Stefan Schulz

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist Volontär bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. stefanschulz.com (adn, t, fb, G+)

Wem man im Zug so begegnet

Unbenannt

Wo kämen wir nur hin, wenn eine in Berlin lebende Russin durch Deutschland reisen möchte und der deutsche Staat und die Deutsche Bahn nicht exakt nachprüfen können, wer diese junge Frau ist?

Ich denke, wenn sich eine Gruppe von Polizisten in den Fängen einer von Beginn an fragwürdigen, dann absurden und schließlich moralisch falschen und ziemlich wahrscheinlich sogar widerrechtlichen, selbst herbeigeführten Situation verstrickt – dann soll sie dieses Problem mit sich alleine lösen. Unfassbarer Einblick in den deutschen Alltag 2013.

Marina Weisband –
Wir nennen es Politik

Schon bevor man Marina Weisbands Buch öffnet, während man also nur sie sieht, zurückgelehnt an eine Wand und zufrieden lächelnd, erfüllt es schon eine Erwartung. Endlich gibt es ein Buch über die Piraten aus ihren eigenen Reihen. Das Buch wird sich als biographisch herausstellen, im Kontrast dazu stets die Gesellschaft im Blick behalten, doch wenn Marina Weisband von “wir” spricht, was sie ja schon auf dem Titel und dann auch im Text oft tut, meint sie entweder die Mitglieder ihrer Partei oder Menschen in ihrem Alter. Würden die Piraten einsehen, dass auch sie ein Manifest brauchen, dass Twittern und Bloggen nicht reicht und im Piratenpad nur Stückwerk entsteht, könnten sie den Text zu ihrem machen. Das werden sie aber aller Vorahnung nach nicht tun – so sehr sich manche von ihnen die Rückkehr von Marina Weisband in ein Amt wünschen, so wenig ist die Partei in der Lage, einen Text zu goutieren, den sie nicht vorher selbst zerredet hat.

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Auf zur neuen Freihändigkeit

Es muss ein innerer Wunsch sein, ein evolutionärer Traum, den viele Menschen heute kurz vor seiner Erfüllung sehen. Seit Google-Gründer Sergey Brin behauptete, eine Datenbrille auf dem Kopf wäre weit männlicher als ein Telefon in der Hand, macht man sich darüber Gedanken, wohin der anstehende Schritt geht. An mehr Männlichkeit hatte bis dahin noch kaum jemand gedacht. Ein Fussball- oder Eishockeyspiel aus der Perspektive des Schriedsrichters zu sehen, weckte dann aber doch geschlechtsspezifische Vorfreude. Wie auch im morgendlichen Halbschlaf die Mode der Frau beurteilen zu können.

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Sloterdijk – umkehren und weitertreiben

Ein wiederholter, expliziter Hinweis auf die Vorlesung von Peter Sloterdijk in der Schweiz. Ich glaube hier steckt viel drin: Die Unwahrscheinlichkeitsprämissen, die unvorhersehbare Kometenereignisse (Gefahr) ausschließen und die Gesellschaft ganz auf sich selbst zurückwerfen (Risiko); Immunitätsüberlegungen, die im Grunde eine Kommunikationstheorie mit verkehrtem Vorzeichen sind, aber genau darauf abzielen, worauf es heute ankommt: Wie kommt Ordnung in eine Gesellschaft, die kaum noch kommunikative Hürden zu bewältigen hat; und Drittens die Frage nach der Mechanik der sozialen Wirklichkeit, gipfelnd in der Frage nach den Juristen unter den Menschen, die etwas tun, damit andere etwas lassen, die Zeit nicht irreversibel sein lassen und durch Limitierungen mehr ermöglichen. Dass Peter Sloterdijk sich hier Luhmanns Gesellschaftstheorie über das Nadelöhr der Überlegung “Das Rechtssystem als Immunsystem der Gesellschaft” (siehe: Du musst dein Leben ändern) aufschlüsselt, kann auch noch eine ganz andere Frage beantworten: Was kann man als nächstes mit der Systemtheorie machen? Sloterdijk scheint zu sagen: Umkehren und Popularisieren, ohne Rücksicht auf die wissenschaftliche Bürokratie, die sich mit Aberkennungen wissenschaftlicher Leistungen vor sich selbst schützen und vergewissern will…

The New Normal

Prolog: Es gehört wohl zur neuen Medienlogik, dass man selbst vom größten neuen Meme aus der Zeitung erfährt. (Vielleicht, weil es sich schlecht in einen Podcast verpacken lässt.) Aber vor dem Hinweis von Nachwuchskollege Sebastian Dörfler, war mir der “Harlem Shake” völlig fremd.

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Twitter ist witzig, aber nicht für alle

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Ein Argument, das doch irgendwie auf der Hand liegt. “Lasagne”, “Vollprofis”, “Pferd” und rund 60.000 weitere Tweets und dann plötzlich der Abschied von Twitter, weil der Stress zu hoch und die Resonanz zu gering ist? Rund 99 Prozent der Kommentatoren, die Christopher Lauers Abschied von Twitter mit Häme begrüßen, müssen mit ihren Ansichten recht haben: Lauer hat sich falsch verhalten. Man kann Twitter konstruktiv und klug nutzen und müsse es sowieso als basisdemokratische Wunderwaffe schützen.

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Wer will schon ein Opfer sein?

Es ist erstaunlich. Heute erschien in der F.A.Z. ein Text von Alice Schwarzer zur Sexismus-Debatte, auf den man eigentlich gewartet hatte, weil Schwarzer zwar schon im Fernsehen, aber noch nicht schreibend beteiligt war. Der Text läuft auf eine Verteidigung Laura Himmelreichs Text hinaus, ist also nicht nur eine weitere Meinung unter vielen, sondern birgt in seinem argumentativen Aufwand auch Informatives und Neues. Der Anfang zählt aber nicht dazu: weiterlesen