Blablabla, Twitter, Facebook, bla, History, bla

Es macht ja viel Spaß, Soziologie zu betreiben und daraus Schlüsse für den Alltag zu ziehen. Man erkennt, dass Taxifahrer ebenso zutreffend über Politik reden können wie Anne-Will-Gäste, dass poetische Vierzeiler mehr über die Welt aussagen als Jahrtausende alte Religionstexte oder dass meine Oma mehr über Rückenschmerzhilfe weiß als mein Arzt. All dies ermöglicht die ständig präsente Unterscheidung von Gerede und Gemache. Keiner hat ein Vorrecht darauf (oder die Möglichkeit), die Wahrheit des Gemaches zu ergründen, nur weil er es sich zum Thema des Geredes erwählt hat. Alles funktioniert einfach, weil es funktioniert und ob man darüber redet oder nicht, entscheidet noch nicht, wie es funktioniert oder ob überhaupt.

Gerede bleibt Gerede und Gemache bleibt Gemache.

Das zu akzeptieren ist natürlich schwer. Weder Hubertus Heil, noch meine Oma, noch Ich möchten gerne des Wunschdenkens, Träumens oder der Autosuggestion überführt werden. Der Mensch ist eben die Kreation, der neben Wahrnehmungen auch Vorstellungen zur Verfügung stehen, um sich ein Bild von der Welt zu machen.

Trotzdem. Manchmal, wenn wieder so eine Welle von Gerede die Welt erfasst, kann man nicht umhin sich selbst eine Meinung darüber zu bilden. Heute: Die Internetfaselei derjenigen, die gerne wollten aber nicht können. Ich interpretiere es mal so: Auf der einen Seite gibt es Regionen in der Welt, in denen kriegsähnliche Zustände herrschen, Menschen leiden und unmittelbar Not herrscht. Dort bedeutet das Internet ein wahres Glück für Kommunikationsanliegen. Es füllt die Lücken etablierter Massenmedien und erlaubt, über alles zu berichten was um einen herum passiert. Es sorgt für Anteilnahme, Hilfe und Solidarität, die ansonsten nicht möglich wäre.

Auf der anderen Seite gibt es Regionen in der Welt, die befriedet sind, in denen Luxusprobleme vorherrschen und jeder so ziemlich das Machen darf was er machen will. In diesen Regionen, Kalifornien oder Hamburg, werden die Internetkommunikationsmittel, die oben erwähnt sind, entwickelt und zur Verfügung gestellt. An einem mangelt es jedoch: an der Notwendigkeit, sie so sinnvoll einzusetzen, wie in den oben genannten Regionen.

Was macht man also? Man feiert, huldigt und bewundert die Technik, die so eindrucksvoll eingesetzt wird.

Und ehrlich: Genau das nervt. Das sich die Twitterleute selbst so zurückhalten finde ich großartig. Dass jedoch ein Filmemacher nach dem anderen und alle Tedtalker zusammen sich andauernd über die großartige neue Welt freuen die, wer sollte daran Zweifeln, «Geschaffen um zu helfen», nun zur Verfügung steht, nervt. Das Abfeiern der neuen Kommunikationstechnologien ist nerviges und zeitverschwendendes Gerede. Der Glaube, dass das Gerede auf das Gemache Einfluss hat oder erkenntnisträchtig ist, bleibt Glaube und die Verlautbarerei ist teilweise peinlich.

Das Abfeiern von Twitter und Co. wäre dabei eigentlich das richtige Stammtischthema, denn um mehr als gute Laune, Erheiterung und Freude geht es dabei nicht. Es ist das richtige Thema für Geselligkeit, Ermächtigungsgedanken des kleinen Mannes (die berechtigt sind), usw.

Für diejenigen, die dennoch auf derartiges abfahren oder wissen möchten, worum es geht hier zwei Links. Ganz profan ohne Einbettung.

Und falls der falsche Eindruck entstand: Twitter ist das großartigste Ding im Internet, nur das blinde Gefeiere auf großen Bühnen nervt.

Film & Talk

Diplom-Soziologe aus Jena via Bielefeld in Frankfurt am Main. Kümmert sich promovierend um die Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen "Kommunikation unter Unbekannten" und ist heute Journalist. stefanschulz.com

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