Urteil zur Moderne: Nicht gut genug.

Solch eine normative These will natürlich auch ausführlich normativ durchargumentiert sein:

Wenn man in die Geschichtsbücher blickt, entdeckt man eine Welt voller Wunder. Ägypter bauten Pyramiden, Römer Abwasserkanäle, Amerikaner Riesenstädte und Russen Raumfahrzeuge. Oft bis immer ging es darum, vorhandene Dinge und Zustände besser zu machen. Die Entdeckung des Feuers führte zu warmer Speise und neuem Werkzeug, spezielle Sand-Wasser-Mischungen führten zu künstlichen Steinen für stabile Häuser und der Buchdruck führte zu Verfassungen, Organisationen, Staaten und leistungsfähigeren Sozialordnungen. Soweit so gut. Dieser Weg lässt sich als die Erfolgsstraße der menschlichen Zivilisation beschreiben. Vom kurzlebigen, einsamen wetter- und schicksalergebenen Homo sapiens zum langlebigen, gesunden, fröhlichen Homo sociologicus.

Mit dem zivilisatorischem Schicksalsschlag des Zweiten Weltkriegs, scheint diese Entwicklung, hin zum Besseren, jedoch ein Ende genommen zu haben. Seit der Nachkriegszeit, so paradox es klingt, scheint früher alles besser gewesen zu sein.

Und tatsächlich: Aufgrund ungesunder Ernährung und kontraproduktiver Fitnessmedizinerei sterben wir wieder früher. Aufgrund zu früher Lebenszielsetzungen und Schichtarbeit leben wir unglücklicher. Aufgrund verbesserter Transportmöglichkeiten vernachlässigen wir die unmittelbar erlebbare Lebenswelt. Aufgrund leichtflüssiger Informationskanäle bekommen wir weniger mit, als wir verpassen (alle anderen mitbekommen). Aufgrund von Pschotherapeuten haben wir nur noch vereinsamende Fröhlichkeitsfreundschaften. Und an allem ist nur eine Schuld: unsere moderne Gesellschaft.

Ihr Eigenleben sorgt dafür, dass alle leiden. Die einen an Hunger die anderen an Fettleibigkeit. Die einen an Armut, die anderen an Verzweiflung.

Unsere moderne Gesellschaft macht nur noch sehr wenige glücklich. Wundert mich, dass das Lebensmodell der Zisterzienser nicht wieder neu auflebt. Und das soll auch die abschließende Prognose sein: Wenn die Rückabwicklung der Globalisierung durch ist, werden sich neue, am 12 Jhr. orientierte, quasi-Klöstergemeinschaften nach dem Prinzip „Lebensfreude durch kollektive, aktive Einschränkung“, kurz: „Freude durch Verzicht“ bilden. Alle Möglichkeiten der Gesellschaft ohne Sinn und Verstand zu nutzen, wird dann herablächelnd als Naivität bezeichnet. Die Welt wird also einmal auf Links gekrämpelt.

Prognose II: Wir werden aus unseren Fehlern nicht lernen und alle traurig sterben.

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

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