Das rundum gute Internet

Das Internet macht Spaß, hilft, vereinfacht, beschleunigt, stellt Nähe her, unterhält und informiert. Das Internet kann in seinem gegenwärtigen Zustand als rundum gut bezeichnet und beschrieben werden. Und wer doch was zu mäkeln hat, hat es eben noch nicht richtig verstanden. Aber das Internet hilft auch da weiter, man kann sich mithilfe des Internets über das Internet selbst informieren. Es stellt sich in gewisser Weise ein Anti-Teufelskreis ein. Man muss sich vom Internet nur infizieren lassen, dann findet man es, wie sollte es anders sein, zwangsläufig gut.

Dies scheint der aktuelle Stand der „Diskussion“ zu sein. Jeder Versuch das Internet und seine auffälligen Merkmale mal nicht von der Prämisse „das Internet ist gut“ aus zu beschreiben, muss sich Frechheiten gefallen lassen. Es sind eben die „Schirrmacher dieser Welt“, die die Stimmung vermiesen und sich profilieren, ach ja, und sie sind ja gleichzeitig die Verleger – kein Wunder, dass sie kritisieren.

Aber sind es nicht gerade die Feuilletonisten, die die Aufgabe haben vor Gefahren zu warnen, wo es sonst vielleicht noch niemand tut. Auf die Wissenschaftler hört niemand mehr. Und jetzt werden auch die Feuilletonisten allmählich diskreditiert, als Nicht-Versteher abgestempelt und als Belustigungsfolie genutzt.

Historische Parallelen dieser Art des vereinfachten Gutfindens: Noch 1970 konnte man im Fernsehen als Professor auftreten und behaupten, die Rohstoffe der Erde sind unerschöpflich. Einen Verbrennungsmotor zu benutzen hat nur Vorteile. Bis 1990 konnte man mit gleicher Ernsthaftigkeit und Reputation behaupten, der Kapitalismus würde von einer unsichtbaren Hand geregelt und brauche darüber hinaus keine weitere, erst recht keine menschliche, Einmischung. Waffenbesitz, Atomstrom, Gentechnologie – das alles lässt sich blind feiern. Alle diese Ideologien setzen eine Idee zentral und vergessen, dass es sich nicht um ein Naturgesetz, sondern nur um eine Idee handelt, die ebenso anders lauten könnte.

Es gibt aber nur ein sicheres gesellschaftliches Naturgesetz: Alles hat Gefahren. Nichts auf der Welt entsteht, weil es einfach gut ist, sondern weil die guten Seiten überwiegen. Und es sollte bedenklich stimmen, dass die schlechte Seite des Internets so unerforscht ist. Unbekannt ist sie längst nicht mehr.

Anstatt den x-ten toll aufgemachten Elektrischen Reporter zu gucken sollte man sich lieber den Textwerken des CCC, des FoeBud und der Feuilletons annehmen. Und man sollte nicht zu schnell verzagen, weil die Debatten dort ohne Eigennamen auskommen, also kein Google-Facebook-Apple-Bashing stattfindet, sondern die Strukturen selbst thematisiert werden.

Über die Zeit habe ich festgestellt, dass besonders diejenigen, die über Bande von sich behaupten das Internet verstanden zu haben, am wenigsten verstehen. Dazu zählen Personen wie Nico LummaThomas KnüwerJeff Jarvis und viele Weitere.

Wenn man sich davon löst, sich zu freuen, dass Flugzeugunglücke 20 min. schneller auf Twitter als auf den Zeitungswebseiten die Runde machen, kann man sich den ernsten Fragen zuwenden: Wie kann ich eine Zeitung lesen, ohne dass irgendjemand mitbekommt, was ich lese? Wie kann ich Sachen kaufen und dabei mit Bargeld bezahlen, ohne das der Vorgang registriert oder gar gespeichert wird? Wie kann ich erfahren, was meine Bank über mich weiß und wer von meiner Bank Sachen über mich weiß? Wie kann ich sicherstellen, dass meine Darstellung auf meiner Person fußt, anstatt auf der Aggregation von Merkmalen meiner Umwelt? Wie lässt sich die lebensnotwendige Anonymität und Flüchtigkeit auch im Internet herstellen?

(Als großer Fan des Internets und seiner Annehmlichkeiten muss ich sagen, dass mir das Problembewusstsein von Frank Schirrmacher dennoch am realistischsten erscheint. Nur eine Sache muss ich auch bei ihm kritisieren: die ständige Unterscheidung von online und ‚wirklicher‘ Welt. Die finde ich, auch wenn sie nur zur Illustration benutzt wird, immer verschleiernd.)

(Bild: Lars Kristian Flem)

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

27 Gedanken zu “Das rundum gute Internet

  1. Grossartig. Die Debatte braucht ein neues Paradigma. Sixtus, der vom öffentlich-rechtlichen System lebt (cf. http://www.blogbar.de) und schamlos einen ganze WERBEFILM für Twitter produziert, ist nur ein Symptom. Das NEtz wird überrant von Werbern, PR-Leuten, Social-MEdia Beratern a la dem im Film vorkommenden „Professor“ (richtig:Honorarprofessor) Kruse, alles mit Firmen in einem Boot, alles Geschäftemacher. Wie fern ist die amerikanische Debatte, wie fern Boing boing….

  2. „Waffenbesitz, Atomstrom, Gentechnologie“ – an diesen Vergleichen kann man gut aufzeigen, warum die Debatten ums gute oder böse Internet so unerquicklich verlaufen: es gibt eben nicht „das Internet“ als hübsch abgegrenztes Einzelphänomen, dessen Vor- und Nachteile man mal eben so diskursiv abklopfen könnte.

    Es ist ein kommunikationstechnischer Quantensprung, an dessen Ausgestaltung und Weiterentwicklung sich jede Menge Menschen in großer Dynamik auf vielen Ebenen beteiligen. Wie will man da zum Andern sagen: Du hast das Netz nicht verstanden!?

    WER bitte ist „das Internet“ ?

    Zum Beispiel die aktuelle Begeistertheit bzw. Verstörtheit rund um den Aspekt, der vom Elektrischen Reporter als „alles im Jetzt“ vorgeführt wird (ein gut gemachter Film!): Dass es nun diese schnellen Kommunikationsströme gibt, heißt doch nicht, dass damit alle anderen Formen demnächst obsolet sind. Auf was weisen denn die meisten Kurzbotschaften hin? Doch meist auf etwas stabilere Medien, die nicht ganz so kurz und schnell vorbei sind.

    Oder all die Irritationen, die sich auf das Niveau vieler im Netz anzutreffender Beiträge und Inhalte beziehen: das ist doch nicht „das Internet“, das sich da zeigt, rumrotzt, trollt, Pfauenräder schlägt, Rechtschreibung ignoriert, großkotzig wird oder abstruseste Sichtweisen auf alles und jedes als einzige Wahrheit verbreitet. Warum „bashed“ man also das Netz, wenn man doch die Menschen meint?

    Ein toller Blogtitel übrigens – und der Artikel macht Appetit auf mehr!

  3. Pingback: Anselm Venezian Nehls » das das und das dass

  4. Danke für den letzten Satz. Also für den ganze Text latürnich auch. Aber der letzte Satz ist sooo wichtig. Damit spricht er inzwischen zwei Generationen ab, etwas echtes, wertvolles und wichtiges zu tun. Ich ärgere mich immer so schrecklich, wenn ich GERADE von Autoren, die nichts anderes machen als Texte schreiben, diese Dichotomie vorgesetzt bekomme.

  5. »Über die Zeit habe ich festgestellt, dass besonders diejenigen, die über Bande von sich behaupten das Internet verstanden zu haben, am wenigsten verstehen. Dazu zählen Personen wie Nico Lumma, Thomas Knüwer, Jeff Jarvis und viele weitere.«

    Belege?

    »Wie kann ich eine Zeitung lesen, ohne dass irgendjemand mitbekommt, was ich lese?«

    Weshalb willst du das? Und warum glaubst Du, es offline tun zu können? Wenn Du mit einer FAZ im Straßencafé sitzt, kann jeder, der es möchte, in Erfahrung bringen, was Du liest.

    »Wie kann ich Sachen kaufen und dabei mit Bargeld bezahlen, ohne das der Vorgang registriert oder gar gespeichert wird?«

    Zunächst mal, indem Du Sachen kaufst und mit Bargeld bezahlst. – Verabschiede Dich jedoch von der irrigen Annahme, die Kassiererin würde nicht merken, dass Du bezahlst. Sie registirert und speichert es in ihre Registrierkasse.

    »Wie kann ich erfahren, was meine Bank über mich weiß und wer von meiner Bank Sachen über mich weiß?«

    Das wirst Du nie ganz erfahren können. – Nicht nur Deine Bank weiß mehr über Dich als Du glaubst. Sie würden auch dann nicht alles offen legen, wenn es ein Gesetz darüber gäbe.

    »Wie kann ich sicherstellen, dass meine Darstellung auf meiner Person fußt, anstatt auf der Aggregation von Merkmalen meiner Umwelt?«

    Kannst Du nicht. – Das Bild, dass Deine Umwelt sich von Dir macht, basiert nur zum Teil auf den Informationen, die Du über Dich verbreitest. Weitere Informationen aus der Gerüchteküche fließen immer ein. Und die Art und Weise, wie dieses Bild letztlich zusammengesetzt wird, bestimmen Sozialisation, Vorurteile, Absichten und andere soziale Filter desjenigen, der sich ein Bild von Dir machen will.

    »Wie läßt sich die lebensnotwendige Anonymität und Flüchtigkeit auch im Internet herstellen?«

    Gar nicht. Anonymität existiert nicht, seit Menschen soziale Wesen sind und den Wunsch haben, sich vor Zeugen zu verwirklichen. Das fängt schon bei Kleinkindern mit „Mutti guck mal“ an.
    Flüchtigkeit stellt sich ein, wenn Du anfängst, Dir weniger Gedanken darüber zu machen. Es bedeutet gar nichts, dass Informationen über Dich im Internet auf längere Sicht abrufbar sind. Und es bedeutet nichts, dass es nichts bedeutet. – Nimm Dich nicht zu ernst. Sei Mensch! Lebe! Liebe! Lache! Lass los!

    Schöne Grüße aus Berlin.

  6. @kadekmedien
    Wenn ich in einem Café sitze und eine Zeitung lese, dann kann derjenige, der hinter mir sitzt, sehen, auf welcher Seite der Zeitung ich bin. Wenn ich im Internet lese, dann kann jeder, der Zugriff auf die Daten bekommt, sehen, welche Seite ich wie lange gelesen habe. Für immer.
    Diese Situation ist wirklich von frappierender Identität.

  7. Ich erkenne den Unterschied nicht. – Die Einschränkung »kann jeder, der Zugriff auf die Daten bekommt, sehen, welche Seite…« kommt doch demjenigen gleich, der Dir über die Schulter sieht. Und wenn er ein gutes Gedächtnis hat (und Du ihm wichtig genug bist) merkt er sich das ein Leben lang ;)

  8. Danke! Ich selbst mag das Internet. Flapsig könnte man mich als fanboy bezeichnen. Gleichwohl bin ich eitel genug um zu sagen: ich bin ja nicht doof. Ich weiß: das Netz verändert. Und nicht alles muß „glatt“ verlaufen oder einfacher noch: „gut sein“. Oder „so wie es läuft“ gut sein usw..

    Was nervte mich immer das pawlische bellen, wenn der Name Schirrmacher nur fällt. Meistens habe ich danach den Artikel, wo ich doch öfters mal nicken konnte, noch schnell mal erneut aufgeschlagen, um dann erst fest zu stellen: tatsächlich, es ist von dem xy, wo alle immer so nervös pawlisch zucken und beißen. Da kommt dann der verdacht auf, die meisten Leute lesen Artikel umgekehrt: erst den Autorennamen und dann gleich mit passender Brille den Artikel.

    (Gebe aber zu, daß ich DANN immer etwas pawlisch reagiere.)

    Da ist ein Artikel wie Deiner sehr wohltuend. Sag ich mal frech vereinnahmend: gehts also nicht nur mir so beim „so kann es doch auch nicht immer sein“.

  9. @kadekmedien: ich glaube nicht, dass irgend jemand, der hier kommentiert, so beschränkt ist, den Unterschied nicht zu erkennen! WER ist schon die Person hinter mir, die sieht, was ich lese? Wogegen der Zugriff auf die vorratsgespeicherten Lese-Daten neugierigen Behörden und unübersichtlich vielen „sonstigen Akteuren“ im Detail Auskunft geben kann, was ich wann gelesen habe – und nicht nur die eine FAZ, sondern gleich ALLES!

    Man muss sich nicht blöder stellen als man ist, um hier partout Gegenrede anzubringen = meine Meinung!

  10. @Stefan – da kann man mal sehen, wie gut Marius Sixtus in das Bild passt.

    @Claudia – du hast prinzipiell recht. Das „Internet“ ist natürlich nur ein Sammelbegriff für eine Vielzahl eigentlich unterschiedlicher Entwicklungen. Ich hatte ja unten angemerkt, dass ich die online/offline-Unterscheidung auch problematisch finde. Wir teilen an dieser Stelle das Problembewußtsein. Ich würde allerdings nicht so streng auf die Menschen hinter dem Internet verweißen. Das „Internet“ (diese Möglichkeit der Kommunikation) wird nicht einfach nur vom Menschen genutzt, es ist nicht einfach nur ein weiteres Kommunikationsmuster, es hält durchaus eigene generative Mechanismen bereit – die sich in Wechselwirkung mit dem Benutzer fortentwickeln.

    @ben_ – Jo, die Frage ist nur, wie man das Phänomen ansonsten in möglichst wenigen Begriffen fasst.

    @kadekmedien – nee nee nee. Nur eine Sache: Flüchtigkeit und Anonymität sind ganz natürlich. Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird in 20 Jahren keiner mehr fragen: „Was haben sie gestern von 15-20 Uhr gemacht“, sondern man guckt in dem Bewegungsprofil der Funknetze, in der History der EC-Kartennutzung und den Webprofilen nach. Das ist ein Problem der völligen Entmündigung und die Lösung kann nicht darin bestehen, dass ich mich anders verhalte und mein Handy zuhause lasse.

    @malte – danke.

    @Chräcker – So läuft das im Internet – alles über Namen. ;-) Is ja bei mir auch nicht anders, Lumma, Knüwer, Jarvis, … da reagiere ich mittlerweile auch nur noch konditioniert.

  11. lieber Stefan,

    ich freue mich, dass du dir meine kritik zu herzen genommen hast, kann aber leider deinen kommentar weder freischalten, noch bearbeiten, denn mein wordpress kann solche simplen dinge seit dem letzten upgrade nicht mehr. daher hier kurz meine replik, auch wenn es off topic ist:

    hipness liegt mir fern, ich empfinde das problem als ein problem. ich habe angst um meine sprache, ganz ehrlich. anders als ironisch macht es leider keinen sinn, es zu äussern, denn der erhobene zeigefinger kommt ohne humor noch viel schlechter an, als er es es notwendigerweise sowieso tut.

    gross- und kleinschreibung beherrsche ich, sehe sie aber – genau wie das kindergartendeutsch – als eine frage der stilistik. rechtschreibung ist keine frage der stilistik. ich rede nicht von tippfehlern oder schwierigen wörtern, sondern von einem eigentlich gar nicht so unbegreiflichen unterschied zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen dingen. das eigentliche problem – und vielleicht hätte ich das klarstellen sollen – sehe ich darin, dass sich blogger nunmal vornehmlich in der blogosphäre aufhalten und das ganze sich langsam zu einer feedbackschleife aufschaukelt, so lange bis niemand mehr die regeln intuitiv erlernen kann, weil es jeder anders macht. es gibt keine lektoren für’s internet und für genau dieses problem leider auch keinen spellchecker.

    deinen artikel fand ich sehr schön, genau deswegen habe ich mich ja auch so geärgert. für mich ist das eine grobe unhöflichkeit deinem eigenen text gegenüber.

    ich werde bei gelegenheit das ganze nochmal etwas sachlicher formulieren.

    herzliche grüße.

  12. Ein schöner und vor allem mutiger Text. Ich finde auch, dass einige der Kollegen Berufstwitterer mit schöner Regelmässigkeit die falschen Fragen stellen. Es geht nicht um Google, Apple, Facebook, Foursquare und auch nicht darum – wie Saschalobo heute schrieb – ob man blippy.com gut findet. Es geht darum, dass hinter einer Reihe von Konzepten und Technologien gesellschaftliche Grundwerte in Frage gestellt werden, und das unausgesprochen und unreflektiert. Ich meine solche Vorgänge wie Facebook, das erst von heute auf morgen für 400 Mio User ein neues Verständnis von Privatsphäre implementiert, gefolgt von einigen, die daraufhin proklamieren, das Konzept von Privatsphäre sei überholt. Was Millionen Menschen nicht daran hindert, eine spassige Doppelgängerwoche zu vollziehen – nicht ahnend, dass das Ziel ist, dass sie hinterher aktuellere Profile haben.
    Gerade den letzten Satz des Beitrags habe ich leider nicht verstanden. Für mich ist die Unterscheidung der beiden Welten nicht verschleiernd, sondern aufdeckend. Mir hilft das sehr, beinahe jede Internet-Diskussion ins rechte Licht zu rücken.

  13. Es wird wieder in Fronten gedacht, kommt es mir vor. Dabei wird man selten einem Thema gerecht.

    Für mich ist eine vollkommene Anonymität und Anonymisierung gar nicht so förderlich für eine Gesellschaft. Es vereinzelt und fragmentiert uns noch mehr. Und doch, ich denke, daß wir viele Dinge viel lässiger veröffentlicht haben früher ohne wirklich darüber nach zu denken. Es war uns nicht wichtig und es ist auch nicht wirklich schlimm gewesen. Und es führte zum Teil zu Strukturen, die uns schützten. Der Nachbar schaute eben nicht nur, ob wir den Müll richtig trennte, sondern auch, ob der Mann mit der Skimaske wirklich durch das Fenster rein darf. (sehr stark überzogen vereinfacht freilich.)

    Und doch, ich denke auch, daß anderseits das entprivatisierende und enanonymisierende auf bestimmten Gebieten nun eine neue Dimension bekommen kann. Das technisch ganz neue Verknüfungen möglich sind, die nicht immer wirklich „gut“ sind.

    Und wiedrum anderseits ja, ich persönlich glaube, daß nun manche Leute mit Netztechnik-Ahnung, die alles zurückschrauben wollen an „Veröffentlichung persönlicher Dinge“ zu stark zurückschrecken, und nein, ich finde nicht, das sie deswegen Ignoranten sind und die genannten Gefahren keine sind.

    Es ist alles im Prozeß und im Wandel. Und wenn man jetzt in Fronten denkt, in reinem „richtig und falsch“ ist man unflexibel wie nur was (das ist jetzt mal meine Front) und wird tatsächlich dem, was da immer mehr entsteht, nicht gerecht.

  14. @Cräcker – keine Widerrede zu deinem Argument der sozialen Kontrolle. Problematisch ist sie jedoch, wenn sie nicht auf unmittelbaren Erfahrungen basiert, sondern aus Datenfragmenten konstruiert wird.

    Ein Student, der sich heutzutage in einer WG vorstellt, muss damit rechnen, dass er bereits bekannt ist, bevor er erscheint. Seine Profile im Internet stehen offen und werden auch entsprechend konsultiert. (Wer keine Profile hat, macht sich sogar ein wenig verdächtig.) Das lässt sich noch ertragen.

    Allerdings gibt es eine zweite Seite von Datenspuren, die die nicht kontrolliert werden kann: Bewegungsprofile, Einkaufshistorie, Suchhistorie, Kommunikationshistorie, … und zwar lückenlos. Im schlimmsten Fall wird anhand dieser Profile über einen gerichtet – die tatsächliche Person zählt dann kaum noch.

    Soziale Kontrolle (des Dorfes, der Schule) geschieht transparent. Im Internet ist dies anders. Sie ist verdeckt und nahezu vollständig.

    Daher: Datenbrief, Internetbargeld, Registrieren ohne gleich alles zu speichern, …

  15. @Christoph Kappes – die online/offline-Unterscheidung erachte ich als verschleidernd, weil sei eine Phänomenlage beschreibt aber nicht ihren Hinter- oder besser Untergrund. Es lassen sich Arbeitsumgebungen, Lebensgestaltungen, usw. nach online und offline unterscheiden. Die einen Arbeiten mit Papier die anderen mit dem Computer – sei es beim Ticketkauf, Freunde benachrichtigen, Tagebuchschreiben.

    Die Unterscheidung von online und offline ist meiner Ansicht nach eine einzelphänomenbezogene, beschreibende Unterscheidung. Sie eignet sich jedoch kaum, eine Gesellschaft selbst zu beschreiben. Viele der Phänomene, die in online/offline unterschieden werden können beruhen auf anderen Prinzipien. -> Das offline-Ticket am Bahnschalter gibt es nur, wenn in Vorbereitung online-Mechanismen funktionieren. Gleiches gilt für die Produktion von Büchern, Musicals, Milch und weiterem aller Kategorien.

    Die heutige Gesellschaft zeichnet sich durch eine Verschränkung von vielen Mechanismen und Prinzipien aus und jeder einzelne Etappe kann nach online/offline unterschieden werden – jedoch nicht alle zusammen. Nichts entsteht nur offline genauso wenig wird nichts nur online produziert.

    Die online/offline-Unterscheidung betrifft also nur eine Phänomenebene. Es gibt keine online-Welt unabhängig einer offline-Welt und umgekehrt. Und es ist meiner Ansicht nach nicht mal mehr möglich, im Einzelfall zu entscheiden, was eher online oder eher offline zu dem geworden ist, was es ist. Die Gesellschaft ruht (1) auf anderen und (2) mehreren Unterscheidungen als nur der einen von online/offline.

    Schirrmacher würde ich fragen, ob er tatsächlich glaubt, dass seine FAZ, die auf Papier geliefert ist, ein offline-Produkt ist. Sie ist es ganz sicher nicht.

  16. @Claudia #9
    Ich glaube auch nicht, dass einer der hier Kommentierenden zu beschränkt ist, zwischen dem, der mir im Café über die Schulter guckt und dem, der im Netz nach mir recherchiert nicht unterscheiden zu können. Darum geht es auch nicht. Ich meinte in meinem ersten Kommentar nicht den, der jemandem über die Schulter guckt, sondern „jeden, der es in Erfahrung bringen will.“ – Will heißen: jmd. sieht Dich im Vorübergehen in einer Modezeitschrift blättern… Geht in einen Kiosk, kauft sich die gleiche Zeitschrift und informiert sich (spekulierend), was Dich so interessieren könnte… – Er braucht Dir gar nicht direkt über die Schulter zu sehen. Und die Information, die Du „aussendest“ muss und wird ihm nicht reichen, also zieht er seine Spekulation hinzu und macht sich ein Bild von Dir, ob Du willst oder nicht; ob es Dir gefällt oder nicht; ob Du davon etwas bemerkst oder nicht.

    @all
    Im Übrigen ist es eine Sache, ob Suchmaschinen bereits vorhandene, veröffentlichte Informationen auf Anfrage eines Dritten zu einem Profil aggregieren, und eine gänzlich andere, ob staatlicherseits technologisch mögliche Daten auf Vorrat erhoben, gespeichert, ausgewertet, zugeordnet werden. Das eine ist eine moderne Dienstleistung in der Informationsgesellschaft. Das andere ist Freiheitsbeschränkung. Im Namen der Terrorismusbekämpfung bringt der Staat auf Eigeninitiative und unter Aufhebung der Unschuldsvermutung einen Generalverdacht hervor, der ihn zu präventiven Ermittlungen veranlasst. – Dass sich an dieser Stelle die Demokratie in eine postdemokratische Gesellschaft (zum Schlechteren für den Bürger) wandelt, wird mit nicht halb so viel Geschrei begleitet, wie der Umstand, dass Mark Zuckerberg das Ende der Privatsphäre proklamiert. – Dabei hat gerade Facebook wie keine andere Plattform Feintuningmöglichkeiten in Sachen Privatsphäre – man muss sie einfach nur benutzen, um wieder ruhig schlafen zu können…

    Es ist aber generell in der öffentlich zugänglichen Informationsgesellschaft so, dass für Privatpersonen das gleiche gilt wie für Firmen/Marken: andere können über mich reden. Das tun sie sowieso und haben sie auch schon immer getan. Durch das Internet vergrößern sich jedoch Reichweite und Verbreitungsgeschwindigkeit. Und ich mutmaße mal, dass es genau dieser Umstand ist, der für Aufregung sorgt.

    Einen Ausweg (oder ein Zurück) gibt es nicht. Kontrolle über den eigenen Informationsfluss erhält der Mensch am besten, indem er aktiv teilnimmt. Denn wer auch immer sich über jemand informieren will (in den anderen Kommentaren kam das schöne Beispiel vom Studenten und der WG): die verlässlichste Quelle aller Informationen über einen selbst ist man immer noch selbst. – Soll heißen, wenn jmd. viel kommuniziert und es wird nach ihm gegoogelt, welche Infos stehen dann en masse an erster Stelle? Und wie wirkt sich das auf das Bild von mir im Kopf des anderen aus?

    @Stefan Schulz
    Für das von Dir beschriebene Szenatio wird es keine 15-20 Jahre mehr brauchen… „völlige Entmündigung“ halte ich auch für einen etwas übertriebenen Ausdruck; sicherlich meinst Du den weitgehenden Kontrollverlust über die informationelle Selbstbestimmung… – Was das betrifft, stimme ich Dir zu und habe trotzdem noch einen anderen Aspekt parat. Denn informationelle Selbstbestimmung gibt es ja erst seit ca. 25 Jahren… Was, wenn es sich um einen Irrweg gehandelt hat, der nun wieder korrigiert wird? Was, wenn sich mit neuen Technologien die Mediennutzung, die Wahrnehmung, soziale Normen etc. wandeln? (letzte Frage rhethorisch gemeint, da es ja bereits geschieht)

    Ich halte es für Energieverschwendung, der ach so heiligen Privatsphäre hinterherzutrauern. Ich kann nämlich durch mein eigenes kommunikatives Verhalten so viel Staub aufwirbeln, dass man mich darin gar nicht mehr sieht ;) – Und ich denke es ist nützlicher, diese Energie gegen den Abbau demokratischer Grundrechte (wie z.B. die Unschuldsvermutung s.o.) zu richten und bspw. gegen Vorratsdatenspeicherung anzugehen.

    Im Übrigen: in 15-20 Jahren wird das Hintergrundrauschen durch das viele Geblubber im Internet so laut sein, dass der einzelne darin gar nicht mehr auszumachen ist.

  17. @Kadekmedien: Wegen der FETTUNG doch noch genau dazu zwei Anmerkungen.

    1. Suchmaschinenanbieter, die URLs und Suchanfragen speichern, betreiben dies für die Zukunft, genauso wie Anbieter bzw Nutzer von Ad-Targeting (wenn es nicht real-time contextual targeting ist.) Das ist Vorratsdatenspeicherung par excellence, nämlich auf Vorrat für die nächste Suche und die nächste Werbeeinblendung. (Das Thema Identitätsermittlung und De-Anonymisierbarkeit lasse ich aussen vor, Sonderthema).
    2. Das Pradigma, dass Aggregatoren und SuMa nur etwas ohnehin veröffentlichtes aggregieren, ändert sich gerade. Mit maschinellen Verfahren werden schon seit zig Jahren Prognosen für Bonität abgegeben, die eben NICHT gesammelte Fakten, sondern geschlossene Wahrscheinlichkeitswerte sind. Genau diese Entwicklung beginnt jetzt bei sozialen Netzwerken, eCommerce und auch beim Targeting von Newsdiensten.
    Ich will damit nicht werten, das kann gut gehen, oder auch nicht, und es hängt viel von Vertrauen in die Beteiligten und die gesellschaftlichen und rechtlichen Mechanismen ab.

    Auch für mich ist staatliches Einwirken in Freiheitsrechte etwas anderes als die Verarbeitung freiwillig abgegebener Daten. Aus einer politischen Sicht kann letzteres aber unerwünscht sein, weil es diskriminierend sein kann. Ich möchte nicht, dass Maschinen künftig über Homosexualität, Kriminalität, Lebenserwartung etc einzelner namentlich benannter Mitbürger öffentlich spekulieren.

  18. @Christoph Kappes

    zu 1.: Ja, bei den URL und Suchanfragen, die für die Zukunft gespeichert werden, handelt es sich – wenn man so will – auch um Vorratsdatenspeicherung. Das ändert jedoch a) nichts an der Tatsache, dass es sich um bereits veröffentlichte, freiwillig eingestellte Informationen handelt, was der Verbesserung einer modernen Dienstleistung dient. Und b) ändert es auch nichts daran, dass das Wort „Vorratsdatenspeicherung“ bereits (negativ) besetzt ist, durch das, was von staatlicher Seite betrieben wird, nämlich das Einsammeln, Speichern, Zuordnen von nicht freiwillig und nicht öffentlich bereit gestellten Daten. – Das eine ist eine Recherche-Dienstleistung, das andere Spionage.

    zu 2.: Natürlich werden immer häufiger Algorithmen verwendet, um Wahrscheinlichkeiten aus Suchergebnissen zu ermitteln, die eine darauf basierende Dienstleistung mit Mehrwert versehen (sei es Ad-Targeting, Bonitätsermittlung, was auch immer). Das bringt das Informationszeitalter so mit sich, dass Informationen letztlich als Rohstoff dienen. So wie die Industrialisierung den Massenkonsum nach sich gezogen hat. – Das ist per se nichts Schlechtes oder Böses, und wie idiotisch sich das auswirken kann, sieht man ja daran, dass die aktuelle Wirtschaftskrise u.a. auf der Kreditvergabe an amerikanische Eigenheimbesitzer beruht…

    Dass Algorithmen u.a. auch zur Ermittlung von Wahrscheinlichkeiten im Persönlichen verwendet werden können, ist nur folgerichtig, wenn auch aus Sicht des Einzelnen nicht wünschenswert. – Diskrimierend ist es nicht, denn das kann immer nur die darauf basierende Handlung eines Menschen sein. Also wenn etwa ein Algorithmus anhand von soundsoviel schwulen Freunden unter meinen Friends Facebook „vorschlägt“, schwule Werbung für mich einzublenden, wird Facebook spätestens dann reagieren, wenn ich die Werbung ausschalte oder nach soundso häufigem Einblenden nicht anklicke. – Will sagen, die Algorithmen lernen da noch von einander… – Wirklich dramatisch würde es werden, wenn ich online den Koran studiere und plötzlich Besuch von der Gesinnungspolizei bekomme. – Vor dem Internet hab ich keine Angst, vor den Algorithmen nicht und nicht vor den Wahrscheinlichkeiten, sondern immer nur vor dem, was Menschen in Machtpositionen daraus machen und wen sie als tragende Mehrheit alles so hinter sich versammeln können ;)

  19. Pingback: Die Angst vor dem Kontrollverlust « kadekmedien's Blog

  20. Wir reden aneinander vorbei.
    Ich argumentiere materiell-politisch:
    1. Wieviel % der Bevölkerung wissen, dass ihr surfverhalten (bzw ihre IP, sofern statisch) auf rund 10.000 Websites getrackt, aggregiert und analysiert wird – obwohl sie nie explizit „wirklich“ zugestimmt haben? (Ein Link auf ein 199-Wort-Getüm ist materiell kein Opt-In!)
    2. Warum wollen wir von unseren Kindern nicht, dass sie (stumpfe) Vorurteile haben, bauen dann aber Maschinen, die diese Information bereitstellen? Sagen Sie ihrem Kind auch, „Du kannst über Minderheiten denken, was Du willst, Hauptsache Du tust denen nichts böses.“?

  21. @Stefan Schulz
    „Waffenbesitz, Atomstrom, Gentechnologie“ – findest du nicht, dass diese Themen in einen ganz anderen Bereich gehören? Denn die Hauptgefahren dieser drei Dinge sind ja direkte (bzw. bei Gentechnologie ggf. indirekte) Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit von Menschen, die sich im Regelfall nicht wirklich dagegen wehren können (also z.B. erschossen oder verstrahlt werden). Und da willst du jetzt das „Gutfinden“ vergleichen mit dem „des Internet“? Ganz abgesehen davon denke ich, dass die meist schwarz-weiß geführten Diskussionen zumindest zu den Themen Atomstrom und Gentechnologie verhindert haben, dass das positive Potential dieser Dinge in einem gesunden Rahmen genutzt wird. Aber das ist ein anderes Kapitel.

    Warum nimmst du also nicht Beispiele heran, die auch etwas mit in erster Linie gesellschaftlichen Auswirkungen (oder auch Gefahren) zu tun haben. Wir haben es hier mit einem neuen Informations-Medium zu tun. Also warum vergleichst du nicht mit dem „Gutfinden“ anderer Medien von Fernsehen, Telefon, Handies, Buchdruck, Morsen?

    Du nennst konkret Nico Lumma, Thomas Knüwer und Jeff Jarvis – die „und viele weitere“ würden am wenigsten verstehen. Das hast du festgestellt. Woran? Wenn ich deine Warnung (ist es eine?) befolgen möchte, müsste ich doch wissen, wo die jetzt alle falsch liegen. Zumindest einer, vielleicht?

    Bei uns um die Ecke am Kiosk sitzt zu 90% immer der gleiche Verkäufer. Mal ganz ehrlich, wenn der ein halbwegs gutes Gedächtnis hat (und wenn ich dort regelmäßig einkaufen würde), weiß der auch so einiges über mich. Unter anderem z.B., welche Zeitung ich kaufe, wie viel Alkohol ich kaufe und wie viele Kondome ich kaufe (und alle damit verbundenen Interpretationsmöglichkeiten). Und wie wussten die Menschen vor 100, 50 oder 20 Jahren, was die Bank (und vor allem die Bankangestellten, die ja vielleicht auch mal mit verschiedenen Menschen sprechen, die untereinander Geschäfte machen) für Informationen über sie speichert?

    Das sind Dinge, die mich an deiner Argumentation stören. Aber darum geht es mir nicht im Kern. Und ich will beim besten Willen die Wichtigkeit von Datenschutz und vor allem informationeller Selbstbestimmung nicht herunterspielen. Ich will ich auch nicht leugnen, dass die Vernetzung durch das neue Medium Internet auch neue Arten von Missbrauch dieser Daten unterstützt oder gar erst ermöglicht.

    Du stellst zwei sehr interessante Fragen:

    1. Wie kann ich sicherstellen, dass meine Darstellung auf meiner Person fußt, anstatt auf der Aggregation von Merkmalen meiner Umwelt?

    Wie stellst du das denn im Leben außerhalb des Internets wirklich sicher? Verhinderst du, dass sich Menschen über dich unterhalten? Verhinderst du, dass sie Fotos, die sie von dir machen, auch anderen Menschen zeigen? Kannst du das kontrollieren? Wie stellst du denn sicher, dass deine Darstellung auf deiner Person fußt, außer durch Taten (z.B. mit wem du dich auf der Straße zeigst, aber auch wie du dich deiner Umwelt sonst gegenüber verhältst) und Worte zu kommunzieren? Nichts anderes tust du auf den Plattformen, die im Internet angeboten werden.

    2. Wie lässt sich die lebensnotwendige Anonymität und Flüchtigkeit auch im Internet herstellen?

    Wie lässt sich die denn im Leben außerhalb des Internets wirklich herstellen? Wechselst du häufig Namen, Wohnort, Kleidung, Haarfarbe, Frisur? Kaufst du bei immer unterschiedlichen Geschäften in verschiedenen Städten ein, damit sich keine Muster erkennen lassen? Wie stellst du sicher, dass dich nicht doch jemand Fremdes wiedererkennt?

    Worauf ich hinaus will ist, dass du keine neuen Probleme, Gefahren oder Sachverhalte beschreibst, sondern uralte, die sich – Dank Internet – in neuen Formen darstellen. Und die Art, wie die Diskussion zumeist (auf beiden Seiten) geführt wird, führt sicher nicht zur Lösung alter wie neuer Probleme. Und wenn ich mir anschaue, was ich hier bisher kommentiert habe, darf ich mich da selbst nicht ausschließen.

    Ich frage mich nur, ist Aufklärung nicht ein besserer Weg als Warnen (für mich unweigerlich auch mit Regulieren, Einschränken und Verbieten verbunden)? Es geht hier ja um Informationen und nicht um Schusswaffen oder radioaktives Material. Mit Aufklärung meine ich das Vermitteln eines sinnvollen Umgangs mit den jeweiligen Medien. Also das Einordnen und Überprüfen von Informationen. Lernen, welche Risiken man mit der Preisgabe von Informationen eingeht. Sich zeigen lassen, wie man mit Hilfe von Technologie aber auch der nötigen Selbstdisziplin nicht in der Informationsflut untergeht, sondern sinnvoll filtert. Alles eigentlich keine neuen Probleme, der Umgang mit den „klassischen“ Medien ist mir in der Schule (gerade einmal 10 Jahre her) auch nicht beigebracht worden. Und mir scheint, auch heute kümmert sich kaum jemand darum, dass das in Zukunft passiert, sondern vermeldet lieber publikumswirksam, dass das doch alles so nicht richtig sein kann (soll kein Angriff auf dich persönlich sein).

  22. Stefan Wild, dass sie soviel kommentieren finde ich bemerkenswert aber auch anstrengend, da sie sich auf meine Argumentation nicht einlassen. Ich müsste jetzt meinen Text komplett nochmal schreiben um auch sie zu überzeugen…

    Daher nur kurze Anmerkungen.

    – Mir geht es nicht darum, das Internet in seinem Wesen mit anderen Kommunikationsformen zu vergleichen, wie sie es nahelegen. Ich wähle mit Absicht “Waffenbesitz, Atomstrom, Gentechnologie” weil es mir um die Ähnlichkeit des Problems geht. Das Problem ist: ‚Was hilft und vereinfacht uns das Leben versteckt jedoch seine Nebenwirkungen?‘

    – Die Flüchtigkeit der Welt besteht darin, dass kein Smalltalk, kein Bargeldeinkauf, kein Besuch irgendwo objektiv erfasst wird. Der Vergleich zur Bäckerin, die mich jeden Morgen beim Zeitungs- und Brötcheneinkauf beobachtet ist absurd (und auch dumm (- ich erlaube mir diese Bewertung)).

    – Mir ging es nicht darum, vor dem Internet zu warnen, sondern noch eine Ebene höher davor zu warnen, die Gefahren auszublenden. Ihrem Einwand, man solle lieber Aufklären statt Warnen liegt meiner Ansicht nach ein Kategorienfehler zu Grunde.

    – Lumma, Knüwer & Jarvis. Diese Leute verstehen nicht, weil sie keine Unterscheidung reflektieren, sondern von Prämissen ausgehen. In dem Fall: Das Internet ist gut! Es gibt aber kein „gut“ ohne die Konturierung zu „schlecht“. Und: während man gut als Einzelwert zentral setzen muss, kann man eine Unterscheidung wie „gut/schlecht“ von anderen Unterscheidung unterscheiden. Das gelingt diesen Leuten nie. So lange es ums Internet geht, können sie sich auf nichts einlassen ausser: „Das internet ist gut!“ bzw. „Besser als alles zuvor!“. Man darf diesen Leuten z.B. nicht kommen mit „Das Internet ist voll nervig“ oder „ziemlich zeitraubend“ oder „Verleger ziemlich arm machend“ – stets hat man dann nicht begriffen, dass es nur draum gehen soll, dass es „aber, aber, aber gut ist“.

  23. Herr Schulz (ich wusste nicht, dass hier das „Sie“ üblich ist, sorry),

    schön, dass wir es offensichtlich wenigstens schaffen, zu erkennen, wo wir aneinander vorbei schreiben. Ich versuche, mich diesmal kurz zu fassen ;)

    Mit meinem Kommentar wollte ich darauf hinweisen, dass die Nebenwirkungen bei Ihren Vergleichsbeispielen in erster Linie Gesundheitsgefährdungen, die unfreiwillig hingenommen werden müssen sind, während es beim Internet als Kommunikationsmedium eher gesellschaftliche und wirtschaftliche sind, wobei mir die Wahl offensteht, ob und wie ich mich diesen Risiken aussetzen will oder nicht. Wie ich finde, zwei vollkommen unterschiedliche Kategorien von Problemen, die bei nur in einem einzigen Aspekt („Gutfinden“ bei gleichzeitigem Übersehen der möglichen Nebenwirkungen) ähnlich sind. In meinem Auge strahlen die oben beschriebenen anderen Aspekte bei dem Vergleich aber auf „das Internet“ aus. Deshalb meine Beschwerde.

    Mir ging es mit dem „Verkäufer erfasst Daten“ Beispiel eher darum, zu zeigen, dass die Menschen generell (nicht nur auf das Internet beschränkt) dazu neigen, reichlich Informationen preiszugeben. Erst später fällt den Menschen dann auf, dass diese Informationen ja auch negative Auswirkungen haben könnten. Das Verarbeiten dieser Daten in elektronischer Form hat sicher schon Ausmaße angenommen, bei denen man sehr kritisch hinterfragen bzw. überprüfen muss, was da passiert.

    Aber das passiert ja auch. Die von Ihnen angeführten Positivbeispiele CCC und FoeBud kann ich z.B. so bedenkenlos „unterschreiben“, da hier meiner Ansicht nach aufgeklärt (!) gewarnt und vor allem auch konstruktiv agiert wird. Denn da stehen Menschen hinter, die sich eingelassen haben auf die Dinge, vor deren Nebenwirkungen sie warnen. Bei den Bruchstücken, die ich von Herrn Schirrmacher (und vielen weiteren Vertretern seiner Branche) medial wahrgenommen habe, kann ich das nicht sehen (vgl. http://www.sueddeutsche.de/computer/218/495543/text/).

    Aussagen wie “Das Internet ist voll nervig” oder “ziemlich zeitraubend” sind (mit Verlaub) auch einfach Quatsch. Belege sortieren ist auch voll nervig und ziemlich zeitraubend ;-) „Verleger ziemlich arm machend“ ist auch nicht „das Internet“, und hier wird es spannend, sondern eine Marktveränderung, die u.a. durch Entwicklungen im Internet zustande gekommen sind. Und dass Marktveränderungen durch technologische (und ggf. daraus folgende gesellschaftliche) Entwicklungen einzelne Marktteilnehmer „arm machen“ bzw. verdrängen kann, mag zwar schmerzhaft sein für diese (mitunter verwöhnten?) Marktteilnehmer, ist meines Erachtens aber nichts „schlechtes“.

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