gegenstand für Satire und Spott.

Vieles von einer „modernen“ Monarchie hatte sich auch schon im deutschen Kaiserreich abgezeichnet.

Wenn über das Kaiserreich gesprochen wird, dann sind die Stimmen — sagen wir einmal — durchaus kontrovers; auch und gerade in der Geschichtswissenschaft. Häufige Assoziationen sind ja bekanntermaßen Militärparaden, Pickelhaube und Säbelrasseln. In einigen Ihrer letzten Beiträge habe ich gelesen, dass dieses Bild vielleicht allzu eng erscheinen muss, wenn man die historische Forschung bereits vieler vergangener Jahrzehnte reflektiert. Erklären Sie uns vielleicht anhand einiger Stichworte, was die großen Entwicklungen dieser Zeit sind, die den Aufbruch bringen? 

Leider wird das Kaiserreich gerade in den großen Leitmedien oft primär mit der Pickelhaube und Untertanengeist identifiziert. Im öffentlichen breiten Diskurs dringen die Gegenmeinungen aus der Forschung kaum durch. Doch sehe ich sogar in der Geschichtswissenschaft, die sich nur am Rande mit dem Kaiserreich beschäftigt, dass dieses dunkle und militärische Bild bestehen bleibt. Es gibt ja sogar Darstellungen zur jungen Bundesrepublik, in denen es dann heißt, dort hätte man immer noch unter dem strengen autoritären, militärischen, obrigkeitsstaatlichen Geist des Kaiserreichs gelitten. Man muss sich das mal vorstellen, wie soll sich ein solcher Befund methodisch halbwegs sauber nachweisen lassen? Die Historikerin Sonja Levsen zeigt in einer beeindruckenden Studie, wie sich dieses – empirisch recht fragwürdige Bild – des deutschen Defizits durch „autoritäre Denktraditionen“ seit 1945 entwickelt hat und schließlich nicht zuletzt als große Erklärung für den Nationalsozialismus durchsetzen konnte. Ganz zu schweigen davon, dass natürlich andere europäische Länder in der Zeit nicht weniger autoritär waren, dort auch nicht weniger der Monarch verehrt wurde, beispielsweise in Großbritannien. Auch gibt es die merkwürdige Vorstellung, in Frankreich oder Großbritannien hätte es keinen Militarismus gegeben. 

Kann man dieses Bild noch weiter erklären, also auf hauptsächliche Gründe zurückführen?

Wesentlich ist natürlich die These vom sogenannten „Deutschen Sonderweg“, wonach sich die Entwicklung demokratischer Verhältnisse ganz anders als in anderen vergleichbaren Staaten in Europa bzw. der Nachbarstaaten entwickelt habe, verbunden mit der Annahme einer stark autoritären Prägung durch Preußen, teilweise schon zurückreichend auf Weichenstellungen im Mittelalter. Zwar gilt schon seit der bahnbrechenden Studie von David Blackbourn und Geoff Eley aus den 80er Jahren, dass die Erzählung „von Bismarck bis Hitler“, oder gar „von Luther bis Hitler“ nicht haltbar ist. Und trotzdem dominiert dieses Bild im öffentlichen Diskurs.

Leider wird das Kaiserreich gerade in den großen Leitmedien oft primär mit der Pickelhaube identifiziert.

Ein Mythos also, langlebig aber anfangsplausibel?

Ich denke sogar manchmal, gerade weil wir offiziell wissen, dass der Sonderweg nicht plausibel ist, reden wir nicht mehr über ihn, sodass er indirekt in vielen Schattierungen weiterbestehen kann. Ein weiterer Faktor kommt hinzu, der das dunkle Bild vom Kaiserreich bestärkt: die teilweise recht traditionale Geschichtsbeschreibung, gerade wenn es um das Kaiserreich geht; dass also neuere, alternative Aspekte wie beispielsweise die Geschlechterforschung, die in anderen Ländern viel selbstverständlicher integriert wird, es in Deutschland immer noch schwer haben. Und so kann über die Zeit des Kaiserreichs geschrieben werden, ohne dass man in den Blick nimmt, wie sehr es eine Zeit des ganz großen Aufbruchs der Frauen ist. Also das 19. Jahrhundert über— das finde ich sehr wichtig zu betonen — waren Frauen aus der offiziellen Politik weitgehend ausgeschlossen; sie waren von Wahlen ausgeschlossen, von den politischen Diskussionen. Nun, um 1900, werden sie aber lauter und sichtbarer und nehmen öffentliche Bereiche und Themen für sich in Anspruch. Und das ist völlig außerhalb des Blicks von jenen, die das Kaiserreich nur als reine Politikgeschichte beschreiben. 

Die sozialen Bewegungen im Reich suchen zunehmend Formen der Vernetzung, insbesondere auch zu internationalen Vereinigungen und Institutionen. Arbeiter, Frauen und Wissenschaftler bilden Kongresse und Verbände zur Wahrnehmung ihrer Interessen. Sie tragen außerparlamentarisch und parlamentarisch wesentlich zur Erweiterung demokratischer Elemente bei. Das Bild zeigt ein Banquett auf dem Internationalen Frauenkongress in Berlin, 1904. (Für die Überlassung des Bildes geht freundlicher Dank an das Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel; AddF, Kassel; A-F2/00104)

Um 1900 werden die Frauen sichtbarer und nehmen öffentliche Bereiche und Themen für sich in Anspruch.

Eine „Politikgeschichte“ des Kaiserreichs, das wäre eine Geschichte „nur“ der unmittelbaren Herrschaftsangelegenheiten, der kaiserlichen Familie, der Bündnisse mit dem Ausland …

Und ich denke, dass es hier doch eine methodische Frage ist, welchen Zugang man findet und was man dann sieht. Aber ich bleibe kurz beim Thema Aufbrüche. Die genannte Frauenbewegung ist einer unter vielen. Sie betraf zwar eine Minderheit, aber immerhin lautstark. Und auch konservative Frauen beginnen sich nun in Vereinen zu organisieren und insbesondere auf kommunaler Ebene zu engagieren. Das ist ein ganz wichtiger Bereich. Der zweite Aufbruch ist der Ausbau der Sozialreformen. Diese prägten das Kaiserreich auch sehr stark, die soziale Frage wird intensiv diskutiert. Spätestens schon seit den 1830er Jahren, aber um 1900 gibt es nochmals einen großen Aufbruch. Die Sozialgesetzgebung kommt in Gang. Es wird beispielsweise die Arbeitszeit reduziert, die Armenhilfe verbessert und professionalisiert, es gibt einen höheren Arbeitsschutz usw. Die Hygienediskurse nehmen sehr stark zu — mit konkreten Auswirkungen. Zum Beispiel nimmt die Kindersterblichkeit massiv ab. Und dann ist da natürlich die Industrialisierung, die bedeutet, dass der Wohlstand der Ärmsten gemehrt wird. Die Reallöhne auch der untersten Schichten steigen in dieser Zeit an. Hungersnöte, die es in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch gegeben hatte, waren nun undenkbar geworden. Ein letzter wichtiger Impuls sind dann sicher noch Kunst und Literatur. Ich würde auch den Zeitungsmarkt dazu rechnen, der damals sehr lebendig ist, witzig und streitlustig. Es gibt natürlich eine Zensur, doch oft profitieren die Blätter davon. Zum Beispiel der Satireschrift „Simplicissimus“ nützt es, immer mal wieder Dank der Zensur zur Sensation zu werden. 

Aufbruch und Bewegungen sind außerhalb des Blicks von jenen, die das Kaiserreich nur als reine Politikgeschichte beschreiben.

Was noch hinzukommt, ist wohl die Wissenschaft?

Ganz wichtig. Deutschland hat in dieser Zeit in der Wissenschaft ein sehr starkes internationales Renommee. Noch bis in die Zwischenkriegszeit kommen die Amerikaner sehr gerne nach Deutschland, um hier zu studieren. 

Frau Richter, Christopher Clark, ein australischer Historiker, der heute in England lehrt und auf die preußische und deutsche Geschichte spezialisiert ist, hatte großen Erfolg mit seinen „Sleepwalker“ (2013). Der Schlafwandlerthese zufolge, sind die europäischen Dynastien und Regierungen regelrecht in den Ersten Weltkrieg hinein „getaumelt“. Clark bewertet die Rolle des Kaisers in Teilen auch etwas anders als einige Historiker vor ihm. Vor allem wird die These von der Hauptkriegsschuld Deutschlands relativiert, was wiederum zur Einschätzung anderer Vertreterinnen und Vertreter Ihres Faches führte, man gebe den Deutschen damit das wohlige Gefühl, doch nicht schlimmer gewesen zu sein als alle anderen. Wie bewerten Sie diese Diskussion? 

Clark steht damit ja nicht allein. Ich würde wirklich ganz unaufgeregt sagen, dass der Beginn des Kriegs wesentlich komplexer gewesen ist, als dass man im Nachhinein sagen könnte, da gäbe es den einen Alleinschuldigen. Was ja zugleich überhaupt nicht bedeutet, dass man die Verantwortung des Kaisers schmälert, der sicherlich auf dem Thron Unheil angerichtet hat. Es erscheint mir richtig, darauf hinzuweisen, wie multikausal die Ursachen für den Krieg waren. In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, dass die veraltete Vorstellung von dem abartigen, komplett militarisierten, obrigkeitsstaatlichen Pickelhaubenkaiserreich, das zielstrebig in den Krieg marschiert — dass uns das daran hindert, zu verstehen, wie dramatisch der Krieg tatsächlich gewesen war und empfunden wurde. Man muss, wie gesagt, sehen, dass das Kaiserreich eine Zeit der Aufbrüche war, in dem es große, wichtige liberale und linke Aufbrüche gab. Die SPD zum Beispiel ist ja vor dem Weltkrieg die Partei, die die meisten Stimmen bei der Reichstagswahl erhält. Und die Wahlen waren unwahrscheinlich wichtig in Deutschland. Diese Impulse sind einfach mit Händen zu greifen. Oder auch die Friedensbewegung, eine Friedenskonferenz wird schon vor dem Krieg ausgerichtet. Da bringt dann auch wieder die Frauenbewegung etwas ein, da die Frauen in der Zeit als besonders „friedliebend“ gelten. 

Der Beginn des Krieges ist wesentlich komplexer gewesen, als dass man im Nachhinein sagen könnte, da gäbe es den einen Alleinschuldigen.

Es finden sich auch im Wirtschaftsbürgertum wenig Hinweise, dass es ein gesteigertes Interesse am Krieg gegeben habe. Und wenn wir das alles in Rechnung stellen, dann wird nochmal viel klarer, wie wahnsinnig dramatisch dieser Erste Weltkrieg war. In Europa gab es keine Gesellschaften, die auf den Krieg hin fieberten. Im Gegenteil, man warnte immer wieder davor. Es war nämlich gerade den Eliten im Wirtschaftsbürgertum klar, dass die neue Technik, diese Hochrüstung, zu einer Katastrophe führen würde. Und dann brach in diese europäischen Gesellschaften, die sehr lange im Frieden gelebt hatten, der Krieg als das Entsetzliche, Unvorstellbare ein. Was dann auch den anfänglich Kriegsbegeisterten nach einiger Zeit klar wurde. Wir wissen heute, dass die Kriegsbegeisterung nicht so allgemein war, wie lange angenommen. Aber diese Euphorie lag auch daran, dass den Menschen aus diesen zivilen, friedlichen Gesellschaften zum Großteil nicht mehr klar sein konnte, was Krieg bedeutete. Dass der Krieg dann so schrecklich und scheinbar endlos werden würde, damit konnte ohnehin niemand rechnen. 

Der Roman „Der Stechlin“, Letztwerk Theodor Fontanes, ist eine Art märkisches Gesellschaftsporträt des mittleren Kaiserreichs an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Die zahlreichen Konversationen vermitteln — mehr als jede Handlung und mit mancher Überzeichnung — das stimmungsvolle Bild einer „Brückenzeit“ zwischen melancholischer Schwere und vitalem Aufbruch. Der Videoclip zeigt einen Ausschnitt aus der Verfilmung von 1975. In der ausgewählten Szene wird die allmähliche “Gewöhnung” des Adels an die Demokratisierung kurz kommentiert. Rechte: Norddeutscher Rundfunk. 

Die Vorstellung von dem abartigen, komplett militarisierten, obrigkeitsstaatlichen Pickelhaubenkaiserreich, das zielstrebig in den Krieg marschiert, hindert uns, zu verstehen, wie dramatisch der Krieg tatsächlich gewesen war.

Die familiären Bande zwischen den europäischen Herrscherhäusern funktionierten ja nicht wirklich gut. Hat es politisch nicht ein Verrennen in Isolation gegeben?

Da würde ich eher nicht zustimmen. Was Deutschland betrifft, meine ich, dass der Monarch einfach völlig in seiner Bedeutung überschätzt wird. Zu glauben, der Kaiser hätte das Zepter in der Hand gehabt. Die Eliten haben sich vielfach über ihn lustig gemacht. Und dann dürfen wir nicht vergessen, dass das die Zeit der ersten Globalisierung ist. Ich sehe nicht, dass sich die Länder vor dem Krieg zunehmend isoliert haben. Es gab natürlich Spannungen. Es ist gerade eine Studie von Carola Groppe erschienen, über das Wirtschaftsbürgertum. Das waren Global Player, egal ob die nun in Deutschland gelebt haben oder in England. Natürlich war es eine kleine Elite, aber sie waren doch sehr einflussreich. Wenn wir in die Zeitungen der Vorkriegszeit anschauen, ist es nicht so, dass die Bevölkerungen isoliert vor sich hin dümpeln. Je nach Ausrichtung der Zeitungen gibt es doch auch einen weiteren Blick. Und viele Reformbewegungen sind sehr stark international orientiert. Bei den Frauen fällt das vielleicht besonders auf. Internationale Konferenzen oder Zeitschriften gab es für die meisten größeren Vereinigungen, die sich mit Wissenschaft, mit Wirtschaft oder mit sozialen Fragen befassten.

Eine starke Zunahme kultureller, ökonomischer und sozusagen „geistiger“ Vernetzung letztlich?

Auf jeden Fall. Die Handelsbeziehungen sind im Kaiserreich in die Welt so eng wie wohl erst wieder in den 1980er Jahren. 

Zusammengefasst bis hierher könnte man also sagen, das Risiko der Betrachtung besteht darin, das Kaiserreich durch den Ersten Weltkrieg zu bewerten?

Genau, ja. Und das zeigt die Forschung wirklich schon seit langer Zeit, dass ein wichtiger Bestandteil dieser Erzählung vom Sonderweg ist, dass das Bürgertum in Deutschland anders als in anderen westlichen Ländern sehr schwach gewesen sei und sich nur nach dem Adel gerichtet habe, empirisch definitiv nicht haltbar ist. Was wir sehen können, ist ein sehr selbstbewusstes Bürgertum, sowohl Bildungs- als auch Wirtschaftsbürgertum. 

Man hatte Sorge, dass Preußen alles dominieren würde. Aber das war doch eher umgekehrt der Fall, dass das Reich immer stärker Preußen geprägt hat.

Oft war schon zu lesen, das Kaiserreich habe eine „Verpreußung“ Deutschlands bewirkt. Das ruft bei mir etwas Skepsis hervor. War das Kaiserreich nicht doch „nur“ eine Zweckgemeinschaft, ein Bundesstaat der regionalen Zentren? Für viele Historiker endet das „alte“ Preußen mit der Reichseinigung 1871. Schwierig, dann von einer „Verpreußung“ Deutschlands zu sprechen oder meint man ein „Folklore-Preußentum“?

Ich stimme Ihnen zu, dass das sehr stark politisch motiviert ist, diese Vorstellung von der „Verpreußung“ des Kaiserreichs. Es wurde später auch von den Alliierten betont, die sich damit erklärt haben, warum die Deutschen zweimal einen Weltkrieg geführt haben. Und dann war eben diese Erzählung parat, dass Preußen so militaristisch gewesen sei und die „autoritären Traditionen“ zu verantworten habe. So sei dann auch das Kaiserreich militaristisch geworden. Tatsächlich aber sehen wir heute, dass die Angst, die viele deutsche Länder hatten, als es 1871 zur Reichseinigung kam, dass die sich nicht bewahrheitet hat. Die Württemberger beispielsweise hatten die Sorge, dass Preußen alles dominieren würde. Aber das war doch eher umgekehrt der Fall, dass das Reich immer stärker Preußen geprägt hat. Und am besten, denke ich, sieht man das am Reichstag, der schon ist in der Verfassung relativ stark, aber im Verfassungsalltag mit den Jahren immer wichtiger wird. Auch in der Öffentlichkeit wurde er dann als die zentrale politische Instanz angesehen. Die Leute haben genau beobachtet, was da stattfindet und es wurde darüber diskutiert. Ich finde es zum Beispiel höchst bedauerlich, dass im Reichstagsgebäude nicht der Abgeordneten des Kaiserreichs gedacht wird. Das kann ich überhaupt nicht verstehen. Denn der Reichstag war in jener Zeit ein großes und starkes Parlament mit vielen originellen, klugen, bemerkenswerten Parlamentariern. 

Postkarten-Jubiläumsaktion im Jahr 1901: 200 Jahre Königreich Preußen. Zwar steigt mit dem Kaiserreich das Haus Hohenzollern zur bedeutendsten deutschen Dynastie auf, doch das Deutsche Reich wird damit zu einem Bundesstaat der regionalen Herrschaften, Königreiche und Herzogtümer. Die Hohenzollern können Deutschland nicht wie ein „großes“ Preußen regieren. Mit der Stärkung des Reichstags wird im Laufe des Kaiserreichs auch die parlamentarische Macht erweitert, was die Vorstellung eines wilhelminischen Untertanenstaates nicht unerheblich einschränkt.

Ich finde es zum Beispiel höchst bedauerlich, dass im Reichstagsgebäude nicht der Abgeordneten des Kaiserreichs gedacht wird.

Es scheint so, als sei das eine normative Entscheidung, die Zeit des Kaiserreichs nicht zu erinnern, steht sie womöglich zu sehr in Zusammenhang mit unerwünschten Formen. Sie sprachen es aber schon an: Das kaiserliche Deutschland wird eine Hochzeit der Sozialdemokratie, die nun im Parlament zur bedeutenden Kraft heranwächst. 

Ganz genau. Es ist die Zeit großer und wichtiger Sozialdemokraten, Liberaler oder Katholiken. Selbst Kolleginnen und Kollegen in der Geschichtswissenschaft denken immer mal wieder, das Dreiklassenwahlrecht habe für den Reichstag gegolten. Oder es heißt, vor 1919 hätten ja auch die allermeisten Männer in Deutschland kein Wahlrecht gehabt; aber das hatten sie, selbst unter dem preußischen Dreiklassenwahlrecht. Ich finde es wichtig, festzuhalten, dass wir auch den Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus nicht begreifen, wenn wir denken, Deutschland sei zuvor komplett rückständig und undemokratisch gewesen. Dann übersehen wir nämlich, dass der Nationalsozialismus aus der Demokratie heraus entstanden ist. Die ganze Demokratiegeschichte wird viel komplizierter, wenn wir uns eingestehen, dass Deutschland eben keinen Sonderweg hatte, sondern in einer nicht spektakulären, im internationalen Vergleich recht gewöhnlichen Entwicklung den Nationalsozialismus hervorgebracht hat.

Der Reichstag entwickelt sich im Laufe des Reiches zu einer immer bedeutsameren Kraft; hier um 1900. Bild: public domain/Wikipedia. 

In Ihrer Habilitationsschrift “Moderne Wahlen” (2017) haben Sie sich vergleichend mit dem Thema der Entwicklung von Parlmamentswahlen in Preußen und den USA befasst. Ihre Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass zu den Wahlen den 19. Jahrhunderts immer wieder geradezu obrigkeitsstaatlich ermuntert werden musste. Fast könnte man sagen: Die Leute mussten teilweise zum Wählen „getragen“ werden. Oder man erinnert den Kartoffelanbau unter dem Alten Fritz. Im späteren Laufe des Ersten Weltkriegs waren Wahlreformen angedacht, als die Unruhen im Reich zunehmen, der Kaiser an Ansehen verliert. Soweit kam es aber nicht. Mit Blick auf die demokratischen Elemente in der Zeit des Kaiserreichs, können wir hier eine fortlaufende Entwicklung feststellen; vielleicht auch eine solche, die immerhin eine gewisse Kontinuität in die Weimarer Zeit ermöglicht? Viele politische Institutionen Weimars erscheinen ja geradezu als „gezähmte Monarchie“.

Dass das Interesse an der Wahl sehr stark von oben ausging, das gilt insbesondere für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Für den Beginn der, wie ich das nenne, „modernen Wahlen“ . Im Verlauf des 19. Jahrhunderts — sehr wichtig ist hier 1848 — steigt das Interesse an Wahlen auch „von unten“; einfach weil es den Männern immer sinnvoller erscheint, was diese Wahlen zu bedeuten haben. In eigentlich allen Länder, die ich mir angeschaut habe, war es so, dass es im 19. Jahrhundert eine bemerkenswert niedrige Wahlbeteiligung gab. In Frankreich beispielsweise zu Anfang des 19. Jahrhunderts unter 5 Prozent. Dort vermuteten einige Beamte, eine Streichung des Wahlrechts würde den Franzosen womöglich überhaupt nichts ausmachen. Und in den USA liegt die Wahlbeteiligung zu dieser Zeit oft bei unter einem Drittel. Das ändert sich in der Jahrhundertmitte, und es ändert sich dann noch stärker gegen Ende des Jahrhunderts. Die Arbeiter- und Frauenbewegungen etwa, wie schon angesprochen, befördern dann ein wachsendes Interesse von unten. Für das Kaiserreich, also nach 1871, ist es sehr wichtig, zu sehen, dass die Rolle des Reichstags fortlaufend wichtiger wird. Es gewinnt an Bedeutung, wer in ihn hinein gewählt wird. Das erkennen ja nicht nur die Sozialdemokraten, sondern beispielsweise auch das katholische Milieu. Die von Ihnen angesprochene Kontinuität über das Kaiserreich hinaus, würde ich nun darin sehen — und da schließe ich mich sehr stark an die großartige Forschung von Margaret Anderson an —, dass hier wirklich demokratische Praktiken eingeübt wurden, die dann in der Weimarer Republik fortgesetzt werden können. Das zeigt sich ganz konkret mit den Wahlen 1919. Wenn die Geschichte so verlaufen wäre, wie sie häufig erzählt wird, dass 1918/1919 die Demokratie quasi vom Himmel gefallen ist, und die Deutschen noch gar keine Erfahrung damit gehabt hätten — also wenn das stimmte, dann wären die Wahlen ja ein Spektakel gewesen…

… Aber das war sie gerade nicht.

Das waren sie 1919 überhaupt nicht. Sie bildeten offenbar bei all den revolutionären Unruhen einen wichtigen Anker. So beschreiben es die Kommentatoren in den Zeitungen: als etwas Selbstverständliches, Wichtiges, Gewohntes. Die Wahlen verlaufen ruhig. Auch die Beteiligung der Frauen an der Wahl ist damals nicht spektakulär. Ich würde sagen — wie viele Kolleginnen und Kollegen —, alles das hat sich eben schon Jahre zuvor abgezeichnet. Es ist wichtig, zu betonen, dass es manchen in der Geschichtsschreibung schwerfällt, einzugestehen, dass Deutschland nicht dieses spektakulär andere Land gewesen ist. Es war weder das großartige, noch dieses dunkle Reich, es war in vielerlei Hinsicht „normal“. Und das erklärt das Entsetzen von Intellektuellen wie Max Weber oder Ernst Troeltsch, die völlig fassungslos waren, dass mit dem Krieg Deutschland plötzlich auf die Seite von Barbaren gestellt wird. Natürlich wollten die Bürger im Kaiserreich mehr Freiheit und klagten – wie es sich in einem freiheitlichen Staat gehört – über Einschränkungen. Aber die Behauptung, die insbesondere 1917 aufkam, Deutschland sei ein ganz rückständiges Gebilde, durchmilitarisiert, ganz anders als die anderen vergleichbare Länder, das fanden viele Denker sehr empörend. Und daher kam auch die Irritation, dass es seit 1917 den Alliierten offiziell im Krieg darum ging, Demokratie zu befördern. Abgesehen davon, dass natürlich jede Nationalgeschichte ihre eigenen Besonderheiten aufweist. Aber wenn man einen Vergleich international anstellt, egal ob das die Bewegungen in der Gesellschaft sind oder die Wirtschaft, Technik usw., dann war das kaiserliche Deutschland doch ein ziemlich gut funktionierender Staat; keine spektakuläre Ausnahme, aber erfolgreich im Hinblick auf die Integration der Bevölkerung, die nicht zuletzt dem Wirtschaftswachstum zu verdanken war, aber auch mit Blick auf die künstlerische Entwicklung, die Architektur, die Wissenschaft und so weiter – wir sprachen darüber. 

Die Behauptung, die insbesondere 1917 aufkam, Deutschland sei ein ganz rückständiges Gebilde, durchmilitarisiert, ganz anders als die anderen, das fanden viele Denker sehr empörend.

Konstituierende Sitzung der “Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft” 1911 in der Königlichen Akademie der Künste Berlin. Das Kaiserreich wird namentlich mit einer Reihe bedeutender Gelehrter verbunden: Planck, Röntgen, Koch, Einstein. Mit der Gesellschaft werden in Deutschland Groß- bzw. Programmforschung eingeführt und zahlreiche Institute gegründet. Deutsch ist zu dieser Zeit noch eine etablierte Wissenschaftssprache, praktisch gleichberechtigt mit Englisch und Französisch. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wurde nach 1945 in “Max-Planck-Gesellschaft” umgewidmet. Bild: Max-Planck-Gesellschaft.

Frau Richter, zum Schluss möchte ich Ihnen noch eine Spekulation zumuten: Wäre Wilhelm II. 1913, im Jahr seines 25. Thronjubiläums, eines natürlichen frühen Todes gestorben, er wäre als großer und beliebter deutscher Regent in die Geschichte eingegangen. Lassen Sie mich raten: Sie antworten mit einem eindeutigen Jein? 

Schwer zu sagen. Das kommt wieder darauf an, wer wie an etwas erinnern würde. In der öffentlichen Erinnerung, ganz allgemein, hätte der Kaiser ohne den Krieg vielleicht ziemlich gut abgeschnitten. Aber man muss auch sehen: Wenn man sich ein bisschen mit den literarischen Quellen der Zeit befasst, also Zeitungen, Analysen und Tagebücher von Intellektuellen beispielsweise ansieht, dann trifft man doch ziemlich schnell auf die große Skepsis, die man dem Kaiser entgegengebracht hat. Das war doch in weiten Kreisen bekannt, darüber hat man auch geredet, dass der bornierte Kaiser ein Problem ist.

Das heißt, es war eine vor allem volkstümliche Popularität, von der der Kaiser vor dem Krieg profitierte?

Genau, er hatte auf jeden Fall eine volkstümliche Popularität. Das darf man aber auch nicht überschätzen und denken, dass die Eliten ihm zu Füßen lagen. 

Frau Richter, ich bedanke mich für das Gespräch. 

PD Dr. Hedwig Richter ist Historikerin am Hamburger Institut für Sozialforschung. Sie habilitierte sich 2016 an der Universität Greifswald. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Demokratie, Nationsbildung, Migration, Religion und Gender. Richter hatte Fellowships am Deutschen Historischen Institut in Washington D.C. und am Institut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag. Sie studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie an der Universität Heidelberg, der Queen’s University Belfast (Nordirland) und der Freien Universität Berlin. Für ihre Habilitationsschrift „Moderne Wahlen im 19. Jahrhundert. Eine Geschichte der Demokratie in Preußen und den USA” erhielt 2018 sie den Stiftungspreis der Demokratie-Stiftung zu Köln. Richter schreibt unter anderem für die ZEIT, die taz, die FAZ und die SZ. Mehr Informationen gibt es hier. Bild: Privat/Richter. 


3 Kommentare

  1. Dann wären wir möglicherweise nicht in die Vorzüge des Sozialismus, im Dritten Reich und im Kalten Krieg und jetzt, gekommen.

    • Wir hätten die Monarchie behalten sollen .Aber nicht als Aleinherschaft sondern wie in England oder Norwegen ,Holland ,Belgien ……..
      Das were der bessere weg.Ralf

      • Schon aleine um Deutschland ordendlich zu repräsentieren zu können ,
        were eine Monarchie der bessere Weg.

Schreibe einen Kommentar zu Samuel Speitelsbach Antworten abbrechen

Pflichtfelder sind mit * markiert.