Stefan Schulz

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

Für alle dieselbe oder keine!

Kurze Vorrede: Bei Spiegel Online äußern sich Jungjournalisten zu ihrem Medienkonsum. Cordt Schnibben bat mich, mir das mal anzusehen. Da ich auch Jungjournalist bin, äußere ich mich an dieser Stelle auch:

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Stefan Schulz: Das mit dem Papier verstehe ich auch nur selten…

Stefan Schulz: Es ist wie verrückt. Seit zehn Jahren, seit ich zu studieren begann, lese ich regelmäßig Zeitung, aber das Prinzip mit dem Frühstück habe ich immer noch nicht verstanden. Wenn ich morgens um sieben aufstehe, dann doch nur, weil zu dieser Zeit meine Töchter aus den Betten springen und nicht, weil zwei Etagen tiefer jemand Papier in meinen Briefkasten gesteckt hat. Während meines zwanzigminütigen Arbeitsweges höre ich 50 Minuten Podcasts – ja, das ist kein Rechenfehler, sondern Magie – so wie fast alles, was das Podcasting betrifft, zauberhaft ist. Ich höre mehr als 30 Sendungen, täglich rund 4 Stunden, in denen ich meinen Körper für bestimmte Erledigungen brauche, mein Gehirn aber mit aufmerksamen Zuhören beschäftigen kann. Da Google seinen RSS-Reader abschaltete, habe ich jüngst meine RSS-Lesestrategie überarbeitet. Ich sehe/lese heute den Output von 250 Feeds, das macht mich nahezu zufrieden – ich habe selten Anlass zu glauben, etwas Interessantes verpasst zu haben. Twitter per App und den Rest per Flipboard konsumiere ich den ganzen Tag über. Zwischendurch lese ich per Späterlesen-Dings ausführlicher, was mir zuvor wichtig schien.

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Zeitung ist kein Jedermannsmedium

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Ich bin seit einigen Monaten in der schönen Lage, für die Zeitung Fernsehen zu gucken. Sender schicken Filme und Serien, die sie entweder selbst hergestellt haben oder in den deutschen Sprachraum durchreichen und ich sehe mir die im Mix mit tagesaktuellen Talkshows an und versuche, mir Gedanken dazu zu machen. Dabei stoße ich – und zwar egal ob es sich um deutsche politische Diskussionsendungen oder Monate alte amerikanische Serien handelt – immer wieder auf dasselbe Wunder: Wirklich gut ist das Fernsehprogramm dann, wenn es wie Literatur hergestellt wurde, wenn ein Autor oder ein Autorenteam abgeschottet an einem Werk arbeitet, es unter Vermeidung äußerer Einflüsse nach dem eigenen Entwurf produziert um am Stück dem Publikum vorsetzt. Beziehungsweise, wenn der Zuschauer nur zuschaut, wenn Menschen intensive Gespräche führen, während diese ein bisschen vergessen, dass alles vor Publikum stattfindet.

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Echtzeitgesellschaft mit Nullintelligenz

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Wollte Dirk von Gehlen seine Strohpuppenkampfkunst in seinem eigenen Maß auf eine nachvollziehbare Ebene heben (oder besser retten), hätte er nicht von “Gesprächskonsum” gesprochen, sondern von Zahnbürstenredsamkeit. Niemand kommt doch ernsthaft auf die Idee, Datensparsamkeit – ein völlig akzeptabler Begriff – mit einem selbst erzwungenem Schweigegelübde – eine völlig bescheuerte Idee – zu verbinden. Ich habe sowas jedenfalls noch nirgends gelesen. Worüber man aber nun immer häufiger stolpert – ein völlig richtiges Verb – sind Personen, die die digitale Welt nicht nur retten, sondern noch besser retten wollen und dabei ganz neue Gegnerschaften begründen.

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Das Internet verstehen lernen

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Die Krisen der Gesellschaft machen ihre Mitglieder klüger. Es ist eines der faszinierendsten Zitate der aktuellsten Geschichte. Romano Prodi, EU-Kommissionspräsident von 1999 bis 2004, sagte anlässlich der Euro-Einführung im Dezember 2001: “I am sure the Euro will oblige us to introduce a new set of economic policy instruments. It is politically impossible to propose that now. But some day there will be a crisis and new instruments will be created.” (Quellen) So ist es gekommen. Wir kennen inzwischen alle Einzelheiten der Krise. Alle Beteuerungen, das Thema sei zu kompliziert, es müsse zu viel beachtet werden, die politische Sachlage sie zu komplex haben sich als falsch oder sogar als Lügen herausgestellt. Was zur Rettung fehlt ist nur der Wille.

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Piraten-Wahlkampfauftakt bei
Markus Lanz(?)

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Von einem Fluch kann nicht die Rede sein, dafür haben die Mitglieder der Piratenpartei selbst zu tiefe Gräben zwischen ihren persönlichen Auseinandersetzungen und politischen Ansinnen gegraben. Doch die junge Partei hatte auch Pech mit sich selbst und beispielsweise Johannes Ponader als politischem Geschäftsführer. 2012 startete die Partei in einen Themen-Sommer mit unzähligen Konferenzen. Am Ende des Jahres wurde zumindest ein Ziel erreicht: Die Piratenpartei einigte sich auf Sprachregelungen zur Europa-, Gesundheits- und Rentenpolitik und gilt heute nicht mehr als Ein-Themen-Partei.

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Wenn schon digitale Gesellschaft,
dann bitte richtig

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Was wäre, wenn es alles stimmt, wenn die Ahnungen nicht nur Überlegungen wären, sondern Hinweise darauf, dass sich etwas grundlegend geändert hat – ausgerechnet am verborgenen Fundament. „Regiert eigentlich das Weiße Haus noch? (…) oder ist die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika inzwischen schon einer Junta von Sicherheitsoffizieren in die Hände gefallen?“ Das sei eine zugespitzte Frage, die allerdings auf einer evidenten Sorge ruhe, sagt Peter Sloterdijk. Und er meint das vergleichsweise zurückhaltend. Sieht man neben den Philosophen die Pragmatiker, klingt es schon anders. „Das ist General Alexander, er ist wahrscheinlich der mächtigste Mann der Welt (…) und er ist ein ‚fucking liar‘“, sagte Jacob Appelbaum bei der 29C3-Keynote und bekam dafür viel Applaus.

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Was Sascha Lobo vergaß zu sagen

Protest

Sascha Lobo hat natürlich recht: Die sozialen Medien bieten durch ihre Rückkanäle ein neues Eigenrecht aus, das sich von Institutionen und Entscheidungen abkoppelt und in einer Logik flüssiger Massemedien demonstrierende Menschen wichtiger nimmt als Pinguine. Alles, was in Lobos Text steht, stimmt, weil es sich nur schwer bestreiten lässt. Aber einen Kritikpunkt gibt es dennoch: Die Kolumne hört zu früh auf. Nach dem letzten Satz, der

Autokrat Erdogan wird wissen, weshalb er soziale Medien als “schlimmste Bedrohung” fürchtet.

lautet, fehlt ein zwangsläufig nächster Satz, der wie folgt lauten könnte: Erdogan wird allerdings auch wissen, wie er sich gegen Bedrohungen wehrt, er hat es immer gewusst.

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Der Virus der Gesellschaft

Video-Link. Erstaunlich, was alles in ein dreißigminütiges Video passt. Und noch erstaunlicher, auf welche neue Kernaussage es hinausläuft: Der dumme, weil unwissentliche Umgang mit Technologie kann für einen selbst und die Menschen um einen herum gefährlich sein, als ginge es um eine infektiöse Krankheit. Klingt so dahingeschrieben ein bisschen merkwürdig, aber um diese Aussage zu untermauern wurde dieser Film gemacht. (via)

(Und auch hier nochmal der Hinweis auf die Fernsehserie, die man sehen muss: “Person of Interest“. Die zweite Staffel ging gerade grandios zuende.)

Wem man im Zug so begegnet

Unbenannt

Wo kämen wir nur hin, wenn eine in Berlin lebende Russin durch Deutschland reisen möchte und der deutsche Staat und die Deutsche Bahn nicht exakt nachprüfen können, wer diese junge Frau ist?

Ich denke, wenn sich eine Gruppe von Polizisten in den Fängen einer von Beginn an fragwürdigen, dann absurden und schließlich moralisch falschen und ziemlich wahrscheinlich sogar widerrechtlichen, selbst herbeigeführten Situation verstrickt – dann soll sie dieses Problem mit sich alleine lösen. Unfassbarer Einblick in den deutschen Alltag 2013.

Marina Weisband –
Wir nennen es Politik

Schon bevor man Marina Weisbands Buch öffnet, während man also nur sie sieht, zurückgelehnt an eine Wand und zufrieden lächelnd, erfüllt es schon eine Erwartung. Endlich gibt es ein Buch über die Piraten aus ihren eigenen Reihen. Das Buch wird sich als biographisch herausstellen, im Kontrast dazu stets die Gesellschaft im Blick behalten, doch wenn Marina Weisband von “wir” spricht, was sie ja schon auf dem Titel und dann auch im Text oft tut, meint sie entweder die Mitglieder ihrer Partei oder Menschen in ihrem Alter. Würden die Piraten einsehen, dass auch sie ein Manifest brauchen, dass Twittern und Bloggen nicht reicht und im Piratenpad nur Stückwerk entsteht, könnten sie den Text zu ihrem machen. Das werden sie aber aller Vorahnung nach nicht tun – so sehr sich manche von ihnen die Rückkehr von Marina Weisband in ein Amt wünschen, so wenig ist die Partei in der Lage, einen Text zu goutieren, den sie nicht vorher selbst zerredet hat.

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Auf zur neuen Freihändigkeit

Es muss ein innerer Wunsch sein, ein evolutionärer Traum, den viele Menschen heute kurz vor seiner Erfüllung sehen. Seit Google-Gründer Sergey Brin behauptete, eine Datenbrille auf dem Kopf wäre weit männlicher als ein Telefon in der Hand, macht man sich darüber Gedanken, wohin der anstehende Schritt geht. An mehr Männlichkeit hatte bis dahin noch kaum jemand gedacht. Ein Fussball- oder Eishockeyspiel aus der Perspektive des Schriedsrichters zu sehen, weckte dann aber doch geschlechtsspezifische Vorfreude. Wie auch im morgendlichen Halbschlaf die Mode der Frau beurteilen zu können.

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Sloterdijk – umkehren und weitertreiben

Ein wiederholter, expliziter Hinweis auf die Vorlesung von Peter Sloterdijk in der Schweiz. Ich glaube hier steckt viel drin: Die Unwahrscheinlichkeitsprämissen, die unvorhersehbare Kometenereignisse (Gefahr) ausschließen und die Gesellschaft ganz auf sich selbst zurückwerfen (Risiko); Immunitätsüberlegungen, die im Grunde eine Kommunikationstheorie mit verkehrtem Vorzeichen sind, aber genau darauf abzielen, worauf es heute ankommt: Wie kommt Ordnung in eine Gesellschaft, die kaum noch kommunikative Hürden zu bewältigen hat; und Drittens die Frage nach der Mechanik der sozialen Wirklichkeit, gipfelnd in der Frage nach den Juristen unter den Menschen, die etwas tun, damit andere etwas lassen, die Zeit nicht irreversibel sein lassen und durch Limitierungen mehr ermöglichen. Dass Peter Sloterdijk sich hier Luhmanns Gesellschaftstheorie über das Nadelöhr der Überlegung “Das Rechtssystem als Immunsystem der Gesellschaft” (siehe: Du musst dein Leben ändern) aufschlüsselt, kann auch noch eine ganz andere Frage beantworten: Was kann man als nächstes mit der Systemtheorie machen? Sloterdijk scheint zu sagen: Umkehren und Popularisieren, ohne Rücksicht auf die wissenschaftliche Bürokratie, die sich mit Aberkennungen wissenschaftlicher Leistungen vor sich selbst schützen und vergewissern will…